Solar Millennium: Hängt Bankenprofessor Gerke am Fliegenfänger?

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Solar Millennium: Hängt Bankenprofessor Gerke am Fliegenfänger?

von Niklas Hoyer

Ein Kleinanleger hat mit Aktien der mittlerweile insolventen Solar Millennium 19.000 Euro verloren. Nun will er den Schaden von Bankenprofessor Wolfgang Gerke ersetzt bekommen. Der hatte sich intensiv für Solar Millennium engagiert.

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Bankenprofessor Wolfgang Gerke, den durch eine Aktienempfehlung entstandenen Schaden von 19.000 Euro zu ersetzen

Ohne den TV-bekannten Banken- und Börsenprofessor Wolfgang Gerke wäre der Mandant von Anwalt Jürgen Klass aus München heute 19.000 Euro reicher. Das zumindest behauptet er felsenfest. Er vertraute dem Professor (Markenzeichen: Fliege), der sich gerne und gut verständlich zu verschiedensten Finanz- und Börsenthemen äußert. Als sich Gerke 2010 für die Solar Millennium aus Nürnberg engagierte, kaufte der Mandant daher 1000 Aktien. Etwa ein Jahr später war Solar Millennium insolvent, die 19.000 Euro waren verloren.

Das Erlanger Solarunternehmen hatte nicht mehr genug Geld, um Zins und Rückzahlung der ausgegebenen Anleihen von rund 200 Millionen Euro zu stemmen. Ganz überraschend kam das nicht: Die WirtschaftsWoche hatte erstmals im August 2009 über die - aus ihrer Sicht - absehbaren Finanzprobleme und die dubiosen Hintergründe einiger Akteure des Unternehmens berichtet. Betroffene Anleger und ihre Anwälte werfen dem Unternehmen mittlerweile vor, dass es sich um ein Schneeballsystem handelte, bei dem ausgegebene Anleihen nur mit neu eingeworbenem Geld bedient werden können - bis der Geldstrom versiegt und das System zusammenbricht. Die Verantwortlichen aus dem Unternehmen weisen diesen Vorwurf zurück.

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Der Mandant von Anwalt Klass will seinen Schaden nun von Professor Gerke ersetzt bekommen. Dazu hat er Klage am Landgericht München eingereicht (28 O 1097/13). Gerke habe eine "Garantenstellung" eingenommen. Seine Aussagen zu Solar Millennium seien "entscheidendes Argument für den Erwerb von Aktien an der Solar Millennium AG" gewesen, heißt es in der Klageschrift. Gerke weist die Ansprüche zurück. Er habe nie eine Kaufempfehlung für Solar Millennium abgegeben, sagte er der WirtschaftsWoche. Er könne nicht verstehen, warum der Anleger und sein Anwalt ihn nun haftbar machen wollten. Bislang hätte das Landgericht Nürnberg-Fürth ähnliche Klagen von Anleihezeichnern gegen ihn zurückgewiesen.

Anlegerentschädigung Solar Millennium muss Schadensersatz zahlen

Rund ein Jahr nach dem Insolvenzantrag von Solar Millennium haben Richter Anlegern des Unternehmens Schadensersatz zugesprochen. Die Solarfirma habe nicht richtig über die Risiken der Anleihe aufgeklärt.

huGO-BildID: 26340159 Bayern/ Der Schriftzug "Solar Millennium", aufgenommen auf einem Schild am Firmensitz der Solar Millennium AG. Am Dienstag (15.05.12) findet in Erlangen die Glaeubigerversammlung des Unternehmens Solar Millenium statt. Foto: Timm Schamberger/dapd Quelle: dapd

Ob Gerke der richtige Ansprechpartner ist, müssen nun die Münchner Richter entscheiden. Die Klage verweist auf einen anderen Fall, in dem der Bundesgerichtshof einen Prominenten zu Schadensersatz verdonnert hatte. 2011 musste der ehemalige Verteidigungsminister und Jura-Professor Rupert Scholz für eine verlustreiche Kapitalanlage haften (III ZR 103/10). Dabei ging es um den Pleite-Fonds "Deutscher Vermögensfonds I", für den Anleger mit Lob von Scholz gelockt worden waren. Kurzzeitig war Scholz auch Vorsitzender des Beirats der Fondsdachgesellschaft. In Interviews hatte Scholz gesagt: "Erst nach einer genauen Prüfung der Strukturen und der Personen habe ich meine persönliche Mitwirkung und Unterstützung zugesagt. Denn wir wissen, dass es in der Vergangenheit nicht überall nur gut gelaufen ist." Das Landgericht Nürnberg-Fürth habe aber keine Parallelen zwischen diesem Sachverhalt und seinem Fall gesehen, sagt Gerke.

Dabei hält Anwalt Klass Gerkes Rolle bei Solar Millennium für noch bedeutender. Gerke hatte sich von 2010 an umfassend für Solar Millennium engagiert. Den umstrittenen Gründer und Aufsichtsrat des Unternehmens, Hannes Kuhn, kannte er schon einige Jahre lang. Gerke beteiligte sich indirekt zu 45 Prozent an der Vertriebstochter Solar Millennium Invest, die Anleger für Solar Millennium werben sollte. Er war deren Aushängeschild und saß auch im Aufsichtsrat. Im Geschäftsbericht 2008/2009, der Anfang 2010 erschien, veröffentlichte Solar Millennium ein 4-Seiten-Interview mit ihm und dem Finanzvorstand Thomas Mayer. Dort sagte Gerke: "Im Internetboom und in der Finanzkrise haben die Anleger viel Geld verloren. Sie sollten als Lehre hieraus skeptischer und mit mehr Bedacht ihre Vermögensanlage planen. Insbesondere sollten sie wesentlich stärker hinterfragen, mit welchem Risiko einzelne Anlageformen verbunden sind. Herr Mayer geht mit der Solar Millennium AG genau den richtigen Weg (...)" In einer Mitteilung zum Start der Vertriebstochter Solar Millennium Invest vom März 2010 wurde Gerke mit den Worten zitiert: "Aufgrund der hier vorliegenden Kombination aus einer faszinierenden Technologie, den Zukunftsaussichten eines boomenden Marktes und einem interessanten Anlage- und Finanzkonzept habe ich mich entschieden, selbst in dieses Marktsegment zu investieren."

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Den Richtern am Landgericht Nürnberg-Fürth reichte das in anderen Fällen jedoch nicht, um Gerke in der Haftung zu sehen. So heißt es in einem Urteil von Ende März zu einer Klage eines Anleihezeichners, dass die von Gerke im Geschäftsbericht-Interview genannten Vorteile für Anleger "sehr allgemein gehalten" seien. Er hätte sich vor allem zu den Vorteilen für das Unternehmen aus einer Finanzierung über Anleihen geäußert. Er hätte weder den "Eindruck erweckt, dass Unternehmensanleihen eine besondere Sicherheit oder Risikofreiheit aufweisen, noch, dass die Unternehmensanleihen der Emittentin besonders empfohlen werden sollen." Bleiben die Richter bei dieser Linie, stehen die Chancen des Münchner Aktionärs wohl ebenfalls schlecht.

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