Peter Reitz im Interview: "Immer mehr auf Sicht"

ThemaEnergiewende

Peter Reitz im Interview: "Immer mehr auf Sicht"

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Peter Reitz, Chef der Leipziger Strombörse

von Andreas Wildhagen

Der Chef der Leipziger Strombörse will eine Reform beim Ökostrom und plant Zertifikate für grüne Energie.

WirtschaftsWoche: Herr Reitz, hat sich der Stromhandel an der Energiebörse EEX in Leipzig seit der Energiewende verändert?

Reitz: Ja, gravierend!

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Und wie?

Es ist alles sehr viel schneller geworden. Die Marktteilnehmer müssen immer kurzfristiger reagieren, weil sich auch die Rahmenbedingungen immer schneller verändern. So haben wir bei der EEX eine Verschiebung der Handelsaktivitäten hin zu kurzfristigen Produkten gesehen.

Einen Spotmarkt für den Handel mit kurzfristig verfügbaren Strommengen gab es doch schon immer.

Ja, den sogenannten Day-Ahead-Markt, an dem Strommengen heute gehandelt und morgen geliefert werden. Seit der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima und angesichts des steigenden Anteils schwankender Strommengen aus Erneuerbaren kaufen immer mehr Händler Strom auch für die nächsten Stunden des laufenden Tages am sogenannten Intraday-Markt. Selbst das ist vielen Marktteilnehmern noch zu langfristig. Deshalb bieten wir seit Ende letzten Jahres an, Strom sogar viertelstundenweise zu kaufen und zu verkaufen. Der Anteil des gehandelten Volumens am Spotmarkt entspricht etwa 40 Prozent des deutschen Stromverbrauchs.

Wie hoch ist der Anteil des Blitzhandels?

Die Viertelstundenprodukte machen in Deutschland inzwischen gut zehn Prozent des Intraday-Handels aus.

Woher kommt das Bedürfnis, immer kurzfristiger reagieren zu können?

Vom zunehmenden Anteil des Stroms aus Wind- und Sonnenenergie. Dadurch wird das Stromangebot immer wetteranfälliger. Die erneuerbaren Energien erschweren es, zuverlässig langfristige Prognosen zu treffen. Die Händler fahren daher immer mehr auf Sicht. Allgemeine Wettervorhersagen für zwei Wochen sind gerade noch so machbar. Für den morgigen Tag und die kommende Woche dagegen hilft satellitengestützte Prognosetechnik, für jede Stunde und für jede Region ziemlich genau vorherzusagen: Wann weht der Wind wo und wie stark, wie lange scheint die Sonne in der verbrauchsstarken Mittagszeit? Solche Angaben sind für die Preisbildung von entscheidender Bedeutung, je mehr die konventionellen Kraftwerke von erneuerbaren Energien abgelöst werden.

Der Strompreis an der Börse sinkt, die Emissionszertifikate für den CO2-Ausstoß werden billiger. Trotzdem zahlen Stromverbraucher immer mehr. Warum funktioniert der Strommarkt nicht?

Wir sind nur für die Großhandelspreise zuständig, und da funktioniert der Markt. Zurzeit werden allerdings 25 Prozent des in Deutschland erzeugten Stroms nicht nach Marktpreisen bezahlt. Das ist der Ökostrom, für den die Hersteller nach dem EEG eine feste Einspeisevergütung erhalten. Das ist auf lange Sicht keine gesunde Situation. Die Bundesregierung hat ja sogar das Ziel, dass die erneuerbaren Energien bis zu 80 Prozent des Stromes liefern sollen. Wenn dafür dann die Preise garantiert werden, ist der Markt beim Strom praktisch tot.

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Was schlagen Sie vor?

Die Förderung der erneuerbaren Energien sollte sich am Marktpreis für Strom orientieren, also zum Beispiel in Form eines Zuschlags zum Marktpreis. Heute erhalten Ökostromhersteller einen festen Preis, egal, was der Strom auf dem Markt kostet. Da fehlt der Anreiz, auf den Bedarf zu reagieren und die Kosten zu senken. Auch das Privileg, dass Ökostrom vorrangig eingespeist wird, sollte nur gelten, solange dies kleine Mengen betrifft. Fließt massenhaft Ökostrom zu garantierten Preisen ins Netz, verzerrt das die Preisbildung am Markt. Wichtig ist aus unserer Sicht eine stärkere Integration in den Markt. Man könnte sich langfristig aber auch ein Quotensystem vorstellen, das Erzeugern, aber auch Großverbrauchern einen bestimmten Anteil an Erneuerbaren vorschreibt.

Wie wird der Nachweis erbracht?

Reitz: Wir wollen von 2013 an den Handel von Grünstrom-Zertifikaten anbieten. Wer Strom etwa aus Wasserkraft oder Wind produziert, kann so ein Zertifikat bekommen. Solche Zertifikate könnten auch aus bestimmten Regionen kommen, so aus Skandinavien, wo es viele Wasserkraftwerke gibt, oder aus Bayern, wo viele Solaranlagen stehen. Wir sind bei der Feinabstimmung, wie wir den Handel im Detail ausgestalten.

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