Rohstoffe: Holz, Gras und Stroh für die Bio-Raffinerie

Rohstoffe: Holz, Gras und Stroh für die Bio-Raffinerie

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Holz für Kraftwerke oder Bio-Raffinerien: Erst vier Prozent der Biomasse werden genutzt

Bei der Suche nach Ersatz für das knappe und teure Erdöl sind Kunststoffe, Sprit und Kleber aus Holz, Gras und Stroh eine vielversprechende Alternative. Die Bio-Raffinerien dafür werden in Deutschland und in den USA entwickelt.

Kenia will sich mit den rapide steigenden Preisen für Benzin nicht länger abfinden. Bioethanol soll die Kosten dämpfen. Im Tana River Delta opfern die Ostafrikaner 20.000 Hektar Wald, um auf einer Fläche von der Größe Stuttgarts Zuckerrohrplantagen anzulegen. Das Zuckerrohr wird in einer Bio-Raffinerie in jährlich bis zu 200 Millionen Liter Alkohol umgewandelt, das dem Benzin beigemischt wird. Die Überreste landen in einem Biomassekraftwerk mit einer elektrischen Leistung von 34 Megawatt.

Die Mumias Sugar Company, die rund 38 Millionen Dollar in das Projekt investiert, will Kenia unabhängiger von teuren Ölimporten machen. Doch der Schaden für Fischerei und Tourismus ist nach Auffassung der einheimischen Umweltschutzorganisation Nature Kenia weitaus größer als die Einsparungen bei den Ölimporten.

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Selbst wenn Nature Kenia übertreibt: Richtig ist, dass sich der Benzin-Ersatz weit umweltverträglicher herstellen ließe als geplant. Zwar lässt sich Bioethanol kaum ohne Zucker herstellen. Aber muss er ausgerechnet zulasten der Versorgung der Menschen mit Nahrungsmitteln aus Zuckerrohr, Zuckerrüben oder Getreide gewonnen werden? Mittlerweile lautet die Antwort immer häufiger: Nein. Nicht essbare Biomasse tut es ebenso gut.

Das Umsteuern gewinnt an Schwung. Weltweit arbeiten Forscher an Bio-Raffinerien der zweiten Generation, die sich mit Holzabfällen, Gras, Stroh und anderer, nicht essbarer Biomasse begnügen. Die nachwachsenden Rohstoffe enthalten genügend hohe Zuckergemische, um sie mithilfe spezieller Mikroorganismen in Bioethanol, Kunststoffe, Textilfasern und nahezu alle anderen Produkte umzuwandeln, die die chemische Industrie heute noch aus Erdöl herstellt.

Biomasse als bessere Alternative zu Erdöl

Das derzeit anspruchsvollste Projekt wird im brandenburgischen Selbelang betrieben. Dort beginnt im nächsten Jahr der Bau einer sogenannten LCF-Bio-Raffinerie. LCF ist die Abkürzung für Lignocellulose Feedstock, was frei übersetzt „Rohstoff Biomasse“ heißt. Der Anlagenbauer Linde und der Enzym- und Katalysatorhersteller Süd-Chemie errichten diese Anlage im Auftrag des Potsdamer Unternehmens Biorefinery, das die Innovationen des privaten Forschungsinstituts Biopos aus Teltow vermarktet. Standort ist das Gelände einer Futtermittelfabrik.

Birgit Kamm, Institutsleiterin und Honorarprofessorin für Bio-Raffinerie-Technik an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus, hat gemeinsam mit ihrem 2007 verstorbenen Mann Michael bereits eine Bio-Raffinerie für Island konzipiert, deren Bau Ende nächsten Jahr beginnen soll. Die Icelandic Biomasse Company will jährlich aus 20.000 Tonnen Lupinen, Gerstenstroh und Heu sieben Millionen Liter Ethanol herstellen, gedacht zunächst ausschließlich für die Betankung von Autos. Rein rechnerisch entfallen auf jeden Bürger des Landes 233 Liter Biosprit.

„Bio-Raffinerien sorgen für eine bessere Lebensqualität künftiger Generationen“, propagiert die renommierteste deutsche Forscherin in diesem Bereich. Erdöl, ob knapp oder nicht, sei einfach nicht umweltfreundlich, findet sie, Biomasse die bessere Alternative. Allerdings nur, wenn sie nicht mit der Produktion von Nahrungs-mitteln konkurriert. „Eine Bio-Raffinerie wird nicht auf Korn aufgebaut“, sagt sie entschieden.

Genügend Vorräte gibt es auch ohne Getreide. Derzeit werden nach Erkenntnissen des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe kaum vier Prozent der nicht essbaren Biomasse genutzt, die weltweit regelmäßig nachwächst. Deren Energieinhalt liegt bei knapp 30 Milliarden Megawattstunden. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr betrug der weltweite Verbrauch an Erdöl 3,9 Milliarden Tonnen mit einem Energieinhalt von rund 45 Milliarden Megawattstunden.

Das heißt: Biomasse könnte zwei Drittel des Öls ersetzen, dessen Reserven langsam zur Neige gehen. Die meisten Experten erwarten, dass bereits in 20 bis 30 Jahren eine wirtschaftliche Gewinnung nicht mehr möglich ist. Optimisten wie der Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung in Hannover, der auch schwer gewinnbare Vorräte wie Ölschiefer und -sande mitberücksichtigt, sprechen von einer Reichweite von 140 Jahren.

Klar ist ungeachtet der unterschiedlichen Prognosen, dass Erdöl ständig knapper und damit teurer wird. Von welchem Preis an sich der Ersatz durch Biomasse rechnet, lässt sich heute noch nicht präzise sagen. Denn zum einen steigen die Kosten von Biomasse, wenn die Nachfrage zunimmt. Zum anderen steht die Bio-Raffinerie-Technik noch am Anfang, sodass seriöse Kostenschätzungen unmöglich sind.

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