Fernsehen: ARD und ZDF wildern im Revier der Privaten

Fernsehen: ARD und ZDF wildern im Revier der Privaten

von Peter Steinkirchner

ARD und ZDF kaufen teure TV-Rechte, locken Star-Moderatoren - und drängen Privatsender aggressiv an die Wand. Dank der Rundfunkgebühren können sie es sich leisten. Mehr Zuschauer gewinnen sie dadurch allerdings nicht.

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Ein ARD-Kameramann filmt ein Fußballspiel

Superstar Lionel Messi gibt sich die Ehre, auch Englands Nationalstürmer Wayne Rooney ist dabei. Auf der Kommentatorentribüne nimmt Wolf-Christoph Fuss Platz. Noch einmal darf der Reporter Samstag für Sat.1 aus dem Londoner Wembley-Stadion berichten, wenn um 20.45 Uhr das Finale um die Champions League zwischen Manchester United und dem FC Barcelona angepfiffen wird. Doch bald heißt es für Fuss und Sat.1 Abschied nehmen von der großen Fußballbühne. Denn von Herbst 2012 an kann der Sender für mindestens drei Jahre die Meisterklasse nur noch als Zaungast verfolgen, für etwa 54 Millionen Euro im Jahr ins Abseits gestellt vom ZDF.

Gebührenmilliardäre kontern TV-Konzerne aus – der Kicker-Deal wirkt symptomatisch für die verschärfte Gangart, die die öffentlich-rechtlichen Sender gegenüber der privaten Konkurrenz an den Tag legen. Zwar feierten RTL und ProSiebenSat.1 2010 ein Rekordjahr mit hohen Werbeeinnahmen. Aktuell liegt RTL auch bei den Zuschauerquoten vor den Gebührenfunkern. Doch wie lange halten Reklamehoch und das Interesse an Shows wie „Wer wird Millionär“ an? Im Rennen um Popularität rüsten ARD und ZDF auf. Es scheint, als wollten sie die Zeit bis zum völligen Verschmelzen von Internet und Fernsehen nutzen, um ihre Claims im Zukunftsmarkt zu vergrößern:

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Mehr als Grundversorgung

Einen Star-Moderator nach dem anderen – zuletzt Matthias Opdenhövel von ProSieben, zuvor Kai Pflaume von Sat.1 und Günther Jauch von RTL – locken die mit fast acht Milliarden Gebühren-Euro im Jahr alimentierten ARD und ZDF an.Gleichzeitig haben die Mainzelmänner mit ZDF.neo und ZDF.kultur zwei ihrer drei Digitalkanäle auf jugendlich getrimmt und fischen, so sehen das die Privaten, in fremden Teichen.Erfolgreichen Programmen der Privaten setzten sie Edelware entgegen. „Am Donnerstag zeigen schon Sat.1 und Vox Spielfilme“, schimpft Rüdiger Böss, Chefeinkäufer bei ProSiebenSat.1, „warum das ZDF gerade an diesem Tag seinen Grundversorgungsauftrag erfüllen will, indem es ebenfalls welche sendet, ist mir ein Rätsel.“ Ähnlich wie beim Champions-League-Kauf treibe das die Preise: „Das ZDF tritt in Hollywood sehr aggressiv auf und bietet teilweise das Vierfache des marktüblichen Preises für die Rechte“, sagt Böss, „man könnte meinen, in Mainz haben die eine neue Goldader entdeckt.“ Das ZDF weist das von sich: „Der Umfang unserer Filmeinkäufe in den USA ist unverändert relativ bescheiden“, sagt Sprecher Alexander Stock, der Sendeplatz werde überwiegend mit „normalen Fernsehfilmen“ und deutschen Kinoproduktionen bestückt.Schließlich wollen kommerzielle Töchter von ARD und ZDF zusammen mit Produzenten eine siebenstellige Summe in den Aufbau einer Online-Plattform investieren. Die soll im Laufe des Jahres 2012 starten und gut 60 Jahre TV-Historie abrufbar machen, voraussichtlich als entgeltpflichtiges Video-on-Demand-Angebot. Dagegen wurde die von RTL und ProSiebenSat.1 geplante werbefinanzierte Web-Plattform (Arbeitstitel „Amazonas“) gerade vom Bundeskartellamt verboten.

Öffentlich rechtliche sind auf dem falschem Weg

Mit ihrem Vorgehen, mahnt Johannes Beermann, Chef der Sächsischen Staatskanzlei, schießen ARD und ZDF über den Grundversorgungsauftrag hinaus. Der CDU-Politiker fahndet gerade mit der „Arbeitsgruppe Beitragsstabilität“ im Auftrag der Ministerpräsidenten nach Sparpotenzialen bei ARD und ZDF und wähnt die Gebührenfunker auf einem falschen Weg. Er fordert, der Rundfunkauftrag für ARD, ZDF und Deutschlandfunk müsse neu geregelt und auf den Kern reduziert werden – also: raus mit fast allem, was auch Privatsender bieten. Zugleich sollte die Gebühr von 17,98 Euro im Monat 2013 nicht steigen, wenn die Abgabe 2013 auf einen Haushaltsbeitrag umgestellt wird.

Beermann stützt damit die Position von Privatsendern und Verlagen: „Wir haben den Eindruck, die öffentlich-rechtlichen Anstalten wildern aggressiver als je zuvor im Kerngeschäft der privaten Anbieter“, kritisiert ProSiebenSat.1-Manager Julian Geist. Und Christian Nienhaus, Geschäftsführer der Essener WAZ-Gruppe, sieht im Kauf der Champions-League-Rechte einen „weiteren Meilenstein auf dem Weg in die Kommerzialisierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“.

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