Europa-Meisterschaft: Den Fußball-Rasen riechen

Europa-Meisterschaft: Den Fußball-Rasen riechen

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Der Torhüter der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, Rene Adler beim Mallorca-Training für die EM

90 Minuten mit Nachspielzeit: Fußballreporter Béla Réthy über Stilblüten und die Kunst zu schweigen.

WirtschaftsWoche: Herr Réthy, Sie kommentieren das Eröffnungsspiel Schweiz – Tschechien und gelten als Fußballreporter mit enzyklopädischem Wissen. Ein kleiner Test: Mit wie vielen Stichen wurde der tschechische Torhüter Petr Czech genäht, der nach einem Trainingsunfall operiert werden musste?

Béla Réthy: Angeblich mit 50 Stichen.

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Respekt. Aber muss ein guter Fußballreporter das wissen?

Das sind eher Details, mit denen man die Zuschauer nicht quälen sollte.

Worauf kommt es denn an?

Entscheidend ist, dass ein großes Turnier beginnt und der Ball rollt. Außerdem spielt am nächsten Tag die deutsche Mannschaft gegen Polen. Darauf muss man hinweisen, um das Fieber zu wecken.

Als halber Brasilianer – Sie sind in São Paulo aufgewachsen – müssten Sie darin Spezialist sein. Wie lang können Sie aus dem Stand ein lang gezogenes „Goooooaal“ halten, für das Ihre südamerikanischen Kollegen so berühmt sind?

Das hängt von der Tagesform ab. 24 Sekunden dürfte ich schon schaffen – ohne dass die Stimme bricht. Allerdings drängt es mich nicht nach derlei Gesangseinlagen. Anders als die Brasilianer erwarten die deutschen Zuschauer vom Kommentator nicht, dass er den Animateur gibt.

Was erwarten sie dann?

Eine Mischung aus Information und Emotion, aus Distanz und Engagement. Man muss nüchtern beobachten und zugleich voll mitgehen können. Der Reporter kann seine Emotionen nicht komplett zurückhalten, sonst wirkt er unecht. Manchmal muss er dem Zuschauer auch aus der Seele sprechen.

Er muss ihm den Puls fühlen?

Er sollte ihm das Gefühl geben, dass er im Stadion dabei ist und den Rasen riecht.

Sie müssen also manchmal dramatisieren?

Den Rasen riechen

Man muss den richtigen Ton treffen, gut artikulieren, mit Akzentuierungen und Steigerungen arbeiten. Aber nicht zu viel, sonst wird es beliebig.

Der Reporter muss sich seine Kräfte einteilen?

Unbedingt. Er muss Luft lassen nach oben, darf sein Pulver nicht zu früh verschießen und muss gute Einfälle parken, bis sich die richtige Gelegenheit ergibt. Wenn in der ersten Runde des DFB-Pokals Bayern München gegen einen Drittligisten spielt und die Bayern nach fünf Minuten in Führung gehen, dann wird man nicht laut. Wenn die Amateure allerdings in der 80. Minute mit 2:0 führen, dann ruft man schon mal: „Boah, das ist ein Hammer, was sich hier abspielt.“

Und schreit plötzlich laut „Tor“?

So was ist mir mal passiert, 1996, nach der Einführung des Golden Goal, als Deutschland im Finale gegen Tschechien spielte. Die Mannschaften hatten noch gar nicht begriffen, was passiert war, als sich der Ball nach einem ziemlich krummen Schuss von Oliver Bierhoff doch noch entschlossen hatte, ins Tor zu trudeln.

Wann wissen Sie – zumindest im Nachhinein –, ob Sie gut waren?

Wenn ich möglichst wenige Fehler gemacht habe, also Spielsituationen oder Tendenzen richtig erkannt habe, und zwar möglichst vor der Zeitlupe.

Es geht also vor allem um sachlich korrekte Informationen?

Das wäre mir zu wenig. Ich nehme mir vor allem immer wieder vor, die Sprache nicht verschludern zu lassen.

Warum ist Ihnen das so wichtig?

Fahren Sie doch mal Bus und hören Sie den 16-, 17-Jährigen zu. Da haben Sie das Gefühl, einen anderen Stern zu betreten. Es heißt nur noch: „Ey Alter, ey Fenster.“ Früher hieß es: „Könntest du bitte mal das Fenster aufmachen.“

Es gab Zeiten, da sprachen Fußballreporter im Protokollstil: Overath – Bonhoff – Heynckes...

Das ist manchmal durchaus wirkungsvoll, vor allem, wenn es spannend wird, in der letzten Viertelstunde eines wichtigen WM-Spiels. Da muss die Sprache härter, atemloser werden, bis zum Stakkato.

Spielt die Stimmung im Stadion eine Rolle?

Sicher, ich erinnere mich an ein Uefa-Pokalspiel, Benfica Lissabon gegen Bayern München, Mitte der Neunzigerjahre, als die portugiesischen Gastgeber uns besonders freundlich behandeln wollten und den Reporterplatz im VIP-Bereich hinter Panzerglas mit weißem Nappa-Ledersessel eingerichtet hatten. Es war totenstill. Ich hatte das Gefühl, Selbstgespräche zu führen.

Sie brauchen das Frontgefühl?

Unbedingt. Ich kommentiere im Freien, auch bei minus 20 Grad, darauf bestehe ich. Ich will Bratwurstgeruch inhalieren.

Manche Sportreporter gelten als selbstverliebt. Verführt das Kommentieren von Fußballspielen zur Selbstdarstellung?

Die Gefahr gibt es natürlich. Der Kommentator darf nie vergessen, dass nicht er, sondern das Spiel das Ereignis ist. Ich verstehe mich jedenfalls als Vermittler, als Bindeglied zwischen Spiel und Zuschauer. Was dieser ohnehin sieht, muss man nicht auch noch ausführlich beschreiben. Lieber das Geschehen in aller Ruhe beobachten. Und später, nach fünf, sechs weiteren Szenen, die eine bestimmte Einschätzung belegen, das Spiel bewerten. Ein guter Kommentator, so hab ich mal gelesen, sei wie ein guter Schiedsrichter: Er fällt nicht auf. Das sehe ich ähnlich.

Haben Sie den Eindruck, dass das Publikum anspruchsvoller geworden ist?

Der Fußball hat heute jedenfalls eine viel größere Bedeutung, er erlebt einen regelrechten Hype. Wir leben im Zeitalter der Event- und Festivalkultur. Das gilt für Musik, Kunst, Religion – und eben auch für den Fußball. Alles wird zum Spektakel. Die Fans feiern sich und ihre Mannschaften in Gefühlsinszenierungen. Erst recht bei Welt- und Europameisterschaften.

Das hat es doch auch früher gegeben.

Schon, aber nehmen Sie nur das Public Viewing. Die technischen Möglichkeiten standen schon in den Neunzigerjahren zur Verfügung. Aber erst seit rund vier, fünf Jahren wird das regelrecht zelebriert. Da kommen Festgemeinschaften zusammen.

Weil das Bedürfnis nach Wir-Gefühlen und ausgelebtem Patriotismus größer geworden ist?

Ja, mit schwarzrotgoldenen Fahnen durch Berlin zu ziehen hat nichts Chauvinistisches mehr – was ich in Ordnung finde, weil es zeigt, dass die Menschen in einer zusammenwachsenden Welt auf ihren Herkünften und Eigenarten bestehen.

Bei einem Sieg der deutschen Mannschaft sagen Sie also auch mal „wir haben gewonnen“?

Das rutscht einem allenfalls mal raus.

Wie hat sich denn parallel dazu der Stil des Kommentierens in den vergangenen Jahrzehnten geändert?

In den Siebzigerjahren herrschte ein sachlicher, ausgenüchterter Stil. Gefühle galten als unmodern, Euphorie war verboten. Man gab sich hanseatisch-kühl, es war die pragmatische Helmut-Schmidt-Ära.

Hat Sie das geprägt?

Eigentlich nicht. Geprägt hat mich am ehesten mein Kollege Marcel Reif, der sehr umstritten war zu Beginn seiner Karriere Mitte der Achtzigerjahre.

Sie haben lange als sein Assistent gearbeitet. Was hat er anders gemacht als die anderen?

Er war intellektuell und roch nicht nach Schweiß. Ein Sprachkünstler, der einen sehr kurzen Weg zwischen Hirn und Zunge hat. Vielen Leuten war das damals suspekt, weil es arrogant wirkte. Er war auch nicht sonderlich patriotisch aufgelegt, sondern süffisant und ironisch, was im Fernsehen ein schwieriges Geschäft ist.

Warum?

Weil sich Ironie nicht allen vermittelt. Aber es gibt da ein Zitat von Hanns Joachim Friedrichs, das ich sehr schön finde, auch wenn es den einen oder anderen kränken mag: „Das Niveau können wir nicht beliebig senken.“ Anders gesagt: Man sollte mit seinen Kommentaren nicht die Intelligenz der Zuschauer beleidigen.

Zumal es inzwischen geradezu als schick gilt, sich intellektuell mit Fußball zu befassen?

Ja, Fußball ist Gott sei Dank immer noch Volkssport, aber längst raus aus der Tabuzone der Intellektuellen. Als ich in den Siebzigerjahren studierte und parallel als Reporter für das ZDF-Sportstudio arbeitete, galt das noch als degoutant. Aber nach Spielen der Frankfurter Eintracht bin ich in der Mensa oft gefragt worden, wie es denn nun ausgegangen sei und ob die Eintracht absteige oder drin bleibe. Aber alles im Flüsterton.

Das Ressentiment gegenüber den Fußballreportern ist trotzdem geblieben. Warum werden manche Ihrer Kollegen in Internet-Foren zu regelrechten Hassobjekten?

Weil beim Fußball alle mitreden und jeder es besser weiß. Im Übrigen sind diese Foren vor allem dazu da, Frust abzulassen. Es gehört fast schon zum Service, auf den Reporter schimpfen zu können. Als ein Pay-TV-Sender anbot, den Kommentar abzuschalten, hat deshalb auch so gut wie niemand davon Gebrauch gemacht.

Manche Kommentare sind aber schon erstaunlich. Gerald Asamoah ist jüngst von einem Ihrer Kollegen mit einem Wasserbüffel verglichen worden. Sie selbst haben den Kolumbianer Carlos Valderrama einmal als Klobürste bezeichnet.

Vor zehn Jahren, bei einem Vorrundenspiel der Weltmeisterschaft. Heute würde ich es nicht mehr machen. Da war die Grenze zum Persönlichen überschritten.

Welche Wendungen gehören für Sie in den Giftschrank?

Zum Beispiel der „etatmäßige Libero“ und die „biedere Hausmannskost“. Oder wenn ein neuer Spieler nach langer Zeit sein erstes gutes Spiel zeigt, heißt es garantiert, endlich sei er „auf Schalke angekommen“. Solche Sätze sind für mich tabu.

Was ist mit den „deutschen Tugenden“?

Ebenfalls. Die bestanden früher darin, scheinbar hoffnungslose Spiele durch bloßen athletischen Einsatz zu drehen. Damit – da hat Joachim Löw recht – kann man heute keinen Blumentopf mehr gewinnen.

Die Deutschen finden nicht mehr „über den Kampf zum Spiel“?

Doch, aber das ist eine Banalität und gilt für jede Mannschaft.

Müssen sich die deutschen Fernsehzuschauer in den nächsten Wochen auf viele Banalitäten einstellen? Oder anders gefragt: Gibt es außer Marcel Reif Kollegen, denen Sie gern zuhören?

Sagen wir es so: Es gibt einige, die ich angenehm finde, andere weniger. Mit den Einpeitschern und Kriegsberichterstattern kann ich nichts anfangen. Dieser martialische Stil ist völlig unangemessen. Fußball ist zwar auch Kampf, aber nicht Krieg. Vor allem ist Fußball ein wunderschönes Spiel.

Und was kann ein guter Reporter zum Gelingen beitragen?

Auch mal im richtigen Moment den Mund zu halten.

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