Energiepolitik: Wie Vattenfall die Atomkraft wieder salonfähig machen will - Seite 2

Energiepolitik: Wie Vattenfall die Atomkraft wieder salonfähig machen will

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Vattenfall-Schef Lars G. Quelle: dpa/dpaweb
Vattenfall-Schef Lars G. Josefsson: Sanft und drohend im politischen Gelände Quelle: dpa/dpaweb

Josefsson beherrscht viele Tonlagen. Der Sohn eines ländlichen Textilhändlers, der zunächst Entwicklungsingenieur bei Ericsson wurde, war Ende der Neunzigerjahre von der schwedischen Regierung als Koordinator für den Kriegsschiffbau ernannt worden, bevor er im August 2000 Vorstandschef des staatlichen Vattenfall-Konzerns wurde und mit dem Erwerb von Beteiligungen in Deutschland und Polen ein Standbein in Mitteleuropa aufbaute.

Den politischen Spürsinn, den er dabei entwickelte, setzt Josefsson jetzt vor allem in Deutschland ein. Denn hier sind Widersprüche, mit denen er leben muss, besonders eklatant. Vattenfall lebt vom Atom- und Kohlestrom, beide stehen hier mächtig in der Kritik. Der CO2-Ausstoß soll bis 2050 nach EU-Plänen halbiert, nach Plänen der US-Demokraten um fast 90 Prozent reduziert werden. Solche Maximalvorgaben können auch auf Europa überschwappen. Fieberhaft lässt Josefsson deshalb seine Vattenfall-Ingenieure an der CCS-Technik (Carbon, Capture, Storage) arbeiten, die das Kohlendioxid aus Kohlekraftwerken in die Erde versenkt und in die Poren von Sandstein in 800 Meter Tiefe abscheidet. Davor fürchtet sich die örtliche Bevölkerung, weil Ängste durch die Bürgerinitiativen wabern, hier könne irgendetwas Schädliches an die Oberfläche treten.

Und da ist der Furor Atom. Die Meiler Krümmel und Brunsbüttel – beide nach Zwischenfällen immer noch abgeschaltet – sind heftigst verpönt. Josefsson braucht die Kernkraftwerke aber. Er will mit einem ehrgeizigen CCS-Programm bei Vattenfall erreichen, dass die fertige Technik bereits in zehn Jahren – und nicht erst wie von der EU gefordert zur Jahrhundertmitte – in den Vattenfall-Braunkohlekraftwerken zum Einsatz kommt. Dafür will er im Schulterschluss mit den anderen deutschen Energieunternehmen die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken ertrotzen.

Josefsson sieht Ablehnung der CO2-Speicherung als Wahlkampfkalkül

"Der deutsche Atomkonsens sagt, wir betreiben unsere Kernkraftwerke 32 Jahre lang“, bemerkt Josefsson trocken, „man könnte aber auch 36 Jahre sagen.“ Punkt, aus. Was er damit sagen will, ist jedoch klar: Die Festlegung auf diesen Zeitraum ist beliebig, also unnötig. Verhandlungen mit der Politik über diese Logik sieht Josefsson aber erst nach den Wahlen auf Vattenfall zukommen. Dann, so seine Hoffnung, steht Angela Merkel, die Physikerin, einem Kabinett mit kernkraftfreundlichen FDP-Ministern vor. Soll dann der Ausstieg aus der Atomkraft, den Merkels Vorgänger Gerhard Schröder und die Grünen durchsetzten, bis spätestens 2018 fallen, wird das nicht ohne irgendein sichtbares Entgegenkommen der Stromproduzenten gehen. Das könnte die CCS-CO2-Speichertechnik sein – als Wegbereiter für ein neues, zweites Atomzeitalter in Deutschland.

Vorige Woche sah es für viele so aus, als ob Josefsson auf Sand gebaut hätte. Denn die Bundesregierung stoppte in letzter Minute zumindest vorübergehend einen Gesetzentwurf für die unterirdische Lagerung von CO2 – und kommt damit den Stimmen unter vielen Wählern entgegen, die nicht nur den Atomstrom fürchten, sondern auch in der CO2-Speicherung eine Art Lebensbedrohung wittern.

Der Vattenfall-Chef zeigt sich ziemlich sicher, dass alles nur Wahlkampfkalkül ist, dass der Streit um die künftige Energiepolitik nach den Wahlen in einen „Quick fix“ mündet: „Wir können der neuen Bundesregierung Folgendes anbieten: Sie kann nach den Wahlen ein neues Gesetz verabschieden, in dem klar geregelt wird – künftig darf kein neues Kohlekraftwerk ohne CCS-Technik gebaut werden. Und in demselben Gesetz könnten die Laufzeiten der Kernkraft hochgesetzt werden.“ „Das ist doch was“, sagt Josefsson.

Dass seine CCS-Taktik den Strompreis stark ansteigen lassen wird, lässt Josefsson nicht an seiner generellen Marschrichtung zweifeln: „CCS wird die Herstellungskosten um 30 Prozent verteuern. Aber das wird angesichts der Klimakrise akzeptabel sein für die Politik“, sagt Josefsson und fügt mit mildem Lächeln hinzu: „Wenn nicht gerade Wahlkampf ist.“

Deutsche Angst gegen deutsche Angst – das ist die Art schwedisches Geheimrezept, das Josefsson den Erfolg bringen soll. „Es wird hier viel emotionalisiert“, sagt er in fließendem Deutsch. Noch spricht er seine Forderungen nicht offen gegenüber Bundeskanzlerin Merkel aus. Doch Josefsson hat einen langen Atem. „Wir werden neue Vorschläge machen“, sagt er, „zum Beispiel, wenn Schweden am 1. Juli die EU-Ratspräsidentschaft übernimmt.“ Und die dauert bis Ende des Jahres und umfasst auch die Zeit, in der nach der Bundestagswahl in Deutschland die Koalitionsverhandlungen fallen werden. Da könnte aus Schweden zum Beispiel die Forderung kommen, die CCS-Technik bis 2020 für europäische Kohlekraftwerke vorzuschreiben – und Ausstiegsbeschlüsse aus der Atomenergie politisch generell zu unterbinden. Das wäre, entfährt es Josefsson ganz undiplomatisch, „doch ein Paukenschlag“.

17 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 04.08.2009, 21:17 UhrAnonymer Benutzer: lars

    Schlimm was Josefsson so macht. Derzeit klagt verklagt er Deutschland wegen Hamburg - Moorburg um 600 Mio. Euro wegen
    Mehrkosten. Das schreibt Greenpeace. Der Klimaberater von Merkel.
    Lars

  • 18.07.2009, 14:31 UhrAnonymer Benutzer: Solitaire

    Der Artikel bestätigt wieder einmal, wie dreist die Atom-Lobby vorgeht. Die Meinung der bürger interessieren nicht. Man verfolgt sein Ziel und basta. Alles, was bisher vorgefallen ist, waren " Einzelfälle" Notfalls kommt man der Politik hie und da ein wenig entgegen, notfalls auch mit ein paar Pöstchen und gut! Selbstverständlich werden noch die interessenvertretungen zweck PR-Arbeit mit ins boot genommen, damit das Ganze wie geschmiert läuft. Sollte das nicht reichen, wird mit wirtschaftlichen Nachteilen und Entlassungen gedroht. Zu guter Letzt schreibt man die Gesetze für die Politiker noch selbst, wie schon des öfteren geschehen!

  • 07.07.2009, 11:05 UhrAnonymer Benutzer: shrinkhead

    bei Kostenpreisen für monokristalline Solarzellen bei ca. 1 Euro pro Watt(p) und der realistischen Option mit Tiefengeothermie Stromerzeugungskapazität günstiger als den derzeitigen Privatkundenpreis zu bauen, würde ich als Chef eines solchen Dinosauriers auch zusehen, dass gerettet wird was geht - koste es was es wolle. Solange Abgeordnete wie Reinhard Schultz beratungsfirmen für Vattenfall haben dürfen...

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