Faire Geschäfte: Die wirtschaftliche Macht des Guten

Faire Geschäfte: Die wirtschaftliche Macht des Guten

Bild vergrößern

Fair gehandelte und mit dem TransFair-Siegel versehene Bananen liegen auf einem Tisch in Köln (Archivfoto vom 04.05.2004). Auf einer Pressekonferenz stellt die Organisation Transfair am Dienstag (26.04.2005) in Bonn ihren Jahresbericht vor. Foto: Jörg Carstensen dpa/lnw (c) dpa - Bildfunk

Die Unternehmen entdecken einen gigantischen Wachstumsmarkt: Immer mehr Kunden verlangen ethisch einwandfreie Produkte. Sie wollen mit gutem Gewissen genießen und fordern faire Geschäfte. Moral im Business zahlt sich jetzt aus.

Von Null auf 23.000 in zwei Monaten – da kann einem schon schwindlig werden. Claudia Brück muss noch im nachhinein lachen, wenn sie daran denkt wie es war, als der fair gehandelte Kaffee nach Deutschland kam. 1992 war das, da wählten sich Brück und Dieter Overath, die Gründer der Organisation Transfair, die Finger wund. Liefen sich die Hacken ab beim Versuch, fair gehandelten Kaffee in die deutschen Supermärkte zu bringen. Kaffee, für den die Bauern in den Herkunftsländern deutlich mehr Geld bekamen als von den Kaffeemultis.

Die Besuche waren vergebens. Und die Anrufe endeten spätestens nach zwei Minuten mit einem „tut-tut-tut“ – nichts als Absagen. Kein Abschluss unter dieser Nummer. Dann kam der Weltfrauengebetstag 1993. Eines der Themen dort war fairer Handel. Die Chance für Menschen in den Entwicklungsländern, mit gerechter Bezahlung ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Direkt danach, erinnert sich Brück, gingen die Frauen in die Läden und suchten die fairen Produkte.

Anzeige

Zwei Monate später standen in 23.000 Geschäften in Deutschland 500-Gramm-Packungen mit Kaffee aus fairem Handel in den Regalen. „Vielen Händlern waren die Fragen der Frauen schlicht auf die Nerven gegangen“, sagt Brück, „die sagten nur noch: Haltet uns die katholischen Frauen vom Leib.“ 14 Jahre ist das her, und längst gehören faire Produkte hierzulande zum Alltag. Inzwischen gibt es fairen Kaffee, faire Bananen und faire Schokolade in 27.000 Märkten zu kaufen.

Selbst beim Kölner Rosenmontagszug sind „faire Kamelle“ auf dem Wagen der Traditionstruppe Rote Funken dabei, faire Blumensträuße fliegen gleich hinterher. Und als Bundestrainer Jogi Löws Fußball-Elf vergangenen Mittwoch in Köln Rumänien mit 3:1 besiegte, schlürften die Gäste in den Vip-Räumen des Stadions noch schnell ein Tässchen fairen Espresso. Weltweit wächst der Markt für faire Produkte seit Jahren, zuletzt um 40 Prozent auf weltweit 1,6 Milliarden Euro.

Doch das ist nur der harte Kern einer Bewegung, die die gesamte Wirtschaft erfasst hat und die Konsumentenmärkte des 21. Jahrhunderts verändern wird – und in der Folge auch die Art und Weise, wie wir arbeiten, wohnen, Freizeit und Urlaub verbringen, für welche Kulturen wir uns interessieren, wie wir am öffentlichen Leben teilnehmen, wie wir Politik machen. Der Trend geht zum Guten. In den wohlhabenden Staaten verlangen Kunden mehr als funktionierende, gut schmeckende und preiswerte Produkte. Sie wollen mit gutem Gewissen genießen. Fairer Handel und ethisch einwandfreie Produktion, Nachhaltigkeit, gerechte Verteilung, Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit werden entscheidend für den Kauf.

Oder den Verzicht. Denn gleichzeitig sind immer weniger Verbraucher bereit, Unternehmen Kredit zu geben bei Fehlverhalten: Wer Kinderarbeit duldet, wird an der Kasse abgestraft. Wer Pestizide versprühen lässt, spürt Umsatzeinbußen. Wenn der im Umgang mit den Angestellten schlecht beleumundete Discounter Lidl bei der Biokette Basic einsteigen will, gehen die in Gruppierungen wie Attac organisierten Verbraucher auf die Straße. Und zwar so lange, bis der Riese die Finger vom Biopflänzchen lässt. Wenn einem Energiekonzern wie Vattenfall Pannen in einem Atomkraftwerk passieren, müssen die Mitarbeiter des Ökostromanbieters Lichtblick Überstunden machen, weil sich so viele neue Kunden bei ihnen melden: „Da läuft dann die Abstimmung mit den Füßen“, sagt Roland-Berger-Berater Björn Bloching.

grafik fairer handel  Quelle: WirtschaftsWoche-Grafik

grafik fairer handel aus wiwo 38/2007

Bild: WirtschaftsWoche-Grafik

Es bildet sich eine ganz neue Klasse von Konsumenten für die Genuss, Lifestyle und Moral zu einer Einheit wachsen, die Hedonisten sind und gleichzeitig ein Bedürfnis nach Spirituellem und Authentischem haben. Die Begüterten und Kreativen sind die Speerspitze der Bewegung, die sich ihr Engagement auch leisten können.

„Wohlstand und Wissen sind bei der Moralisierung der Märkte die beiden entscheidenden Faktoren“, sagt der Soziologe Nico Stehr (mehr dazu im Interview). Das alles hat dramatische Folgen für Unternehmen: Soziale Verantwortung zu übernehmen rückt nun ins Zentrum unternehmerischen Handelns. „Käufer und Konsumenten gewinnen einen Einfluss, dem sich die Produzenten nicht entziehen können“, sagt Stehr.

Ist also der Verbraucher Mitproduzent einer Welt geworden, in der es immer besser, sauberer und gerechter zugeht? Ein stiller Aufsichtsrat der globalen Konzerne mit der Macht, den Daumen zu heben oder zu senken? Kann es eine Marktwirtschaft geben, in der Sinnstiftung ein Wettbewerbsvorteil ist Moral ein Verkaufsargument?

Und: Wer profitiert davon? Zunächst der Kunde selbst. Egal, ob er zum Ökostromanbieter wechselt oder Filets von artgerecht gehaltenen Rindern erwirbt – immer streicht er moralische Erhebung mit ein: Jeder darf sich durch sein Verhalten ganz allein besser fühlen in der globalen Wirtschaftswelt, in der buchstäblich alle zu Nachbarn geworden sind, und in der offensichtlich alles mit allem zusammen hängt.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%