Feridun Zaimoglu im Interview: "Ich bin ein begeisterter Deutscher"

Feridun Zaimoglu im Interview: "Ich bin ein begeisterter Deutscher"

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Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu

Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu über Heimatgefühle, seine Liebe zum Pathos und den Respekt vor der Religion.

WirtschaftsWoche: Herr Zaimoglu, Sie haben vor wenigen Tagen in der Darmstädter Stadtkirche eine öffentliche Lesung aus Ihrem aktuellen Roman „Liebesbrand“ gehalten – vor einem altehrwürdigen Renaissancealtar. Das hat Ihnen doch sicher gefallen.

Zaimoglu: Sie meinen, weil ich als Skeptiker der Aufklärung gelte, als Hofnarr, der im Vorgarten der Moderne herumkläfft und gern an versunkene Vorwelten erinnert?

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Und weil Sie ein ungebrochenes Verhältnis zum Pathos haben – etwa im Umgang mit dem Tod.

Auf die Gefahr hin mich lächerlich zu machen: Ich glaube an Seelentum. Auch an ein Leben nach dem Tod. Aber das ist für mich kein Grund, pfäffisch zu werden.

Auch Ihr jüngster Roman ist voller fremd anmutender, getragener Formulierungen. Woher kommt diese Lust am Feierlichen?

Aus der Erfahrung des Schäbigen. Die Modernisten wollten mir weismachen, dass es gut sei, das Schäbige willkommen zu heißen. Aber dass einer wie ich, der als Unterschichtenkind schäbige Verhältnisse kennengelernt hat, das Schäbige mit den Mitteln der Sprache zu überwinden trachtet, ist wohl nachvollziehbar. Ich weiß: Pathos ist in Deutschland in Verruf geraten. Aber was hindert uns daran, das, was wir sehen und lieben, mit Puderzucker zu bestreuen? Wer, bitte schön, will uns verbieten, romantisch zu reden?

Und dazu gehört auch Ihr Märchenton, Ihre Vorliebe für starke Metaphern?

Ich habe ein libidinöses Verhältnis zur deutschen Sprache. Sie ist für mich mehr als ein Werkzeug, um Geschichten zu erzählen. Sie ist eine Geliebte, die ich mit piratenhaftem Zugriff zu erobern versuche. Viele Leute glauben, wegen meiner orientalischen Herkunft müsste ich vertraut sein mit den Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Dabei bin ich aufgewachsen mit den Grimm’schen Märchen, mit alten deutschen Sagen und Volkslegenden. Da sind die Menschen immer verwundbar und umstellt von Unerklärlichem. Der Wald steckt voller Gefahren. Daher der Versuch, die Welt mit Zaubersprüchen zu bannen. Das ist die Sprache, die mir die Welt anschaulich gemacht hat. Die experimentelle Literatur der Siebzigerjahre dagegen verdunkelte mir die Welt, ich sah keine Farben und fühlte keine Temperatur.

Die orientalische Tradition hat Sie nicht geprägt?

Doch, etwa die starken Frauen unserer Sippe, die spannende Geschichten erzählen konnten. Dieses Geschichtenerzählen ist der Anfang alles Literarischen. Später war es für mich das Höchste der Gefühle, für einen Groschen Bücher aus dem Grabbeltisch von Tengelmann zu fischen.

Ihre literarischen Wurzeln liegen im deutschen Supermarkt?

In den deutschen Innenstädten. Ich war gefangen in kleinen Szenen, in denen ich mich geräkelt und gestreckt habe. Mit meinen Freunden ging ich durch die Fußgängerzone, wir versuchten uns in Gebärden und Ausdrucksformen, die das große Leben herbeiriefen.

Ihr Schriftsteller-Kollege Ilija Trojanow hat den Migrantenautoren ein geschärftes Sensorium für die deutsche Sprache bescheinigt. Macht die Verbindung unterschiedlicher kultureller Einflüsse die Stärke dieser Autoren aus?

Bei allem Respekt, ich verstehe mich in erster Linie als deutscher Autor. 40 Jahre in Deutschland prägen einen Menschen nun einmal. Ich habe mich aufgelöst in deutscher Kultur.

Sie glauben nicht, dass Reibungen zwischen fremden Herkunftskulturen produktiv gemacht werden können für die Literatur?

Doch, aber das Deutsche und die deutsche Erzähltradition haben immer von fremden kulturellen Einflüssen gelebt. Und wenn diese Einflüsse nicht da waren, dann hat das Deutsche aus dem Inneren heraus das Fremde erschaffen. Zum Beispiel die Gedichte von Gottfried Benn mit ihren Präpariersälen und konservierten Kadavern. Ich sage ganz offen: Ich bin bereichert vom Deutschen. Alles andere wäre Exotismus, und ein Saisonarbeiter des Exotismus will ich nicht sein.

Mit dem Gegensatz von Eigenem und Fremdem können Sie wenig anfangen?

Das hört sich für mich an wie Mülltrennung. Jeder hat das Recht zu sagen, dass ihm etwas fremd sei. Es zählt zu den schönen westlichen Traditionen, sich abzusetzen vom Kollektiv. Nur Idioten öffnen sich allem und jedem. Warum soll ich Fremdheit überwinden? Sie gehört zum Menschen. Sie ist auch das bestimmende Element zwischen Mann und Frau und weckt unser Begehren.

Ist die deutsche Sprache Ihre Heimat?

Nein, meine Heimat ist der Norden, die Stadt Kiel. Wenn ich nach fünf Wochen Lesetour am Meer entlanggehe und diesen Geruch einatme, fühle ich mich wie verwandelt. Dass Deutschland meine Heimat ist, merke ich schon daran, dass sich nach wenigen Tagen in einem andern Land Heimweh spüre nach dem Norden.

Sehnen Sie sich auch nach Ankara, das Sie regelmäßig besuchen?

Nein, ich sehne mich nach meinen Eltern, die in Ankara leben. Ich liebe das Land meiner Eltern. Der schwarze Humor der Türken, die Art, wie sie Geschichten erzählen, das Tohuwabohu – das gefällt mir.

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