Ex-Seglerin Ellen MacArthur: „Wir haben nur diesen einen Planeten“

Ex-Seglerin Ellen MacArthur: „Wir haben nur diesen einen Planeten“

, aktualisiert 21. August 2016, 08:20 Uhr
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Auf ihrem Boot kam die Weltumseglerin mit ganz wenigen Dingen aus. Nun will sie die gefährliche Verschwendung von Rohstoffen stoppen.

von Katrin TerpitzQuelle:Handelsblatt Online

So schnell wie Ellen MacArthur umsegelte kein anderer Mensch die Welt. Nun kämpft die Britin für eine Revolution der Wirtschaft – die „Circular Economy“. Die ersten Konzerne hat sie überzeugt, dass dies profitabel ist.

Ellen MacArthur ist eine Kämpferin. Drei Jahre lang hielt die Britin den Weltrekord im Einhandsegeln. Heute will die 40-Jährige die Welt verbessern. Der Ellen MacArthur Cancer Trust hilft jungen Krebskranken. Die Ellen MacArthur Foundation hat sich nicht weniger als den kompletten Systemwandel unserer Wirtschaft zum Ziel gesetzt: die Kreislaufwirtschaft. Unermüdlich reist die Britin um die Welt, um Konzernbosse und Politiker von ihrer Mission zu überzeugen. MacArthur lebt mit ihrer Familie auf einem Bauernhof auf der Isle of Wight. Im Gespräch mit dem Handelsblatt erzählt sie, wie sich eine naturfreundliche Wirtschaft rechnet.

Dame MacArthur, im Alter von 28 Jahren haben Sie erstmals die Welt umsegelt – ganz alleine. Auf Ihren beiden Weltrekordfahrten 2000 und 2005 waren Sie gänzlich den Naturgewalten ausgesetzt. Inwieweit haben diese Erfahrungen Ihren Blick auf unseren Planeten verändert?
Segeln war damals mein Leben. Als ich für drei Monate alleine die Welt umsegelte, war ich auf die wenigen materiellen Dinge reduziert, die Platz hatten auf meinem kleinen Boot. Mitten auf dem Ozean konnte ich nicht einfach anhalten, um Treibstoff oder Essen zu kaufen. Manchmal war ich 2500 Meilen entfernt von der nächsten Stadt. Alles was ich brauchte zum Leben, passte auf mein Boot. Auf dem Meer war es ganz normal für mich, mit meinen Ressourcen zu haushalten.

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Und wie war es wieder zurück an Land?
Als ich nach meiner Weltumseglung 2005 wieder den Fuß an Land setzte, hat sich meine Sicht auf die Erde komplett verändert. Mir wurde bewusst: Auch unser Planet hat wie mein Boot nur begrenzte Ressourcen: Erdöl, Metalle, seltene Erden - unsere globalisierte Wirtschaft nutzt die Rohstoffe alles andere als sorgsam.

Was passiert, wenn die Menschheit so weitermacht?
So kann es nicht mehr lange weitergehen. Wir haben nur diesen einen Planeten. Die Menschen gehen extrem verschwenderisch mit wertvollen Rohstoffen um, die endlich sind. Der Fehler im System ist folgender: Die globale Wirtschaft ist linear ausgerichtet, nicht wie die Natur als Material-Kreislauf, der sich ständig erneuert.

Aber Recycling ist doch nicht neu. Viele Dinge werden heute schon wiederverwertet…
Wir recyceln nur einen verschwindend geringen Teil aller Produkte. Das Hauptproblem ist, dass die meisten Produkte gar nicht fürs Recyceln konzipiert sind. Die Produkte sind nicht so designt, dass wir das Maximum an Material nach dem Gebrauch wieder aus ihnen herausholen können. 58 Milliarden Dollar gehen der Weltwirtschaft im Jahr verloren allein durch Textilien, die nicht recycelt werden.

Wie lässt sich das ändern?
Wenn man die Wirtschaft als ewigen Kreislauf betrachtet, muss alles von vornherein ganz anders konzipiert sein. Alle Produkte sollten nach möglichst langem Gebrauch wieder problemlos zerlegt und wiederverwertet werden können.

Die meisten Produkte aber enthalten heute giftige Zusatzstoffe. Wenn die in den Recycling-Kreislauf geraten, kommen immer mehr Schadstoffe in die wiederverwerteten Produkte.
Das stimmt. In Kleidung und auch Spielzeug sind so viele giftige, aber völlig unnötige Substanzen. Es geht auch ohne diese Gifte. Aber dafür müssen wir einen kompletten Neustart machen bei der Produktion.


„In der Gesellschaft ist ein Umdenken im Gange“

In der Marktwirtschaft tun Unternehmen nur das, was ihnen Profit bringt. Viele Firmen zweifeln an der Praxistauglichkeit einer Kreislaufwirtschaft, selbst wenn sie die Idee gut finden.
Als wir die Ellen MacArthur-Stiftung gründeten, waren wir von der Idee der Kreislaufwirtschaft begeistert, wussten aber wenig über die ökonomischen Folgen. Von der Beratung McKinsey ließen wir deshalb die wirtschaftliche Tragfähigkeit einer Kreislaufwirtschaft untersuchen. Analysiert wurden halbkomplexe Produkte mit einer Lebensdauer zwischen einem und zehn Jahren, wie Smartphones, Waschmaschinen, leichte Nutzfahrzeuge. Das Ergebnis: Eine konservative Schätzung ergab ein Einsparpotenzial allein an Materialkosten von 630 Milliarden Dollar für die EU.

Mit welchen Zahlen können Sie Skeptiker noch überzeugen?
Unsere aktuelle Studie mit McKinsey und dem Stiftungsfonds für Umweltökonomie und Nachhaltigkeit zeigt: Mit der Kreislaufwirtschaft würde das BIP in der EU bis 2030 statt um vier Prozent um elf Prozent wachsen. Das verfügbare Haushaltseinkommen im Monat würde auf durchschnittlich 3000 Euro steigen, elf Prozent höher als mit dem jetzigen Wirtschaftssystem. Auf der anderen Seite würde sich der Kohlendioxid-Ausstoß bis 2030 halbieren, der Verbrauch von Primärmaterial für die Industrie und Landwirtschaft um ein Drittel sinken, 2050 schon um 60 Prozent. Das sind doch fantastische Aussichten!

Inwieweit beschleunigt die Digitalisierung die Kreislaufwirtschaft?
Die Frage ist: Wie können wir Verschwendung aufheben? Leerstehende Wohnungen, ungenutzte Verkehrswege, weggeworfenes Essen. Um das zu ändern, hilft uns die digitale Revolution enorm – sie eröffnet ungeahnte Möglichkeiten, die vor wenigen Jahren noch undenkbar waren.

Weil Leute immer mehr bereit sind, Dinge zu teilen, nicht mehr zu besitzen. Erleben wir einen grundlegenden Mentalitätswandel?
In der Gesellschaft ist ein Umdenken im Gange. Ein leeres Zimmer lässt sich bei Internetplattformen wie Airbnb leicht vermieten. Auch wenn teilweise die gesetzlichen Rahmenbedingungen noch angepasst werden müssen, bringt das eine Reihe von Vorteilen: Die Vermieter verdienen Geld, die Mieter kommen günstig unter. Ohne digitale Vernetzung wäre die Sharing Economy unmöglich.

Aber nicht alle Produkte können wir teilen wie Autos. Oder gehen wir künftig wieder in den Waschsalon?
Wir sehen definitiv einen Wandel in Richtung Nutzen statt Besitzen. Beispiel Waschmaschine: Die meisten Briten kaufen eine Billig-Waschmaschine, die für etwa 2000 Waschgänge konzipiert ist. Da kostet jede Wäsche umgerechnet 27 Cent. Wenn man sich eine hochwertige Maschine für 10.000 Waschgänge zulegt, die leicht zu reparieren und aufzurüsten ist, kostet das nur 12 Cent pro Wäsche. Trotzdem entscheiden sich die wenigsten für die teure Maschine, weil sie die hohe Anfangsinvestition scheuen.

Wie lässt sich das ändern?
In einer Kreislaufwirtschaft würden wir die Waschmaschine nicht kaufen, sondern für jeden Waschgang bezahlen. Die Maschine gehört weiter dem Hersteller, der sie deshalb besonders haltbar baut. Außerdem würde sie dann so konstruiert, dass die Maschine nach vielen Jahren komplett zerlegt und wiederverwertet werden kann. Wenn eine neue Technologie aufkommt, wird die Maschine beim Hersteller aufgerüstet. Mit dem schließt der Verbraucher einen Service-Vertrag.

Das klingt nach einer Win-Win-Situation für Hersteller und Kunden. So einfach ist das aber nicht.
Dafür ist ein kompletter Systemwandel der Wirtschaft nötig. Denn es gibt so viele Fragen: Wie muss eine wiederverwertbare Waschmaschine konstruiert werden? Wie funktionieren Finanzierungsmodelle, Reparatur und Wiederverwertung? Deshalb hat unsere Stiftung 100 Unternehmen, Universitäten und öffentliche Institutionen an einen Tisch gebracht, die sich für die Kreislaufwirtschaft stark machen. So können Firmen aus ganz verschiedenen Branchen diskutieren über neuartige Geschäftsmodelle, die nötig werden. Der Wandel kann nur gemeinsam gelingen.


„Ein Systemwandel lässt sich nur gemeinsam anstoßen“

Welche Unternehmen gehen als Pioniere voran?
Philips ist einer unserer globalen Partner. Philips nimmt bereits Computer-Tomographen und Magnetresonanz-Scanner zurück, zerlegt und recycelt sie. Der Autobauer Renault macht dasselbe mit Motoren und Getriebegehäusen. Wer sich ein Elektroauto von Renault anschafft, kauft die Lithium-Batterie nicht, sondern mietet sie monatlich. Renault garantiert dafür, tauscht sie aus, wenn es technisch bessere Varianten gibt.

Ist das denn bezahlbar?
Das kostet die Kunden im Schnitt nicht mehr als ein Diesel oder Benziner im Monat. Vom Kauf eines relativ kostspieligen Elektroautos dagegen lassen sich viele Leute noch abschrecken.

Firmen müssen die Abnehmer also durch neuartige Nutzungsmodelle ködern?
Die Reifenfirma Michelin macht es vor: In den USA etwa muss ein Spediteur künftig nicht mehr Michelin-Reifen kaufen, sondern zahlt pro gefahrenem Kilometer. Deshalb werden sehr hochwertige und langlebige Reifen eingebaut, die sich der Spediteur selbst nicht hätte leisten können oder wollen. Tatsache ist: Weil viele Kunden preisgünstige Reifen verlangen, werden sie zwangsläufig so konstruiert, dass sie nur eine Weile halten. Schließlich verdient der Hersteller nur, wenn er neue Reifen verkaufen kann. In einer Kreislaufwirtschaft dagegen hat der Produzent Interesse daran, nur die besten und haltbarsten Waren herzustellen.

Aber rentiert sich das denn für die Unternehmen?
Die Hersteller, die mit Prinzipien der Kreislaufwirtschaft arbeiten, gehören zu den profitabelsten der Welt.

Inwieweit nutzen Sie selbst Produkte der Kreislaufwirtschaft im Alltag?
Nach meinen Weltumsegelungen habe ich mir ein Haus gebaut. Das besteht nur aus Materialien, die wiederverwertbar sind. Außerdem fahre ich ein Elektroauto. Allerdings könnte ich heute kein Leben führen nur mit Produkten aus der Kreislaufwirtschaft, selbst wenn ich es wollte. Deshalb arbeitet meine Stiftung mit Schlüsselfiguren aus Wirtschaft und Politik zusammen, mit dem Wissenspartner McKinsey, dem Weltwirtschaftsforum, mit Konzernen und kleinen fortschrittlichen Firmen. Ein Systemwandel lässt sich nur gemeinsam anstoßen.

Apropos „Systemwandel“. Verstehen Sie sich als Revolutionärin?
Ich bin ein Mensch, der Dingen auf den Grund gehen will, ich will dazulernen. Mir ist klar geworden: Mit unserem Wirtschaftssystem stimmt etwas nicht! Und inzwischen erkennen immer mehr Unternehmensführer und auch die EU-Kommission, dass eine Kreislaufwirtschaft ganz entscheidend ist für die künftige Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätze.

Wie schwierig ist es, Ihre Mission als Frau in der männerdominierten Wirtschaft durchzusetzen? Hilft Ihnen Ihre Wettkampferfahrung dabei?
Im Leben war ich immer nur auf das Ergebnis konzentriert, darauf, mein Bestes zu geben. Auch auf meinen Weltumseglungen habe ich hauptsächlich mit Männern konkurriert. 2004/05 habe ich einem Mann den Weltrekord abgenommen, und ein Mann hat danach meinen Rekord gebrochen. Ich bin es gewohnt, mit Männern auf Augenhöhe zu agieren - egal ob Sportler, Politiker oder Manager.

Vor zehn Jahren haben Sie Ihre Mission begonnen. Was glauben Sie: Wie lange wird es dauern, bis wir eine halbwegs funktionierende Kreislaufwirtschaft haben?
In vielen Dingen bin ich unglaublich optimistisch. Vor allem die junge Generation ist begeistert von dieser Idee. Wie lange der Wandel dauert? Das weiß keiner. Manche Unternehmen sind schon weiter, andere beginnen erst. Es gilt, die zahlreichen vorhandenen Ansätze zu verbinden, damit ein Systemwandel beginnen kann. Das ist ein allmählicher Übergang von einer linearen Wirtschaft zu einem Kreislauf.

Hand aufs Herz, geht Ihnen das nicht manchmal zu langsam?
Das geht nicht von heute auf morgen. Die Kreislaufwirtschaft krempelt immerhin alle Bereiche der Wirtschaft komplett um. Das Wichtigste ist: Wir bewegen uns in die richtige Richtung, jeder Schritt zählt.

Dame MacArthur, vielen Dank für das Gespräch.

Quelle:  Handelsblatt Online
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