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Fernando Aguirre im Interview: „Wir brauchen Zeit“

von andreas.henry@wiwo.de (New York)

Fernando Aguirre, Chef des US-Bananenkonzerns Chiquita, über den Konflikt zwischen Profitabilität und sozialer Verantwortung.

WirtschaftsWoche: Mister Aguirre, das Bananengeschäft gilt teils noch immer als ausbeuterisch, unsozial, rücksichtslos. Chiquita versucht, mit dem Image eines sozial verantwortungsvollen und nachhaltig produzierenden Konzerns zu punkten. Klappt das? Zählt nicht doch für die Verbraucher der Preis? Fernando Aguirre: Insbesondere in Europa klappt das schon erstaunlich gut. Dort ist ein viel stärkeres Problembewusstsein vorhanden. Und es sind bisher auch mehr Leute bereit, einen etwas höheren Preis zu zahlen, wenn sie sicher sein können, dass der Produzent die Farmer und Plantagenarbeiter fair behandelt und nicht rücksichtslos die Ressourcen ausbeutet oder die Umwelt belastet. Wir erzielen dort tatsächlich eine Prämie für unsere Bananen im Vergleich zu unseren Wettbewerbern. Aber auch in Amerika kaufen immer mehr Menschen nicht einfach nur beim billigsten Anbieter. Im Gewinn schlägt sich das nicht nieder. Werden Ihre Aktionäre nicht ungeduldig? Das glaube ich nicht. Unsere Vision, ein innovativer global führender Anbieter gesunder, frischer Markenprodukte zu werden, haben unsere Aktionäre sicher verstanden. Wir brauchen einfach noch ein wenig Zeit. Mit unserem Ergebnis 2006 waren wir nicht zufrieden. Ein verschärfter Wettbewerb in Europa, der Skandal um verseuchten Spinat, dazu höhere Kosten, das alles hat uns sehr geschadet. Ich bin aber sicher, dass sich unsere Expansion in margenstärkere Bereiche – abgepackter Salat, Fruchtsäfte, gesunde Snacks – bald auszahlen wird. Wir können unseren Umsatz bis 2010 im Vergleich zu 2005 verdoppeln. Unsere Profitabilität sollte noch stärker steigen. Ein Aktionär wird von Ihnen erwarten, sich auf diese Ziele zu konzentrieren, anstatt sich im Gutmenschentum zu verzetteln. Aber kein Unternehmen kann es sich erlauben, die Entwicklung zu mehr Nachhaltigkeit zu ignorieren. Der ökonomische Effekt von Investitionen in Corporate Social Responsibility, kurz CSR, ist sicherlich schwerer zu messen als der von Kosteneinsparungen. Auch weil er oft nicht unmittelbar folgt. Aber nur mit einer starken Marke können wir nachhaltig gutes Wachstum und stabilere Gewinne erreichen. Wieviel lassen Sie sich denn die soziale Verantwortung als Mittel zu Markenstärkung kosten? Wenn wir davon überzeugt sind, dass eine CSR-Aktivität gemacht werden sollte, dann machen wir das, wir schauen dann nicht primär auf die Kosten. Etwas nicht zu machen, oder etwas Schlechtes zu machen – das kann der Marke schweren Schaden zufügen, der nicht so leicht zu reparieren ist. Wenn unser Kunde zufrieden ist, machen wir auch gutes Geschäft. Das haben auch unsere Aktionäre verstanden. In vielen Bereichen unserer Gesellschaft, etwa im Bananen-Geschäft, haben die CSR-Programme außerdem messbare Verbesserungen in der Produktivität und vor allem der Moral unserer Angestellten bewirkt. Das darf man nicht unterschätzen. In Europa wollen Sie in Zukunft ebenfalls artig sein. An Kartellabsprachen wollen Sie sich nicht mehr beteiligen. Chiquita hat sich sogar selbst angezeigt. Wir hatten eine interne Untersuchung und dann haben uns eigene Leute darauf aufmerksam gemacht, dass in der Praxis des Austauschs von Informationen, wie wir sie bis dahin mit unseren Wettbewerbern gehandhabt hatten, möglicherweise ein Problem bestand. Wir haben das dann den Behörden gemeldet. Das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen. Rechnen Sie damit, dass Chiquita eine Strafe bezahlen muss? Es ist die Rede von bis zu zehn Prozent eines Jahresumsatzes. Wir hoffen nicht. So wie ich es verstehe, könnten wir straffrei bleiben, weil wir den Vorgang selbst gemeldet haben. Wäre dieser Informationsaustausch über Mengen und Preise denn ohne die Selbstanzeige heraus gekommen? Das weiß ich nicht. Ihre Wettbewerber werden nicht sehr glücklich sein über Ihr Vorgehen. Das müssen Sie unsere Wettbewerber fragen. Wir waren der Meinung, uns blieb gar nichts anderes übrig, als es zu melden. Europa scheint auch aus anderen Gründen ein schwieriges Terrain für Sie zu sein. 2006 machten Sie wegen erhöhter Zölle hohe Verluste mit den Bananen. Ja, wir waren sehr enttäuscht und verwirrt, als nach dem Ende des Quotensystems der Zoll auf Bananeneinfuhren in die EU drastisch angehoben wurde. Wir zahlen jetzt 176 Dollar statt 75 Dollar pro Tonne. Mein Wunsch wäre, dass der Zoll endlich komplett wegfällt. Hoffentlich wird dieser Standpunkt der Welthandelsorganisation WTO bald durchgesetzt. Aber das ist doch unrealistisch. Sicher gibt es eine Menge politischer Probleme. Die EU-Länder wollen die Bananen-Farmer in ehemaligen Kolonien und auf den Kanarischen Inseln schützen, die Sache ist sehr komplex. Aber wenn wir mit dem Freihandel ernst machen wollen, müssen wir irgendwann damit anfangen.

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