Teyssens Trick: Wie E.On das Gaskraftwerk Irsching retten will

Teyssens Trick: Wie E.On das Gaskraftwerk Irsching retten will

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Der Vorstandschef des Energiekonzerns E.On, Johannes Teyssen (l), und der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU - M) im Kraftwerk Irsching. das moderne Kraftwerk soll stillgelegt werden.

von Angela Hennersdorf

Der Energieriese E.On will sein Gaskraftwerk Irsching mit einem raffinierten Trick in die Gewinnzone hieven. Der Plan von Konzernchef Johannes Teyssen geht zulasten der Kunden.

Kurz vor Ostern kommt auf Jochen Homann ordentlich Arbeit zu. Dann wird der Präsident der Bundesnetzagentur einen Brief vom Energiekonzern E.On erhalten – und der hat es in sich.

Termingerecht am Montag, vor Ende der Frist am 31. März, wird Deutschlands größter Stromversorger definitiv die Stilllegung seines hochmodernen Gaskraftwerks Irsching in Bayern beantragen. Das erfuhr die WirtschaftsWoche aus dem Unternehmen. Bisher erklärte E.On lediglich, die Stilllegung zu prüfen. Eine Entscheidung sei noch nicht getroffen, hieß es vergangene Woche bei E.On. Doch die wirtschaftliche Perspektive des Kraftwerkes sei kritisch.

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Hinter dem Ansinnen steckt ein raffiniertes Kalkül von Konzernchef Johannes Teyssen, um die Widersprüche der Energiewende auszunutzen und E.On alle Möglichkeiten zu lassen, mit Irsching doch noch Gewinn zu machen. Geht der Plan auf, helfen die Stromkunden dem Konzern am Ende, das Gaskraftwerk am Laufen zu halten, bis sich die Geschäftsaussichten entscheidend verbessern.

Die künftige E.On-Struktur

  • Aufspaltung

    E.On will das Geschäft mit der Stromerzeugung aus Atom-, Kohle- und Gaskraftwerken sowie der Energiehandel 2016 mehrheitlich an die eigenen Aktionäre verschenk und an die Börse bringen. Die übrigen Anteile will E.On danach in kleineren Schritten über die Börse verkaufen. Der verbleibende Konzern besteht dann eigenen Angaben zufolge mit insgesamt 40.000 Mitarbeitern und 33 Millionen Kunden aus den drei Säulen: Erneuerbare Energien, Energienetze und Kundenlösungen.

    Quelle: Nachrichtenagentur Reuters (Stand: Dezember 2014)

  • Erneuerbare Energien

    Im Bereich Erneuerbare Energien steht E.On nach eigener Einschätzung weltweit auf Platz drei der Offshore-Windkraftbetreiber. In europäischen Gewässern betreibt E.On Anlagen mit einer Kapazität von 0,7 Gigawatt (GW). An Land betreibt der Versorger derzeit Windparks mit einer installierten Kapazität von 3,6 GW, davon 1,1 GW in Europa und 2,5 GW in den USA. Vorstandschef Johannes Teyssen kündigte an, im Zuge der Neuausrichtung das Solargeschäft auszubauen. Die Wasserkraftwerke sollen dagegen mit den Atom- und Kohlekraftwerken in die neue Gesellschaft ausgegliedert werden. 2013 setzte E.On im Bereich Erneuerbare Energien mit rund 1700 Mitarbeitern 2,436 Milliarden Euro um, das Ebitda belief sich auf 1,431 Milliarden Euro.

  • Energienetze

    E.On verfügt über mehr als eine Million Kilometer Stromnetze, davon 411.000 Kilometer in Deutschland, 136.000 in Schweden, 314.000 im übrigen Europa und 200.000 Kilometer in der Türkei. Neben Investitionen ins Netz plant Teyssen Zukäufe in ausgewählten Regionen.

  • Kundenlösungen

    Der Geschäftsbereich Kundenlösungen umfasst rund 33 Millionen Kunden, 7,7 Millionen in Großbritannien, 6,1 Millionen in Deutschland, 10,4 Millionen im übrigen Europa und neun Millionen in der Türkei. E.On will durch die Modernisierung seiner Netze den Kunden künftig neue Produkte und Dienstleistungen rund um das Thema Energieeffizienz und dezentrale Erzeugung liefern.

  • Neue Gesellschaft

    Bei den ausgegliederten Geschäftsteilen - Stromerzeugung aus Atom-, Kohle- und Gaskraftwerken sowie der Energiehandel - werden künftig noch 20.000 Mitarbeiter beschäftigt sein. Das Ebitda auf Basis von 2013 beträgt gut vier Milliarden Euro.

Der Stromverbraucher muss für Stilllegung zahlen

Und das soll so funktionieren: Weil Irsching durch die Bevorzugung von Wind- und Sonnenstrom zu selten ans Netz darf und dadurch Verluste macht, verlangt Teyssen, die Turbinen Ende März kommenden Jahres für immer abschalten zu dürfen. So lange muss das Kraftwerk nach einer Sondervereinbarung mit dem Netzbetreiber Tennet aus dem Jahr 2013 bereitstehen. Dafür überweist Tennet E.On schätzungsweise bis zu 80 Millionen Euro. Diese Summe bringt letztlich der Stromverbraucher auf.

Mit dem Antrag auf Stilllegung zwingt E.On die Politik, Klarheit über die Zukunft von Irsching zu schaffen. Denn dass die Netzagentur dem Begehren stattgibt, ist so gut wie ausgeschlossen. Dazu ist die Stromversorgung südlich der Main-Linie zu fragil. In der Region hat die Behörde seit dem Atomausstiegsbeschluss 2011 noch keinen Antrag auf Stilllegung eines fossilen Kraftwerks erlaubt. Stattdessen stufte sie elf solcher Anlagen als unerlässlich ein.

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Das wird die Netzagentur auch mit Irsching tun und E.On deshalb dazu verdonnern, die Gasturbinen zwei weitere Jahre bis zum 31. März 2018 bereitzuhalten. Dieser Umstand – dass Irsching für die Versorgungssicherheit in Bayern unerlässlich ist – verschafft Konzernchef Teyssen aber eine überaus starke Position.

Teyssen will gegen die Netzagentur klagen

So wird der Konzern die Vergütung für Irsching zu seinen Gunsten neu verhandeln. Entscheidend ist die Verordnung für Reservekraftwerke. Denn die gilt nur für alte, abgeschriebene Anlagen. Würde die Netzagentur Irsching entsprechend einstufen, bliebe E.On auf Kapitalkosten sitzen, weil zwei der Blöcke erst 2010 und 2011 fertiggestellt wurden und noch längst nicht abgeschrieben sind. Zudem dürfen Anlagen mit dem Etikett Reservekraftwerk nie wieder regulär ans Netz. E.On-Chef Teyssen will deshalb laut Konzernkreisen gegen die Netzagentur klagen, sollte sie Irsching als Reservekraftwerk einstufen. Auf eine neue Sondervereinbarung mit der Behörde dürfte sich Teyssen allerdings nur einlassen, wenn für ihn mehr Geld herausspringt als bisher.

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Am Ziel seiner Träume wäre Teyssen vermutlich, wenn er Irsching weiterbetreiben könnte – als eines von acht Kraftwerken. Die will Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel einem internen Papier zufolge als dauerhafte Versicherung gegen Schwankungen beim Ökostrom unter Vertrag nehmen. Die Anlagen sollen per Ausschreibung den Zuschlag behalten.

Ob dauerhafte Versicherung gegen Stromschwankungen oder Sondervereinbarung: In beiden Fällen könnte Irsching überwintern, bis 2022 die letzten Atomkraftwerke stillgelegt werden – und dann, so die Hoffnung bei E.On, die Strompreise wieder steigen.

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