Marsch in den Stromstaat: Zehn Lektionen aus E.Ons Radikalumbau

Marsch in den Stromstaat: Zehn Lektionen aus E.Ons Radikalumbau

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Unter dem Druck der Energiewende plant E.On einen tiefgreifenden Konzernumbau.

von Reinhold Böhmer

E.On baut kräftig um und gliedert seine Atom- und Kohlekraftwerke aus. Der Kurswechsel des größten deutschen Energieversorgers ist ein Signal für die Branche - und ganz Deutschland.

Mit der geplanten Ausgliederung der Atom- und Kohlekraftwerke gibt der Düsseldorfer E.On-Konzern der gesamten Branche die künftige Richtung vor. Mit diesem historischen Schritt sendet der Marktführer einige deutliche Botschaften an Politiker, Stromkunden, Beschäftigte und Aktionäre.

Erstens: Dreieinhalb Jahre nach der desaströsen Havarie des Atomkraftwerks im japanischen Fukushima zeigt sich, dass die vier Stromriesen E.On, RWE, EnBW und Vattenfall mit ihrem Geschäftsmodell endgültig an die Grenze stoßen. Schulter einziehen, Stellen streichen, hier und da ein paar Einschnitte - all das reicht nach dem Beschluss der Bundesregierung zum Atomausstieg bis 2023 nicht mehr. Nur noch der Totalumbau hilft.

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Die künftige E.On-Struktur

  • Aufspaltung

    E.On will das Geschäft mit der Stromerzeugung aus Atom-, Kohle- und Gaskraftwerken sowie der Energiehandel 2016 mehrheitlich an die eigenen Aktionäre verschenk und an die Börse bringen. Die übrigen Anteile will E.On danach in kleineren Schritten über die Börse verkaufen. Der verbleibende Konzern besteht dann eigenen Angaben zufolge mit insgesamt 40.000 Mitarbeitern und 33 Millionen Kunden aus den drei Säulen: Erneuerbare Energien, Energienetze und Kundenlösungen.

    Quelle: Nachrichtenagentur Reuters (Stand: Dezember 2014)

  • Erneuerbare Energien

    Im Bereich Erneuerbare Energien steht E.On nach eigener Einschätzung weltweit auf Platz drei der Offshore-Windkraftbetreiber. In europäischen Gewässern betreibt E.On Anlagen mit einer Kapazität von 0,7 Gigawatt (GW). An Land betreibt der Versorger derzeit Windparks mit einer installierten Kapazität von 3,6 GW, davon 1,1 GW in Europa und 2,5 GW in den USA. Vorstandschef Johannes Teyssen kündigte an, im Zuge der Neuausrichtung das Solargeschäft auszubauen. Die Wasserkraftwerke sollen dagegen mit den Atom- und Kohlekraftwerken in die neue Gesellschaft ausgegliedert werden. 2013 setzte E.On im Bereich Erneuerbare Energien mit rund 1700 Mitarbeitern 2,436 Milliarden Euro um, das Ebitda belief sich auf 1,431 Milliarden Euro.

  • Energienetze

    E.On verfügt über mehr als eine Million Kilometer Stromnetze, davon 411.000 Kilometer in Deutschland, 136.000 in Schweden, 314.000 im übrigen Europa und 200.000 Kilometer in der Türkei. Neben Investitionen ins Netz plant Teyssen Zukäufe in ausgewählten Regionen.

  • Kundenlösungen

    Der Geschäftsbereich Kundenlösungen umfasst rund 33 Millionen Kunden, 7,7 Millionen in Großbritannien, 6,1 Millionen in Deutschland, 10,4 Millionen im übrigen Europa und neun Millionen in der Türkei. E.On will durch die Modernisierung seiner Netze den Kunden künftig neue Produkte und Dienstleistungen rund um das Thema Energieeffizienz und dezentrale Erzeugung liefern.

  • Neue Gesellschaft

    Bei den ausgegliederten Geschäftsteilen - Stromerzeugung aus Atom-, Kohle- und Gaskraftwerken sowie der Energiehandel - werden künftig noch 20.000 Mitarbeiter beschäftigt sein. Das Ebitda auf Basis von 2013 beträgt gut vier Milliarden Euro.

Zweitens: Die Konzerne haben wertvolle Zeit vertan. Zunächst nutzten sie nicht die Chance, die ihnen die rot-grüne Bundesregierung Mitte der 2000er-Jahre bot: Sie verweigerten das Angebot, bis zum damals geltenden schleichenden Ausstieg aus der Atomkraft massiv und von der Ökostromumlage unterstützt in erneuerbare Energien zu investieren.

Stattdessen taten sie alles, um unter der Ägide des früheren RWE-Chefs Jürgen Großmann die nachfolgende schwarz-gelbe Koalition zur Laufzeitverlängerung für die Atommeiler zu drängen. Als Kanzlerin Angela Merkel dann nach Fukushima das schnelle Aus der Atomkraft exekutierte, fanden sich die Konzerne komplett auf dem selbst verschuldeten Irrweg.

Drittens: Nicht nur die Atom-, auch die Kohlekraft ist ein absolutes Auslaufmodell für Konzerne, um damit mittelfristig noch Geschäfte machen. Strahlende und CO2-trächtig Energieträger werden immer mehr zur Restgröße. Sie werden entweder einmal ganz verschwinden oder nur noch im Kleinen gebraucht, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.

Deutsche Energieversorger im Vergleich

  • E.On

    Umsatz im Jahr 2013: 36,8 Milliarden Euro

    Kraftwerkskapazität im Jahr 2013: 18.518 Megawatt

    Stromabsatz im Jahr 2013: 704 Terawattstunden

    Anteil Erneuerbaren Energien: 11 Prozent

    Quelle: Statista, Unternehmen

  • RWE

    Umsatz im Jahr 2013: 28,1 Milliarden Euro

    Kraftwerkskapazität im Jahr 2013: 28.257 Megawatt

    Stromabsatz im Jahr 2013: 271 Terawattstunden

    Anteil Erneuerbaren Energien: 6 Prozent

    Quelle: Statista, Unternehmen

  • EnBW

    Umsatz im Jahr 2013:20,5 Milliarden Euro

    Kraftwerkskapazität im Jahr 2013: 13.802 Megawatt

    Stromabsatz im Jahr 2013: 128 Terawattstunden

    Anteil Erneuerbaren Energien: 13 Prozent

    Quelle: Statista, Unternehmen

  • Vattenfall

    Umsatz im Jahr 2013: 15,3 Milliarden Euro

    Kraftwerkskapazität im Jahr 2013: 18.352 Megawatt

    Stromabsatz im Jahr 2013: 86 Terawattstunden

    Anteil Erneuerbaren Energien: 23 Prozent

    Quelle: Statista, Unternehmen

Viertens: Den Stromkonzernen bleibt nur, sich möglichst schnell von diesen Geschäftsteilen zu trennen, um nicht über Jahre ihr Ergebnis zu gefährden. Das gilt vor allem für die börsennotierten Riesen E.On und RWE. Jedes Jahr Verzögerung auf diesem Weg verschiebt die Probleme nur, statt sie zu lösen.

Fünftens: E.On-Chef Teyssen ist es hoch anzurechnen, dass er sich – wie spät und wie notgedrungen auch immer – als erster zu diesem Befreiungsschlag durchgerungen hat. Seinen Kollegen von RWE und EnBW wird dieser Schritt viel schwerer fallen, weil sie dazu auch das direkte Plazet der Politik benötigen: EnBW von christdemokratischen Landräten und RWE von Bürgermeistern, die die kommunalen Aktionäre der beiden Konzerne vertreten und ihre Dividenden davonschwimmen sehen.

Sechstens: Die Abspaltung der Atom- und Kohlesparte bei E.On wird für die Aktionäre ein Abenteuer. Indem die Aktien der künftigen Schmuddeltochter zu den E.On-Aktien ins Depot gelegt werden, schleppen die Anteilseiger etwas auf dem Beipackzettel mit, dessen Wert ungewiss ist und im schlimmsten Fall gegen null tendiert. Ihr einziger Trost besteht darin, dass der Wert der bisherigen Aktien davon nicht tangiert wird. Für RWE wird ein solcher Schritt wegen der immensen Bedeutung des Klimagas-Monsters Braunkohle, für EnBW wegen der vielen Atom- und Steinkohlemeiler aber weit schmerzhafter.

Siebtens: Für die Beschäftigten der Stromkonzerne gehen die paradiesischen Jahrzehnte nach dem zweiten Weltkrieg endgültig zu Ende. Saftige Löhne dank monopolartiger Arbeitgeber werden in ein paar Jahren für immer der Vergangenheit angehören.

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"Radikaler Wandel: Eon verabschiedet sich von Atom, Kohle und Gas" Quelle: dpa

Achtens: Die Stromkonzerne selber drohen letztlich in kleine Einheiten zu zerfallen, die Modelle der zentralen Stromversorgung von dezentralen Lösungen abgelöst zu werden.

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Neuntens: Der Druck auf die Politiker, sich in die Stromversorgung noch mehr als bisher einzuschalten, wird durch die Entscheidung von E.On weiter gesteigert. Wenn die Steinkohleförderung als öffentlich-rechtliche Stiftung und gescheiterte Banken in staatlichen Bad Banks aufgewickelt werden, wieso sollen dann nicht auch die schmutzigen Reste aus dem Bestand der Stromkonzerne auf diese Weise enden? Immerhin dienen sie ja der Sicherheit der Stromversorgung, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint.

Zehntens: Es deutet vieles darauf hin, dass den deutschen Steuerzahlern eine gigantische Atom- und Kohlemeiler-Stiftung droht. Deren offene Rechnungen, die über die möglichen Einlagen der Stromkonzerne hinausgehen, würden nicht mehr von den Aktionären von E.On und Co. übernommen - sondern von den Stromkunden und/oder den Steuerzahlern.

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