Umwelttechnik: Wie Öko-Technik die deutsche Industrie revolutioniert

Umwelttechnik: Wie Öko-Technik die deutsche Industrie revolutioniert

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Windenergie deckt sieben Prozent des deutschen Strombedarfs.

Solaranlagen, effiziente Fabriken und sauberes Wasser: Mit grüner Technik erobert die deutsche Industrie schneller als erwartet neue Märkte und schafft eine Million Jobs. Die Krise gibt der Boom-Branche zusätzlich Auftrieb.

Es ist nach Mitternacht. Ein scharfer Nordostwind fegt über die flache Seenlandschaft der Uckermark. Drei Windräder am Ortsrand des brandenburgischen Städtchens Prenzlau laufen auf Hochtouren. Die sechs Megawatt Strom, die sie produzieren, gehen aber nicht ins Netz, sie fließen in eine kleine Halle unweit der Windräder. Dort spaltet der Strom in einem sogenannten Elektrolyseur Wasser in seine Bestandteile, Sauerstoff und Wasserstoff. Pumpen pressen den Wasserstoff anschließend in fünf mannshohe Stahltanks.

Wenn Prenzlau morgens erwacht, sind die Wasserstofftanks gut gefüllt. Vermischt mit dem Gas einer Biogasanlage, die die örtlichen Bauern betreiben, befeuert der Wasserstoff ein Blockheizkraftwerk, das Strom und Wärme erzeugt – bei Sturm genauso wie bei tagelanger Flaute. Windenergie, selbst wenn der Wind nicht weht. Das ist neu.

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Noch existiert diese Kombination aus Biomasse- und Windkraft-Anlage – ein sogenanntes Hybridkraftwerk – nur auf dem Papier. Doch den Grundstein für das Kraftwerk der brandenburgischen Enertrag AG hat Bundeskanzlerin Angela Merkel bereits gelegt. Schon Mitte 2010 werden einige Tausend Prenzlauer mit der Öko-Energie fernsehen, Rasen mähen und heizen.

Die neue Kraftwerkstechnik überwindet das größte Problem der Windenergie: ihre Unzuverlässigkeit. Es macht Windkraft zur planbaren Energie, die auch bei Windstille zur Verfügung steht. Das Hybridprinzip funktioniert auch mit Solarstrom. Anlagen in aller Welt könnten mit dem Know-how aus der Uckermark zuverlässiger und rentabler werden.

Deutschland ist Spitzenreiter bei grüner Technik

Mit der Hybrid-Technik spielt Deutschland in der Spitzenliga der grünen Technik, einer der wichtigsten Boom-Branchen überhaupt: Mit 16 Prozent Weltmarktanteil ist Deutschland Weltmeister und liegt damit deutlich vor den USA und Japan. Angetrieben von rigiden Umweltgesetzen, gepäppelt mit üppigen staatlichen Subventionen und umgesetzt mit deutschen Ingenieurtugenden ist hierzulande eine Industrie herangewachsen, die ihresgleichen sucht. Knapp 1,2 Millionen Menschen arbeiten inzwischen in der heimischen Umweltwirtschaft, von Experten auch Greentech-Industrie genannt. Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sie die klassischen deutschen Leitbranchen – Maschinenbau und Automobilindustrie – hinter sich gelassen: Die Autobranche beschäftigt 760.000 Menschen, die Maschinenbauer rund eine Million. „Gemessen an Jobs ist die Umweltindustrie schon heute die deutsche Leitindustrie“, sagt RWE--Vorstand Fritz Vahrenholt.

Jobmotor Umwelttechnik (Zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken)

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In der schwersten Krise seit Jahrzehnten wird die Öko-Branche gar zum Rettungsanker für die deutsche Wirtschaft. Das belegt die umfassendste Untersuchung der deutschen Umwelttechnik-Industrie, der Greentech-Atlas. Die Studie, deren Kernaussagen der WirtschaftsWoche exklusiv vorliegen, hat die Unternehmensberatung Roland Berger im Auftrag des Bundesumweltministeriums angefertigt. Nächste Woche wird Umweltminister Sigmar Gabriel die Ergebnisse in Berlin der Öffentlichkeit vorstellen.

Über 1300 Unternehmen und 200 Forschungseinrichtungen hat Roland Berger befragt. Das Ergebnis: Während in der Autoindustrie oder im Maschinenbau die Zahl der Beschäftigten in Deutschland stagniert, wird sich die Zahl der Jobs in der Greentech-Industrie bis 2020 auf über 2,2 Millionen verdoppeln. Eine ähnliche Entwicklung sehen die Experten auch beim Umsatz, den deutsche Unternehmen mit Greentech erzielen. Er soll von aktuell gut 210 Milliarden Euro in den nächsten zehn Jahren auf über 460 Milliarden bis 2020 klettern. 

Die Unternehmen der boomenden grünen Industrie haben aber nicht nur eine vielversprechende Zukunft. „Sie sind von der Krise insgesamt weniger betroffen“, sagt Torsten Henzelmann, Umwelttechnik-Experte bei Roland Berger und Autor des Greentech-Atlas. „Viele profitieren sogar von der Krise“, sagt Henzelmann, „unter anderem, weil es wieder Ingenieure und Facharbeiter am Arbeitsmarkt gibt.“

Image-Erneuerung durch Öko-Boom

Vor zwei Jahren hatte Roland Berger den ersten Greentech-Atlas vorgestellt. Die neue Studie zeigt: Die grüne Branche ist seitdem sogar noch stärker gewachsen als damals vorhergesagt. Pognostiziert war eine Verdopplung der weltweiten Umsätze in der Greentech-Branche auf 2200 Milliarden Euro bis 2020. "Dieser Wert könnte jetzt schon deutlich füher erreicht sein", sagt Henzelmann. "Umwelt-Technik-Unternehmen haben beim Umsatz je nach Segment zwischen 5 und 30 Prozent zugelegt. Unsere Prognosen haben sie damit deutlich übertroffen."

Keine Frage - der Öko-Boom erzeugt auch reichlich heiße Luft. Viele Unternehmen springen auf den grünen Zug auf, um ihr Image zu polieren. "greenwashing" heißt dieses Phänomen in den USA. Fest steht auch, dass selbst selbst die grünen Wachstumsindustrien vor der Krise nicht ganz gefeit sind. Durch Geldnöte wurde etwa die Finanzierung von Windparks infrage gestellt, die Auftragseingänge gehen merklich zurück. Auch Solarzellenhersteller berichten von Orderverzögerungen und müssen starke Preisrückgänge verdauen.

Dennoch sind sich die Experten einig: Mehr als ein Zwischentief steht Greentech nicht bevor, trotz unseriöser Trittbrettfahrer und Wirtschaftskrise. Der Markt für Energieerzeugung wird dauerhaft mit elf Prozent im Jahr wachsen, Unternehmen aus dem Sektor Materialeffizienz werden zehn Prozent zulegen und die Umsätze mit Energieeffizienz mit sechs Prozent pro Jahr, schätzen die Roland-Berger-Berater.

Das hat sich auch in der Politik herumgesprochen. So will etwa Umweltminister Gabriel mit ökologischer Industriepolitik die deutsche Vorreiterrolle sichern: „Aber wir müssen auch über neue Ansätze zur Innovationsförderung nachdenken“, sagt Gabriel. „Ich setze mich innerhalb der Bundesregierung für einen Klimaschutz-Innovations-Fonds ein, der gezielt Risikokapital für innovative Klimaschutztechnologien bereitstellt.“

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