
Eigentlich war Geld immer seine Berufung: Erst machte er in seiner Heimatstadt Hamburg eine Lehre als Bankkaufmann, dann ging alles ganz schnell: Von Caracas aus soll Rafael Kasischke das Kreditgeschäft der Dresdner Bank in Venezuela ausbauen – da ist er 23 Jahre alt. Für die Schweizer Tochter der BHF-Bank betreut er später riesige Vermögen mächtiger Familienclans in ganz Lateinamerika, dreistellige Millionenbeträge pro Kunde sind keine Seltenheit. Anfang der Neunzigerjahre wechselt Kasischke zur Schweizer Privatbank Pictet, baut von Hamburg aus deren Deutschland-Geschäft auf. Danach geht er für die Credit Suisse nach Miami, kümmert sich um Kunden in Lateinamerika und den USA. Ende der Neunzigerjahre macht sich Kasischke mit einem Multi-Manager-Fonds selbstständig. „Damals“, sagt Kasischke, „dachte ich immer nur ans Geschäftemachen.“ Damals endet 2004 – der Freitod seines Bruders, eines erfolgreichen Arztes, ist für Kasischke eine Zäsur: „Mein Bruder war innerlich zerbrochen“, sagt Kasischke. Viele seiner schwerreichen Kunden auch. „Geld ist schön“, erkennt der Ex-Banker, „aber es hilft nicht immer.“
Seine neue Mission: der „Ausgleich zwischen innerem und äußerem Vermögen“. Kasischke macht eine Ausbildung zum Heiler. Und will jetzt wieder ins Finanzgeschäft einsteigen – mit einem Fonds, der nicht in Wertpapiere, sondern direkt in Bodenschätze investiert – Wasser, Land, Edelmetalle, Holz. „Das reflektiert unser Leben auf der Erde“, sagt Kasischke, der seinen Kunden nicht nur zu ausreichend finanzieller, sondern vor allem zu „spiritueller Rendite“ verhelfen will. Mit seiner Haltung steht er nicht allein: Enttäuscht von den Heilslehren des 20. Jahrhunderts, gleichzeitig abgeschreckt vom strengen Glaubensdogma der Amtskirchen, hat die Suche nach Spiritualität und Lebenssinn, die Sehnsucht nach einem geistigen Obdach jenseits materiellen Reichtums Konjunktur. Fragen nach den letzten Dingen, Moral und Lebenssinn gewinnen an Relevanz, beeinflussen Entscheidungen in Unternehmen und im Privatleben.
Das Geschäft mit dem Übersinnlichen brummt. Branchenkennern zufolge werden allein in Deutschland mit spirituellen Dienstleistungen und dem Handel mit chinesischen Klangschalen, Pendeln, Amuletten oder Drachenöl rund zehn Milliarden Euro umgesetzt. Genaue Zahlen existieren nicht – auch, weil unter das Label Esoterik vieles fällt, von Theosophie bis New Age, von Ayurveda bis Yoga. Ob in Köln oder Berlin, Frankfurt oder München: Auf Laternenmasten laden Zettel zur tonalen Chakra-Massage ein, in Stadtmagazinen werben Anzeigen für Feldenkrais-Kurse, Aura-Reinigung oder schamanistische Sitzungen. Laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach geht jeder zweite Deutsche von der Existenz von Engeln aus, 43 Prozent glauben an Gespenster und böse Geister, sprechen dem vierblättrigen Kleeblatt „vielleicht eine Bedeutung“ zu. 28 Prozent verbinden mit der Zahl 13 ein schlechtes Omen, vier von fünf Deutschen lesen regelmäßig ihr Horoskop. Und 65 Prozent der Deutschen, so eine Umfrage der Wickert Institute, vertrauen den Fähigkeiten von Geistheilern. Einige unter ihnen bewerben ihre Dienste auch auf einer der gut zwei Dutzend Esoterikmessen, die jährlich in Deutschland stattfinden und Zehntausende Besucher anlocken. „Wir erleben gerade einen Paradigmenwechsel, weg von der Kultur der aufgeklärten Rationalität zu einer Kultur der Intuition“, sagt Maria Widl, Professorin für katholische Theologie an der Universität Erfurt. „Die Sehnsucht nach Sinn nimmt zu“.
Und zwar nicht nur bei Menschen, die sich als Spielball einer globalisierten Welt empfinden, auf die sie keinerlei Einfluss mehr zu haben glauben. Laut einer Studie der Dresdner Bank sind die modernen Sinnsucher zwischen 30 und 40 Jahre alt, gebildet, wohlhabend. Enttäuscht von den leeren Fortschrittsversprechen der Wissenschaft, suchen sie nach alternativen, einfachen Antworten auf ihre Sinnfragen. Unternehmen achten bei Neu- und Umbauten ihrer Geschäftsräume wie selbstverständlich auf einen positiven Energiefluss. Sie überlassen die Planung nicht mehr allein den Architekten, sondern stellen diesen immer selbstverständlicher Feng-Shui-Berater zur Seite, damit ein „Leben in der Harmonie mit der täglichen Umgebung“ auch im Büro möglich wird und die künftigen Geschäfte unter einem guten Stern stehen. Mit großen Ambitionen machte sich etwa die Sparkasse Hagen an die Planung ihrer neuen Zentrale in der Hagener Innenstadt. „Uns war es sehr wichtig, ein Gebäude mit hoher Wohlfühl-Atmosphäre zu schaffen“, sagt Klaus Hacker, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Hagen. „Dabei haben wir uns beraten lassen, und so sind Aspekte des Feng-Shui eingeflossen.“
So stieß auch Heike di Benedetto zum Planungsteam des knapp 50 Millionen Euro teuren Prestigebaus. Die studierte Betriebswirtin, die das Deutschland-Marketing eines US-Medizin-Unternehmens aufgebaut hatte, machte sich vor neun Jahren mit Feng-Shui-Beratung selbstständig, hat Kunden in aller Welt. Auf ihren Rat hin betreten Kunden das Hagener Sparkassenkarree durch einen ovalen statt eckigen Eingangsbereich, ist das Gebäude mit Naturstein- und Holzböden ausgestattet. Auch die Vorstandsbüros wurden neu konzipiert: Statt repräsentativ auf einem von Säulen gestützten Vorbau zu thronen, mussten die Chefs in einen weniger exponierten Gebäudetrakt umziehen. „Jetzt residieren sie wie die Kaiser von China – die saßen in ihren Palästen auch immer zurückgezogen“, sagt di Benedetto. Der Sparkassen-Vorstand war schnell überzeugt. „Die Akzeptanz von Feng-Shui steigt“, sagt die 44-Jährige, „vor allem bei Firmen mit Asien-Geschäft.“













