Energiemarkt: Einmischung des Kreml beginnt Gazprom zu nerven

Energiemarkt: Einmischung des Kreml beginnt Gazprom zu nerven

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Gasstopp in der Ukraine im vergangenen Winter: Gazprom hat einen schweren Imageschaden erlitten

von Florian Willershausen

Für den Energieriesen Gazprom wird der Wettbewerb um Kunden härter. Da stört die Einmischung des Kremls zunehmend.

Wenn es knifflig wird, drängt Wladimir Putin bei Gazprom ans Ruder. Es ist November, ein neuer Gaskonflikt mit der Ukraine bahnt sich an – und Russlands Regierungschef ergreift das Wort für seinen größten Steuerzahler: Wenn die Ukrainer ihre Gasrechnungen nicht bezahlten, poltert Putin, werde man die Lieferungen einstellen. Jeder Europäer, der bei Putin zu Besuch ist, hört dieser Tage dieselbe Arie, zuletzt Österreichs Kanzler Walter Faymann. Feinfühliger gibt sich Präsident Dmitri Medwedew, der auf Drohgebärden verzichtet und vorigen Mittwoch beim Stockholmer EU-Russlandgipfel ein Frühwarnsystem versprach. Immerhin hatte der ukrainische Versorger Naftogas die Oktober-Rechnung ja bezahlt – spät, aber pünktlich.

Die Einmischung aus der Politik wird für Gazprom langsam zum Problem. Gazprom-Spitzenleute wie Vizepräsident Alexander Medwedew oder Finanzchef Andrej Kruglow wollen den Energieriesen auf neuen Kurs bringen. Sie zählen zur Riege der Reformer, die Gazprom vorsichtig geöffnet haben und den Staatskonzern nach außen als ganz normale Firma präsentieren. Das klappt nicht, wenn der weltgrößte Gasförderer immer wieder in politisch überlagerte Konflikte mit der Ukraine gerät und Premier Putin dabei den Lautsprecher spielt.

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Die junge Garde in der Moskauer Zentrale weiß genau, dass Gazprom kreativer, flexibler, durchsichtiger werden muss. Dass sie bei Versorgern und deren Kunden Vertrauen gewinnen müssen, um international erfolgreich zu sein. Die Zeiten, da Abnehmer wie E.On Ruhrgas den Russen Lieferverträge aus den Händen rissen, sind vorbei. Gazprom muss sich einer neuen Erfahrung stellen: dem Wettbewerb um Kunden.

Umbruch auf den Energiemärkten

Die Energiemärkte sind im Umbruch. Im frisch gedruckten World Energy Outlook 2009 prophezeit Fatih Birol, Chefökonom der Internationalen Energieagentur (IEA), dass das Gasangebot schneller steigt als die Nachfrage. Es drohe eine Gasschwemme, was auf die Preise drückt. Derweil versuchen sich EU-Länder aus der Abhängigkeit von russischem Gas zu lösen – mit dem Kauf von Flüssiggas, dem Bau neuer Kernkraftwerke und der Nabucco-Pipeline, die mit zentralasiatischem statt russischem Gas gespeist wird. Frank Umbach vom Centre for European Security Strategies: „Gazprom brechen die Märkte weg.“

Dass sibirisches Erdgas zu teuer ist, zeigt sich an den Londoner Spotmärkten. Dort wird Flüssiggas, das in Tankern aus den Häfen von Katar und Algerien nach Europa verschifft wird, nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage gehandelt. Da es wegen des gesunkenen Gasbedarfs ein Überangebot an Flüssiggas gibt, kostet es nur halb so viel wie russisches Gas. Dessen Preis folgt mit zeitlicher Verzögerung dem Ölpreis, der sich seit Januar auf 80 Dollar pro Barrel verdoppelt hat. Außerdem enthalten die teils bis 2030 datierten Verträge deutscher Versorger so genannte „Take or pay“ Klauseln: Sie müssen eine bestimmte Menge an Gas abnehmen, egal, ob es dafür eine Nachfrage gibt oder nicht.

Knebel-Verträge ärgern E.On

Die Knebel-Verträge ärgern vor allem E.On-Chef Wulf Bernotat. Der wagte jüngst den Tabubruch, sprach von der Entkopplung des Gaspreises vom Ölmarkt und versucht seither, die Russen zu einer Reduzierung der Mindestabnahmemengen zu bewegen. Bernotat will einen Teil der Gaslieferungen aus Russland abbestellen und Billiggas am freien Markt beziehen. Grund: Bei einem Absatzminus von 21 Prozent in den ersten neun Monaten droht Tochter Ruhrgas dem Konzern das Ergebnis zu verhageln.

Moskau bleibt stur. Keiner wagt bei Gazprom, an ein Aufweichen der Langfristverträge auch nur zu denken. Nicht Medwedew, der smarte Exportchef, der als Außenminister von Gazprom gilt. Und schon gar nicht Vorstandschef Alexej Miller, Putins Duzfreund aus gemeinsamen Tagen bei der Petersburger Stadtverwaltung. Der Staatsbürokrat, der den direkten Draht zur Politik hält und den Reformern bei der Öffnung bisweilen im Wege steht, will Gazprom zum größten Konzern der Welt machen. Dazu braucht er das Exportmonopol in Europa.

Gebetsmühlenartig wiederholen Gazprom-Manager, die langfristigen Verträge seien gut für die europäische Versorgungssicherheit und notwendig, um neue Ressourcen zu entwickeln. Ein Großteil der russischen Investitionen wird in den nächsten Jahren aber nicht in neue Vorkommen, sondern in Pipelines wie South Stream fließen. Mit Tempo treibt Gazprom den Röhrenbau durchs Schwarze Meer voran. Die über die Türkei verlaufende Nabucco-Leitung, für die Ex-Bundesaußenminister Joschka Fischer wirbt und die RWE maßgeblich projektiert, gilt als Konkurrenzprojekt der EU.

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