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Umwelttechnik: Wie Öko-Technik die deutsche Industrie revolutioniert

von Martin Seiwert, Stefanie Augter (Berlin), Dieter Dürand, Wolfgang Kempkens, Thomas Kuhn und Jürgen Rees

Solaranlagen, effiziente Fabriken und sauberes Wasser: Mit grüner Technik erobert die deutsche Industrie schneller als erwartet neue Märkte und schafft eine Million Jobs. Die Krise gibt der Boom-Branche zusätzlich Auftrieb.

Windenergie deckt sieben Quelle: AP
Windenergie deckt sieben Prozent des deutschen Strombedarfs. Quelle: AP

Es ist nach Mitternacht. Ein scharfer Nordostwind fegt über die flache Seenlandschaft der Uckermark. Drei Windräder am Ortsrand des brandenburgischen Städtchens Prenzlau laufen auf Hochtouren. Die sechs Megawatt Strom, die sie produzieren, gehen aber nicht ins Netz, sie fließen in eine kleine Halle unweit der Windräder. Dort spaltet der Strom in einem sogenannten Elektrolyseur Wasser in seine Bestandteile, Sauerstoff und Wasserstoff. Pumpen pressen den Wasserstoff anschließend in fünf mannshohe Stahltanks.

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Wenn Prenzlau morgens erwacht, sind die Wasserstofftanks gut gefüllt. Vermischt mit dem Gas einer Biogasanlage, die die örtlichen Bauern betreiben, befeuert der Wasserstoff ein Blockheizkraftwerk, das Strom und Wärme erzeugt – bei Sturm genauso wie bei tagelanger Flaute. Windenergie, selbst wenn der Wind nicht weht. Das ist neu.

Noch existiert diese Kombination aus Biomasse- und Windkraft-Anlage – ein sogenanntes Hybridkraftwerk – nur auf dem Papier. Doch den Grundstein für das Kraftwerk der brandenburgischen Enertrag AG hat Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits gelegt. Schon Mitte 2010 werden einige Tausend Prenzlauer mit der Öko-Energie fernsehen, Rasen mähen und heizen.

Die neue Kraftwerkstechnik überwindet das größte Problem der Windenergie: ihre Unzuverlässigkeit. Es macht Windkraft zur planbaren Energie, die auch bei Windstille zur Verfügung steht. Das Hybridprinzip funktioniert auch mit Solarstrom. Anlagen in aller Welt könnten mit dem Know-how aus der Uckermark zuverlässiger und rentabler werden.

Deutschland ist Spitzenreiter bei grüner Technik

Mit der Hybrid-Technik spielt Deutschland in der Spitzenliga der grünen Technik, einer der wichtigsten Boom-Branchen überhaupt: Mit 16 Prozent Weltmarktanteil ist Deutschland Weltmeister und liegt damit deutlich vor den USA und Japan. Angetrieben von rigiden Umweltgesetzen, gepäppelt mit üppigen staatlichen Subventionen und umgesetzt mit deutschen Ingenieurtugenden ist hierzulande eine Industrie herangewachsen, die ihresgleichen sucht. Knapp 1,2 Millionen Menschen arbeiten inzwischen in der heimischen Umweltwirtschaft, von Experten auch Greentech-Industrie genannt. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sie die klassischen deutschen Leitbranchen – Maschinenbau und Automobilindustrie – hinter sich gelassen: Die Autobranche beschäftigt 760.000 Menschen, die Maschinenbauer rund eine Million. „Gemessen an Jobs ist die Umweltindustrie schon heute die deutsche Leitindustrie“, sagt RWE--Vorstand Fritz Vahrenholt.

Jobmotor Umwelttechnik (Zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken)
Jobmotor Umwelttechnik (Zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken)

In der schwersten Krise seit Jahrzehnten wird die Öko-Branche gar zum Rettungsanker für die deutsche Wirtschaft. Das belegt die umfassendste Untersuchung der deutschen Umwelttechnik-Industrie, der Greentech-Atlas. Die Studie, deren Kernaussagen der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegen, hat die Unternehmensberatung Roland Berger im Auftrag des Bundesumweltministeriums angefertigt. Nächste Woche wird Umweltminister Sigmar Gabriel die Ergebnisse in Berlin der Öffentlichkeit vorstellen.

Über 1300 Unternehmen und 200 Forschungseinrichtungen hat Roland Berger befragt. Das Ergebnis: Während in der Autoindustrie oder im Maschinenbau die Zahl der Beschäftigten in Deutschland stagniert, wird sich die Zahl der Jobs in der Greentech-Industrie bis 2020 auf über 2,2 Millionen verdoppeln. Eine ähnliche Entwicklung sehen die Experten auch beim Umsatz, den deutsche Unternehmen mit Greentech erzielen. Er soll von aktuell gut 210 Milliarden Euro in den nächsten zehn Jahren auf über 460 Milliarden bis 2020 klettern. 

Die Unternehmen der boomenden grünen Industrie haben aber nicht nur eine vielversprechende Zukunft. „Sie sind von der Krise insgesamt weniger betroffen“, sagt Torsten Henzelmann, Umwelttechnik-Experte bei Roland Berger und Autor des Greentech-Atlas. „Viele profitieren sogar von der Krise“, sagt Henzelmann, „unter anderem, weil es wieder Ingenieure und Facharbeiter am Arbeitsmarkt gibt.“

Image-Erneuerung durch Öko-Boom

Vor zwei Jahren hatte Roland Berger den ersten Greentech-Atlas vorgestellt. Die neue Studie zeigt: Die grüne Branche ist seitdem sogar noch stärker gewachsen als damals vorhergesagt. Pognostiziert war eine Verdopplung der weltweiten Umsätze in der Greentech-Branche auf 2200 Milliarden Euro bis 2020. "Dieser Wert könnte jetzt schon deutlich füher erreicht sein", sagt Henzelmann. "Umwelt-Technik-Unternehmen haben beim Umsatz je nach Segment zwischen 5 und 30 Prozent zugelegt. Unsere Prognosen haben sie damit deutlich übertroffen."

Keine Frage - der Öko-Boom erzeugt auch reichlich heiße Luft. Viele Unternehmen springen auf den grünen Zug auf, um ihr Image zu polieren. "greenwashing" heißt dieses Phänomen in den USA. Fest steht auch, dass selbst selbst die grünen Wachstumsindustrien vor der Krise nicht ganz gefeit sind. Durch Geldnöte wurde etwa die Finanzierung von Windparks infrage gestellt, die Auftragseingänge gehen merklich zurück. Auch Solarzellenhersteller berichten von Orderverzögerungen und müssen starke Preisrückgänge verdauen.

Dennoch sind sich die Experten einig: Mehr als ein Zwischentief steht Greentech nicht bevor, trotz unseriöser Trittbrettfahrer und Wirtschaftskrise. Der Markt für Energieerzeugung wird dauerhaft mit elf Prozent im Jahr wachsen, Unternehmen aus dem Sektor Materialeffizienz werden zehn Prozent zulegen und die Umsätze mit Energieeffizienz mit sechs Prozent pro Jahr, schätzen die Roland-Berger-Berater.

Das hat sich auch in der Politik herumgesprochen. So will etwa Umweltminister Gabriel mit ökologischer Industriepolitik die deutsche Vorreiterrolle sichern: „Aber wir müssen auch über neue Ansätze zur Innovationsförderung nachdenken“, sagt Gabriel. „Ich setze mich innerhalb der Bundesregierung für einen Klimaschutz-Innovations-Fonds ein, der gezielt Risikokapital für innovative Klimaschutztechnologien bereitstellt.“

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15 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 19.06.2009, 13:51 UhrAnonymer Benutzer: Dr. Wolfgang P.

    Wir nutzen seit einiger Zeit in der Produktion mit großem Erfolg ein
    Oberflächenfeinstbearbeitungsverfahren, das Rautiefen bis zu einem Zehntausendstel Millimeter ermöglicht. Diese Präzisionswerk-zeugmaschinen werden von Thielenhaus Technologies (Wuppertal) unter der Marke "Microfinish" produziert und vertrieben. Damit lassen sich signifikante Fortschritte bei Energieeffizienz, belastbarkeit, Geräuschminderung, Miniaturisierung, Langlebigkeit und Wirtschaftlichkeit erreichen.

  • 17.06.2009, 14:45 UhrAnonymer Benutzer: Jochen

    Gott-sei-Dank gibt es gerade in Deutschland eine Vielzahl äußerst innovativer Firmen, die weltweit als Vorreiter bei der Umwelttechnologie wirken. Ein aktuelles beispiel: Als Architekt habe ich kürzlich auf Wunsch meines bauherren nach intelligenten Wassersparlösungen für den Neubau eines großen Verwaltungsgebäudes gesucht. Eher durch Zufall bin ich bei der Recherche auf ein sehr interessantes Vacuumsystem für WCs und Urinale gestoßen, das den Wasserverbrauch in größeren Gebäuden
    ohne Einbußen bei Komfort und Hygiene um bis zu 85 % senkt. Als Tip für alle Kollegen: Hersteller ist die Firma Vacusatec in Münster.
    (www.vacusatec.com)

  • 15.05.2009, 23:05 UhrAnonymer Benutzer: vandale

    Whatever Sie liegen in der Tat voellig falsch

    Spitzenlaststrom ist der teuerste Strom ueberhaupt. Dieser dient um kurzfristige auftretende Lastspitzen nach bedarf!!!! abzudecken. Dazu dienen Pumpspeicherkraftwerke und Gasturbinen.

    Mittellaststrom ist gleichfalls recht teuer. Die Mittellast folgt dem bedarf!! der Tageslastschwankung. Hierzu dienen Kohlekraftwerke die auf Teillast gefahren werden.

    Windstrom ist Zufallsstrom. Die Einspeisung schwankt beliebig. Die Einspeiseprofile kann man auf der internetseite des bDEW, oder auch im Mitgliederbereich des UCTE sehen. Durch Zufallsstrom werden keine Kraftwerke eingespart, allenfalls etwas brennstoff. Die Wettervorhersage mag es ueber Tage hinweg geben. Es reicht jedoch wenn eine Windstille statt um 20 Uhr bereits um 18:00 auftritt. Wenn dann nicht ausreichend Kraftwerke befeuert in bereitschaft gehalten werden, bricht das Netz zusammen. Seien Sie froh das die Netztechniker der Wettervorhersage nur begrenzt Glauben schenken.

    Mit der Aussage das der bericht in der WiWO "geschoent" ist, haben Sie untertrieben.

    Vandale

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