
Dramatische Rettungsaktionen von Finanzinstitutionen stehen in New York mittlerweile sonntagabends fast so regelmäßig auf dem Programm wie in Deutschland der Tatort. Immer sind drei müde Männer beteiligt, die sich, von Notrufen auf Trab gehalten, oft auf eilig zusammengerufenen Konferenzen die Nacht um die Ohren schlagen: Hank Paulson, der US-Finanzminister, Ben Bernanke, der Chef der US-Notenbank, und Timothy Geithner, Paulsons designierter Nachfolger.
Vorerst letztes Kapitel der scheinbar unendlichen Rettungsgeschichte: die Citigroup. Um die, gemessen am Börsenkapital und den Vermögenswerten in der Bilanz, einst weltgrößte und von allen bewunderte Bank vor der Pleite zu bewahren, ist in der vergangenen Woche der amerikanische Staat als größter Einzelaktionär bei dem Institut eingestiegen. Ein Kollaps des Giganten ist damit so gut wie ausgeschlossen, eine Zerschlagung oder der Verkauf großer Teile jedoch noch nicht endgültig vom Tisch.
Zunächst aber könnte die großzügige Unterstützung die Bedingungen für andere Banken erheblich verzerren. „Die USA haben die Citi massiv gestärkt, ihre Wettbewerber werden darunter leiden“, sagt Dirk Schiereck, Professor für Unternehmensfinanzierung an der TU Darnstadt.
Der Einzug des Staates bei der Citigroup, deren Privatkundengeschäft in Deutschland mittlerweile die französische Genossenschaftsbank Crédit Mutuel gekauft hat, begann Mitte Oktober. Im Zuge einer 125 Milliarden Dollar schweren Finanzspritze für alle US-Banken schoss Finanzminister Paulson 25 Milliarden Dollar in die Citigroup, indem er Vorzugsaktien der Bank kaufte. Vergangene Woche, also nur sechs Wochen später, näherte sich die Bank trotz der bisherigen Staatshilfen dann so bedrohlich dem Exitus, dass Paulson noch einmal 20 Milliarden frisches Kapital lockermachen musste.
Außerdem übernahm der Staat eine Garantie für den Wert toxischer Papiere, die wie ein Krebsgeschwür den Allgemeinzustand der Bilanz immer weiter verschlechtert hatten. Für exzessive Verluste durch Abschreibungen auf Darlehen und Wertpapiere, die an Wohn- und Gewerbeimmobilien gekoppelt sind, sowie damit verbundene Kreditderivate im augenblicklichen Buchwert von insgesamt 306 Milliarden Dollar stehen das Finanzministerium und die staatliche Einlagensicherung gerade. Macht die Citigroup weiter Verluste, muss sie die ersten 29 Milliarden Dollar selbst schultern. Was darüber hinausgeht, trägt der Staat zu 90 Prozent. Damit ist der Maximalverlust für die Citigroup so ziemlich gedeckelt.
Die direkten Kapitalspritzen von insgesamt 45 Milliarden Dollar machen den Staat mit einem Anteil von knapp acht Prozent am Kapital zum größten Miteigentümer der Citigroup, deren Börsenwert seit dem Beginn der Finanzkrise im Sommer 2007 um fast 90 Prozent geschrumpft ist.

Die Konsequenzen für die Citigroup sind deutlich. Bislang ist zwar nicht vorgesehen, dass das US-Finanzministerium Vertreter in den Board of Directors, den Aufsichtsrat, entsendet. Doch lässt sich der Staat die Rettung der Bank gut bezahlen. Für die ersten 25 Milliarden Dollar kassiert der Fiskus fünf Jahre lang eine garantierte Dividende in Höhe von fünf Prozent, danach neun Prozent. Der zweite Zuschuss kostet von Anfang an acht Prozent. Das bedeutet: Die Bank muss nun jährlich mindestens 3,4 Milliarden Dollar überweisen. Für private Investoren macht sie dieser Ballast nicht unbedingt attraktiv. Zumal die Citigroup ihren gewöhnlichen Aktionären in den nächsten drei Jahren ohne Genehmigung des Finanzministeriums keine höhere Dividende als einen Cent pro Quartal auszahlen darf. Innerhalb des Jahres 2008 zahlte die Citigroup immerhin noch 1,12 Dollar, im vergangenen Jahr sogar 2,16 Dollar Dividende pro Aktie.
Vorstandschef Vikram Pandit, der seit genau einem Jahr den Chefsessel einnimmt, muss ein brutales Sanierungsprogramm durchziehen. Vor wenigen Tagen kündigte er die Entlassung von weiteren 52.000 Citi-Mitarbeitern an, Filialen werden geschlossen, auch in höheren Führungsebenen rollen Köpfe. Nicht als Kernaktivitäten definierte Geschäftsbereiche wie das US-Versicherungsvertriebsgeschäft stehen zur Disposition, aber auch ganze Ländergesellschaften könnten abgestoßen werden, wenn ein Käufer einen attraktiven Preis bietet. In Deutschland konnte Pandit durch den Verkauf des Filialnetzes der Citibank im vergangenen Juli immerhin 7,7 Milliarden Dollar einnehmen.













