Stopp für Großprojekt: Gazpromstrategie verzweifelt gesucht

KommentarStopp für Großprojekt: Gazpromstrategie verzweifelt gesucht

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Gazprom wird das Gasfeld "Stockmann" nicht erschließen.

von Florian Willershausen

Aus Kostengründen legt Gazprom die Erschließung des größten Gasfelds der Welt auf Eis. Das zeigt, wie wenig die Russen den Gasmarkt verstehen, der immer mehr zum freien Weltmarkt wird.

Die Geschichte des Gasfelds „Stockmann“ ist eine jenes Größenwahns, der sich seit Sowjetzeiten durch die russische Historie zieht. Als der deutschstämmige Ozeanologe Wladimir Stockmann das Gasfeld auf russischem Grund der Barentssee entdeckte, galt es rasch als die größte Gasquelle der Welt, die Russlands Status als Energie-Weltmacht zementieren werde.

Zehn Jahren schickt sich Staatsmonopolist Gazprom nun schon an, mit den Partnern Total (Frankreich) und Statoil (Norwegen) den Schatz von 4000 Kubikmetern Gas zu heben. Der Termin für den Förderbeginn wird seither jedes Jahr weiter in die Zukunft verschoben – bloß Pleiten, Pech und Pannen?

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Schließlich hat es des Drucks der Norweger gebraucht, um die Russen auf den Boden der Realität zurückzuholen: Partner Statoil kündigte diesen Monat knallhart an, die Anteile am 2007 gegründeten „Stockmann“-Konsortium zurückzugeben und die bereits investierten 336 Millionen Dollar abzuschreiben. Das muss den Kreml so sehr aufgeschreckt haben, dass das Projekt jetzt „aus Kostengründen“ auf Eis gelegt wird – wohl auch, um Statoil und Total als Partner im Boot zu halten.

Russlands Partner mucken auf. Auch bei Total, so hört man, ist die Euphorie über die Beteiligung am offiziell 15 Milliarden Dollar teuren „Stockmann“-Feld verflogen. Für das Festland-Feld Jamal, wo die Erschließung der Gasquellen 100 Milliarden Dollar aufwärts kostet, hat sich kein Partner gefunden. Technologische Hilfe braucht Gazprom aber überall – in Tiefen von drei Kilometern und mehr fehlt den Russen die Technologie, auf dem offenen Meer bei „Stockmann“ sowieso.

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Quelle: dpa

Ausländer sehen vor allem die Kosten als Problem: Infrastruktur bauen in Russland vor allem russische Unternehmen. Deren Kalkulation ist selten transparent, allzu oft laufen die Kosten aus dem Ruder. Experten haben ausgerechnet, dass ein Pipeline-Kilometer auf dem Festland dreimal mehr kostet als im Falle der Ostsee-Pipeline Nord Stream. Ob das auf bürokratische Unwägbarkeiten, Schmiergeldzahlungen, Selbstüberschätzung oder Inkompetenz zurückgeht, ist gerade beim Moloch Gazprom mit seinen tausenden Tochterfirmen kaum feststellbar.

Bei Gazprom haben die Kosten nie eine große Rolle gespielt. Das Unternehmen gilt bislang als das profitabelste Unternehmen der Welt, weil Festland-Gas jahrelang billig produziert und teuer nach Westen verkauft wurde. Das riesige „Stockmann“-Feld, aus dem vor allem Flüssiggas strömen sollte, fiel in die Kategorie „nice to have“ – ums Technische sollten sich die Ausländer kümmern, die den Russen viele Jahre den Hof machten.

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Jetzt gerät Gazprom unter Druck: Auf der Nachfrageseite bekommt Gazprom Konkurrenz von starken Flüssiggas-Anbietern wie Katar und mittelfristig auch von den USA, die dank der Schiefergas-Produktion vom Importeur zum Exporteur von Gas werden. In der Folge entsteht ein Weltmarkt für Gas, dem sich die monopolistisch veranlagten Russen beugen müssen, sofern sie nicht weiter Marktanteile verlieren wollen.

Gleichzeitig wird aber die hohe Kostenstruktur auch für Gazprom zum Problem: Der größte Gasförderer der Welt muss mit seinem Wasserkopf von rund 400.000 Mitarbeitern effizienter werden – und vor allem schwierige Felder effizienter ausbeuten. Die interne Bürokratie, das antiquierte Monopoldenken und der politische Größenwahn im Hintergrund stehen dem entgegen.

Es ist gut, dass die Norweger bei „Stockmann“ die Reißleine gezogen haben. Der russische Riese ist zwar finanzstark und sitzt auf den größten Gasressourcen der Welt – ein Glücksfall, von der Konzern, das Land und seine Partner enorm profitieren können. Aber Gazprom muss sich in der Welt der freien Marktwirtschaft zurechtfinden und Effizienz lernen. Dann kann auch aus dem Offshore-Feld „Stockmann“ ein realistisches Projekt werden.

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