Finanzkrise : "Da kann ich auch die Maschinen kaputt schlagen"

Finanzkrise : "Da kann ich auch die Maschinen kaputt schlagen"

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Dietmar Hermle

Der Unternehmer Dietmar Hermle über die Auswirkungen der Krise im Maschinenbau, windige Banker und Analysten und wie er trotz Rezession Entlassungen vermeidet.

WirtschaftsWoche: Herr Hermle, können Sie noch ruhig schlafen?

Dietmar Hermle: Aber sicher.

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Keine Angst, die Banken können Sie hängen lassen?Wir brauchen die Banken nicht – jedenfalls nicht für die Finanzierung unserer Investitionen. Wenn wir eine neue Maschine kaufen oder eine Halle bauen, finanzieren wir das aus unserer Kasse.

Und ihre Geldanlagen?Die haben wir gegen den Rat von Analysten und Bankern minderverzinslich, aber sicher angelegt. Wären wir den Ratschlägen und dem allgemeinen Trend gefolgt, hätten wir uns sicherlich eine Zeitlang über hohe Zinseinnahmen freuen können, aber das Geld wäre jetzt weg. Unser Metier ist Maschinenbau und nicht Banking. Deshalb lassen wir die Finger von Risikoanlagen.

Unter der Krise leiden sie dennoch. Der Börsenwert ihres Unternehmens hat sich seit dem Juni fast halbiert.Das ist doch fiktiv. Innerhalb des vergangenen Jahres hat sich der Kurs erst fast verdoppelt und dann wieder halbiert. Das Unternehmen ist doch wegen der Finanzkrise nicht weniger wert als im Sommer. Ich frage mich immer, welche grünäugigen Jungs an der Geschichte drehen. Für das Geschäft haben solche Ausschläge keine Auswirkungen. Wir planen ohnehin keine Kapitalerhöhung, so dass wir dem Kurs gut leben können.

Bemerken Sie bei den Aufträgen schon die Krise?2008 war unser bestes Jahr. In den ersten neun Monaten konnten wir unseren Umsatz um 21 Prozent steigern. Aber in den vergangenen Monaten gingen die Bestellungen zurück. Die Kunden werden vorsichtig. Typisch war die Situation auf der Stuttgarter Maschinenbaumesse AMB im Oktober. Unser Stand war so voll, das die Kunden kaum durch kamen. Aber kaum einer hat bestellt.

Hat Sie das überrascht?Nein. Dass es nicht ewig so weiter gehen konnte, war doch klar. Ich hatte schon im Frühjahr vor einem Rückgang gewarnt. Wenn jetzt allenthalben gesagt wird, die Auftragseinbrüche in der deutschen Wirtschaft seien Auswirkungen der Finanzkrise, dann ist das ein Schmarren. Die Konjunktur hatte doch den Zenit erreicht. Die Finanzkrise kommt noch obendrauf. Unser Umsatz zum Beispiel hat sich in den vergangenen drei Jahren fast verdoppelt. Wenn es jetzt zurückgeht, dann doch von einem hohen Niveau. Ein Rückgang von zehn oder fünfzehn Prozent erlebe ich auf dieser Ebene  nicht als Rückgang, sondern als Korrektur der Euphorie der vergangenen Jahre. Selbst wenn der Rückgang stärker ist als zehn oder fünfzehn Prozent, ist das für uns nicht dramatisch.

Sie sind also noch immer optimistisch?Nein, ich erwarte für dieses Jahr und auch noch für einige Zeit darüber hinaus nicht viel Gutes. Stornierungen durch Kunden infolge von Finanzierungsproblemen durch Banken kommen immer häufiger vor. Dennoch: Der gnadenlose Pessimismus, in den zurzeit Politik und Medien verfallen, ist für mich nicht nachvollziehbar. Jetzt geraten alle in Panik. Ein gut geführtes Unternehmen sollte nach mehreren fetten Jahren auch magerere Zeiten durchstehen können. Wir jedenfalls gehen gestärkt in die Rezession.

Wie wollen Sie die kommenden mageren Zeiten durchstehen?Unsere Mitarbeiter haben bis vor wenigen Wochen noch ihre Arbeitszeitkonten aufgebaut und Überstunden geleistet. Erst jetzt fahren wir die Normalzeit von 38 Stunden. Über den Jahreswechsel haben wir drei Wochen Betriebsferien gemacht – wie jedes Jahr. Dann arbeiten bei uns nur der Kundendienst sowie Bau- und Montagetrupps für Reparaturen. Wir werden im kommenden Jahr neben den je drei Wochen Werksferien im Winter und im Sommer zusätzlich an Brückentagen Ferien machen. Und wir haben noch ein Auftragspolster, das wir noch abarbeiten müssen.

Reicht das, um den möglichen Auftragsrückgang aufzufangen?Nicht auf ewig. Aber dazu kommen noch die Arbeitszeitkonten, die jetzt auf 200 Stunden aufgefüllt sind und die 200 Stunden, die ins Minus gefahren werden können. Und wir werden die  ruhigen Zeiten für Umstrukturierungen der Betriebsabläufe sowie für Weiterbildung nutzen. Vor allem bei den Umstrukturierungen hat sich ein Bedarf angestaut. Man baut nicht mit viel Zeitaufwand Prozesse um, während einem die Kunden ungeduldig auf die Lieferungen warten.

Werden Sie Leute entlassen?Das planen wir nicht. Wir haben uns lediglich von Zeitarbeitern getrennt. Aber noch im Dezember habe ich die Verträge für die Lehrlinge unterzeichnet, die im kommenden Herbst anfangen. Diesmal haben wir die Neueinstellungsquote für Lehrlinge sogar um zehn Prozent erhöht – obwohl wir am Auftragseingang schon sehen konnten, dass es ruhiger wird. Von unseren  800 Mitarbeitern sind 90 Lehrlinge. Jedes Jahr stecken wir 1,5 Millionen Euro in die Lehrlingsausbildung. Entlassungen wären für uns wie die Vernichtung von Kapital. Da kann ich auch die Maschinen kaputtschlagen.

Ihr Unternehmen ist seit 1993 börsennotiert. Würden Sie noch einmal an die Börse gehen?Nein. Ich war damals wegen der Eigentumsverhältnisse im Unternehmen noch nicht in der Lage das zu verhindern. Aber für ein mittelständisches Unternehmen mit einem starken Familienanteil ist die Börsennotierung nicht der richtige Weg.

Zum Glück habe ich einen weiteren Großaktionär mit dem ich mich persönlich und geschäftlich sehr gut verstehe. Wir könnten sonst gar nicht richtig arbeiten. Wenn ich die unsinnigen Vorschriften des Aktienrechtes auf die Goldwaage legen würde, dürfte ich mit meinen Kollegen im Vorstand nicht einmal über unsere Strategie diskutieren. Ich muss dauernd abwägen, ob ich hinsichtlich der Informationspflichten gerade dabei bin, einen Schritt zu weit zu gehen. Anderseits: Wenn ich jede strategische Überlegung gleich der Öffentlichkeit mitteile, dann kann ich es gleich lassen. Ich kann vom  Gang an die Börse nur jedem Mittelständler abraten.

Sie haben rund 70 Prozent Eigenkapital. In der Finanzwelt ist immer wieder zu hören, das Eigenkapital teurer sei als Fremdkapital. Mag sein, dass die das sagen. Das sind auch die, die jetzt Probleme haben oder aus dem, was Sie Finanzwelt nennen, inzwischen ausgeschieden sind. Ich bin da ganz altmodisch eingestellt und fühle mich mit so viel Eigenkapital ganz wohl. Und unsere Stammaktionäre fühlen sich auch ganz wohl dabei. Schließlich bleibt uns dank unserer Eigenfinanzierung das Schicksal vieler Unternehmen erspart, die jetzt wegen hoher Zins- und Tilgungslasten unter Druck kommen und sich mit Banken herum ärgern, die ihnen den Hahn zudrehen wollen.

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