Stromrechnung: Frankreichs Atomkraftwerke verteuern deutschen Strom

Stromrechnung: Frankreichs Atomkraftwerke verteuern deutschen Strom

, aktualisiert 06. Oktober 2017, 15:34 Uhr
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Im letzten Winter hat Amprion laut Unternehmensangaben massiv in das Netz eingreifen müssen.

von Andreas Macho

Stromkunden im Westen steht eine Preiserhöhung für Strom bevor: Der Dortmunder Übertragungsnetzbetreiber Amprion hebt seine Gebühren um fast die Hälfte an. Schuld daran sollen Frankreichs Atomkraftwerke sein.

Die Kosteneskalation auf der Stromrechnung geht in die nächste Runde: Um 45 Prozent will der Übertragungsnetzbetreiber Amprion aus Dortmund seine Gebühren im kommenden Jahr anheben. Umgelegt werden die Gebühren der Übertragungsnetzbetreiber, die zuständig für den Bau und die Wartung der Stromautobahnen sind, meist auf die Stromkunden. Im Fall von Amprion müssen sich also Stromkunden in Nordrhein-Westfalen auf steigende Stromkosten einstellen.

Dabei gelten die Übertragungsnetzbetreiber ohnehin schon als Kostentreiber der Energiewende. Um satte 80 Prozent hob etwa der Betreiber Tennet seine Preise im vergangen Jahr an. Diesmal begnügt sich Tennet mit einer Steigerung um 9 Prozent. Der Berliner Übertragungsnetzbetreiber 50 Hertz, der im vergangenen Jahr seine Preise ebenfalls üppig erhöhte, senkt den Preis für das kommende Jahr hingegen sogar um 11 Prozent.  Transnet-BW in Baden-Württemberg erhöht die Preise um rund 13 Prozent.

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Begründet wurden diese Preissteigerungen stets mit dem Ausbau der Stromautobahnen vom windreichen Norden in den Süden Deutschlands. Den größten Preistreiber bildet dabei der Umstieg auf Erdverkabelung. Weil CSU-Chef Horst Seehofer sich gegen die „Monstertrassen“ durch Bayern stemmte, müssen die Stromkabel nun vorrangig unter der Erde verlegt werden. Tennet rechnet mit Kosten von 15 Milliarden Euro alleine für die beiden Haupttrassen Südlink und Südostlink, was einer Verdreifachung der Kosten verglichen zum Bau von Freileitungen entspricht.

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Doch warum steigen die Kosten der Übertragungsnetzbetreiber nun ausgerechnet im Westen, wo doch die gigantischen Stromautobahnen im Osten verlegt werden?

Amprion erklärte auf Nachfrage der WirtschaftsWoche, dass von der 45-prozentigen Erhöhung der Strompreise nur „4 Prozentpunkte in den Netzausbau“ fließen würden. Zurückzuführen sei der Kostenanstieg auf Faktoren, auf die das Unternehmen keinen Einfluss habe. Diese „exogenen Faktoren“ umfassen etwa den Anschluss von Windparks auf See an das Stromnetz.

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Der größte Teil der Erhöhung fließe jedoch in die Kosten für die Eingriffe in das Stromnetz. Gerade im letzten Winter hat Amprion laut Unternehmensangaben massiv in das Netz eingreifen müssen. „Im vergangenen Winter ist es zu einem enormen Transport von Strom durch unseren Regelzone gekommen“, heißt es von Amprion. Grund dafür seien die massiven Versorgungsprobleme in Frankreich gewesen, wo während der kalten Monate gleich mehrere Atomkraftwerke ausgefallen waren. Um die Versorgung in Frankreich zu sichern, habe Amprion vermehrt Strom durch seine Netze zum Nachbarland lotsen müssen. Um das Netz dabei stabil zu halten, musste der Übertragungsnetzbetreiber Kraftwerke zuschalten, was die Kosten steigen ließ.

Der Berliner Thinktank Agora Energiewende setzt die Preissteigerungen der Übertragungsnetzbetreiber ins Verhältnis zu den anderen Kostentreibern auf der Stromrechnung. Problematischer als die Kosten für die Stromautobahnen wertet Agora etwa die Kosten für die letzten Kilometer der Stromleitung, den sogenannten Verteilnetzen.

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Während die Stromautobahnen von nur vier Anbietern betrieben werden, gibt es für die letzten Kilometer insgesamt 880 Verteilnetzbetreiber. Und deren Kosten würden laut Agora extrem divergieren: „Die Spannweite der Kosten der Verteilnetzbetreiber reicht von vier 4 Cent bis 10 Cent. Festzustellen ist dabei ein eklatantes Gefälle zwischen Regionen mit geringer Bevölkerungsdichte und viel Erneuerbaren-Energien-Anlagen und Regionen mit hoher Bevölkerungsdichte und eher wenigen Erneuerbaren-Energien-Anlagen. Konkret also zwischen Stadt und Land und West und Ost“, sagt Agora-Chef Patrick Graichen. Besonders teuer seien die Kosten demnach im ländlichen Ostdeutschland.

Dass die Kosten für den Netzausbau zurückgehen könnten, glauben die Experten von Agora Energiewende nicht. Schuld daran seien wieder einmal die Erdkabel. Denn viele Bauernverbände fürchten Auswirkungen der Kabel auf ihre Felder und fordern statt einer einmaligen Vergütung nun eine Art jährliche Maut für die Verlegung der Kabel durch ihre Felder. Bezahlen dürfte das wohl wieder der Stromkunde.

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