Strombörse: Verbraucher sollen von fallenden Preisen profitieren

ThemaEnergiewende

Strombörse: Verbraucher sollen von fallenden Preisen profitieren

Seit zwei Jahren fallen die Strompreise an den Börsen, nur Verbraucher merken nichts davon. Das wollen jetzt zwei hessische Stadtwerke ändern.

Wer günstig produziert oder einkauft, kann auch günstig verkaufen - theoretisch. Auf dem Strommarkt gilt diese Regel praktisch aber nicht.

An den Strombörsen fallen die Preise seit zwei Jahren. Wurden 2011 im Schnitt an der EPEX Spot in Paris noch 51,12 Euro je Megawattstunde gezahlt, waren es 2013 nur 37,78 Euro - also nur noch 3,8 Cent im Einkauf je Kilowattstunde. Die Energieversorger geben das allerdings nicht an die Verbraucher weiter. Bei denen steigen die Stromkosten mitunter auch bei sinkendem Verbrauch. Allein im vergangenen Jahr stieg der Preis für Strom um 13 Prozent an.

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Die Energiewende und der Sand im Getriebe

  • Wo liegen aktuell die drängendsten Probleme?

    Der Netzausbau ist weit hinter dem Plan zurück. Die Betreiber der teuren Offshore-Windsparks in Nord- und Ostsee sind verärgert, dass es immer neue Verzögerungen gibt, beim Energiesparen gibt es kaum Fortschritte, die Debatte über die Ökostromförderung entwickelt sich zum Dauerbrenner - die Liste ließe sich fortsetzen. Die Regierung muss an zahlreichen Stellschrauben drehen, ein abgestimmtes Konzept ist in vielen Bereichen aber noch nicht erkennbar.

  • Welche Erfolge gibt es?

    Der Ausbau der erneuerbaren Energie liegt nicht nur im Plan, er übertrifft sogar die Erwartungen. Im ersten Halbjahr 2012 machte Ökostrom erstmals mehr als 25 Prozent am deutschen Strommix aus, insgesamt wurden knapp 68 Milliarden Kilowattstunden ins Stromnetz eingespeist. Die Windkraft hat mit 9,2 Prozent den größten Anteil, vor der Bioenergie mit 5,7 Prozent. Der Anteil der Solarenergie hat sich binnen Jahresfrist fast verdoppelt und liegt nun mit 5,3 Prozent auf dem dritten Platz, vor der Wasserkraft mit vier Prozent.

  • Was bedeutet das für die Verbraucher?

    Der Anstieg der erneuerbaren Energien kann für die Stromkunden teuer werden. Wenn mehr Ökostrom produziert wird, steigt auch die Umlage zur Förderung der Energie aus Sonne, Wind oder Wasserkraft, die über den Strompreis gezahlt wird. Diese ist im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) festgelegt und liegt aktuell bei 3,59 Cent pro Kilowattstunde. Das bedeutet für einen Durchschnittshaushalt rund 125 Euro Zusatzkosten pro Jahr. Der Aufschlag dürfte sich nun deutlich erhöhen. Spekuliert wird bereits über einen Anstieg auf 5,3 Cent zum Jahreswechsel, was die Kosten für einen Durchschnittshaushalt auf 185 Euro hochtreiben würde.

  • Wird der drohende Anstieg der EEG-Umlage Konsequenzen haben?

    Das ist noch offen. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) warnt immer wieder, dass hohe Strompreise die Wettbewerbsfähigkeit gefährden könnten. Er fordert deshalb eine Reform der Förderung. Die Regierung hat jedoch erst 2011 eine Reform des EEG auf den Weg gebracht, die Anfang 2012 in Kraft trat und bei der Solarförderung nochmals verändert wurde. Außerdem ist der Strompreis viel stärker gestiegen als die Ökoenergieförderung. Umweltschützer halten mangelhaftes Energiesparen und pauschale Befreiungen für die stromintensive Industrie für die eigentlichen Preistreiber.

  • Wie weit ist der Ausbau der Windenergie?

    Neben dem Ausbau der Windkraftanlagen an Land gilt der Ausbau der Offshore-Windenergie, also der Windkraftanlagen im Meer, als wichtiger Pfeiler der Energiewende. Bis zum Jahr 2020 sollen vor den Küsten Windenergieanlagen mit einer Kapazität von 10 000 Megawatt zur deutschen Stromerzeugung beitragen. Das sind ungefähr 2000 Windkraftwerke. Gegenwärtig arbeiten in der Nordsee aber erst 28 Anlagen mit 140 Megawatt Leistung. Dazu kommen noch 21 kleinere Windkraftwerke in der Ostsee - macht zusammen gerade einmal 180 bis 190 Megawatt.

  • Woran hakt es?

    Das größte Problem ist nach wie vor die Anbindung der Anlagen in Nord- und Ostsee an das Festlands-Stromnetz. Zudem reichen die Leitungen an Land nicht für den Weitertransport des Windstroms in den Süden Deutschlands. Die Stromerzeuger sehen wegen der Verzögerungen beim Netzanschluss inzwischen die ganze Energiewende in Gefahr. Sie verlangen dringend Klarheit, wer dafür haftet, wenn die Windparks stehen, aber nicht ans Netz gehen können. Wirtschaftsminister Rösler und Umweltminister Peter Altmaier (CDU) haben vorgeschlagen, dass die Verbraucher die Kosten für Verzögerungen über den Strompreis mittragen sollen. Rösler hofft auf eine endgültige Regelung noch im Sommer.

  • Wie weit ist der Netzausbau insgesamt?

    Für die Energiewende werden laut Bundesregierung 3800 Kilometer an neuen Stromautobahnen benötigt. Weitere 4400 Kilometer des bestehenden Netzes sollen fit gemacht werden für die schwankende Einspeisung von Wind- und Sonnenenergie. Die Netzbetreiber haben einen Entwurf für einen Netzentwicklungsplan vorgelegt, bis Mitte August soll eine zweite Version fertig sein. Die Bundesnetzagentur verlangt nun, der Ausbau müsse viel schneller gehen. Rösler fordert deshalb bereits, vorübergehend Umweltstandards außer Kraft zu setzen, so dass zum Beispiel bei Klagen gegen den Bau von Leitungen eine Gerichtsinstanz ausreicht.

Zwei hessische Stadtwerke wollen nun Tarife anbieten, die die Schwankungen weitergeben. Vivi-Power, ein Unternehmen der Stadtwerke Bad Vilbel und Viernheim, will die Kunden direkt an den günstigen Börsenpreisen teilhaben lassen. Statt im Voraus kauft das zwei Jahre alte Unternehmen jeden Monat Strom an den Börsen auf und kann ihn deshalb zu Börsenpreisen weitergeben.

Für den Kunden bedeutet das: Transparente Preisgestaltung, aber eben auch keine festen Abschläge und keine Preisgarantie. Und das transparente Modell ist umständlich: Der Verbraucher muss jeden Monat seinen Zählerstand an den Versorger übermitteln, statt wie üblich einmal im Jahr. Die Kommunikation erfolgt über das Online-Portal beziehungsweise per E-Mail.

Den neuen Arbeitspreis erfährt der Kunde zwei Monate im Voraus. Gefällt dem Kunden das Modell nicht oder will er den neuen Preis nicht akzeptieren, kann er binnen zwei Wochen kündigen. Stiftung Warentest und die Verbraucherzentrale halten den Tarif für vergleichsweise günstig.

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Auch die Politik versucht mittlerweile, den Verbraucher zu entlasten: Industriebetriebe, die sich künftig mit eigenen Kraftwerken selbst mit Strom versorgen wollen, sollen stärker belastet werden und mit Supermärkten, die Solarstrom zur Eigenversorgung beziehen, gleichgestellt werden. In beiden Fällen solle eine Abgabe in Höhe von 50 Prozent der von allen Verbrauchern über den Strompreis zu zahlenden Ökostrom-Umlage fällig werden. Dadurch könnten die Verbraucher um zehn Millionen Euro im Jahr entlastet werden.

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