Energieversorger: Stadtwerke schlagen gegen Energieriesen zurück

Energieversorger: Stadtwerke schlagen gegen Energieriesen zurück

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Kletterer der Umweltorganisation Greenpeace befestigen ein Fotobanner, auf dem die Bundeskanzlerin Angela Merkel und RWE-Vorstandschef Jürgen Grossmann zu sehen sind.

von Andreas Wildhagen

56 Stadtwerke prangern in großformatigen Zeitungsanzeigen die Allmacht der vier großen Energiekonzerne an.

Ist das Davids Steinschleuder? Müssen die in diesem Fall vier Goliaths irgendeine Schramme in ihrer Außenhaut fürchten? 56 Stadtwerke-Chefs nehmen in einer bisher beispielslosen Marketingaktion den Energiekonsens von E.On, RWE, EnBW und Vattenfall aufs Korn. "Vier Gewinnen, Millionen verlieren", heißt die Überschrift, unter der starker Tobak verbreitet wird: "Heute entscheidet der Bundestag über die Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken. Dies ist eine Entscheidung über Zukunft oder Vergangenheit. Während sich E.On, EnBW, RWE und Vattenfall durch die Laufzeitverlängerung jeden Tag Millionen Gewinne sichern, werden die Länder, Kommunen und Stadtwerke geschwächt. Die Folgen: Noch weniger Geld für Krankenhäuser, Schulen und Schwimmbäder.

Es sind die nun die eher betulich, fest im Provinziellen verankerten Stadtwerke, die jetzt die aggressiven Töne anschlagen, wie man sie früher von den Grünen oder eingefleischten Atomkraft-Nein-Danke-Jüngern gewohnt war. Greenpeace entrollte am Donnerstagmorgen auf der gläsernen CDU-Zentrale in Berlin ein Plakat, dass Kanzlerin Merkel mit RWE-Chef Jürgen Großmann einträchtig beim Schnapstrinken abbildete. Die schwarzgelbe Bundesregierung hat sich von den Atom-Oligopolen den Schneid abkaufen lassen. 

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Die Verlängerung der Laufzeiten von Atomkraftwerken schwächt die Marktmacht der Stadtwerke, die ihre Stromeinnahmen zumeist aus robusten Kohlekraftwerken bestreiten, die zwar die Luft tendenziell verpesten, aber immer noch sicherer sind als Kernkraftwerke mit ihrem monströsen Sicherheitsapparat, der das kommunale Idyll an Ufern und Seen mit militärisch anmutenden Sicherheitszäunen, Sperrgräben, Kameraüberwachung, Wachtürmen a la DDR und Patrouillestraßen für die Tag- und Nacht-Überwachung verunziert- siehe das Kernkraftwerk Brokdorf inmitten der früher botanisch wertvollen Marschlanden nördlich von Hamburg - nun ein hubschrauberbewehrter Einsatzort der polizeilichen Objektschützer.

Marketing in eigener Sache

Man kann verschiedenen Thesen zu dieser Anzeige aufstellen. These Nummer eins: Die Stadtwerke haben recht. Nach dem Atomkonsens mit der Bundesregierung war ihnen der Ausstieg aus der umstrittenen Technik garantiert, das eröffnete eine sichere Zukunft für Kohle- und Gaskraftwerke. Nun wird die Uhr aus der Sicht der Stadtwerke-Investoren zurückgedreht. These Nummer zwei. Die Stadtwerke vergießen Krokodilstränen: Denn ganz so klein wie sie wirken möchten, sind sie nicht. Viele Davids sind eben so stark wie ein halber Goliath. Wenn Trianel-Chef Sven Becker die Anzeige unterschreibt, dann sollte auch gesagt werden, dass hinter Trianel eine Marktmacht von Dutzenden von Stadtwerken in ganz Deutschland steht - mit Kundenkontakten wie sie die großen Stromerzeuger gerne hätten. Andere Stadtwerke haben lieber nicht unterschrieben: Die Stadtwerke München zum Beispiel, die am Kernkraftwerk Ohu in Landshut beteiligt sind, das hunderte von Millionengewinnen in die Stadtwerkekasse spült. Davon werden nicht nur Schwimmbäder in München beheizt, davon wird auch die Gasförderung in der Ostsee vor Norwegen finanziert - so wie die Windradparks der Bayern vor Ostfriesland. Ohu macht die Erneuerbaren also auch erst möglich. Die Stadtwerke München schwimmen im Geld.

Und wo steht die Unterschrift des Chefs der Bielefelder Stadtwerke. 50 Prozent halten sie am Kernkraftwerk Grohnde (der Rest gehört zu E.On), ein Atommeiler, der Tag und Nacht rund läuft und so herzlich wenig mit den Pannenmeilern von Vattenfall, Brunsbüttel und Krümmel, zu tun hat, die seit 2007 abgeschaltet sind. Zukunft ungewiss, die Atomaufsichtsbehörde in Schleswig-Holstein ziert sich, die Betriebsgenehmigung zu erteilen.

These Nummer drei: Die schönsten Schwimmbäder stehen in der Nähe von Atomkraftwerken. Man löse eine Eintrittkarte ins Wellenbad Brokdorf, dort wo früher Kuhställe standen. Man lasse sich im Freizeitbad Gundremmingen von einer Masseurin durchkneten, falls man gebürtiger oder wohnhafter Gundremminger ist, sogar zum Nulltarif. Finanzier ist die verpönte Atomindustrie, verpönt bei den Stadtwerken?

Diese Art der Marketingaktion ist genauso überflüssig wie die der vier großen Versorger gegen die Kanzlerin, kurz vor der Einigung, die Laufzeiten zu verlängern. Anzeigenaktionen der Industrie ja, sie sind sinnvoll, weil sie auf intelligente Leser der Tageszeitungen und Magazine treffen. Also mehr davon im Interesse aller. Aber intelligentere Texter darf man den Stadtwerken und Großversorgern schon noch wünschen.

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