Finanzkrise: Depression und Proteste auf Island

Finanzkrise: Depression und Proteste auf Island

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Demonstranten stehen gestern nach einem kleinen Sturm auf die Reykjaviker Zentralbank im Foyer der Bank Polizisten gegenüber, die den Zugang zum Gebäude bewachen

Die Bundesregierung kam den deutschen Kunden der isländischen Kaupthing-Bank zur Hilfe. Auf Island selbst nimmt die Bankenkrise immer dramatischere Formen an. Die Wut der Bürger entlädt sich mittlerweile in Gewalt.

Der kollektive Schock nach dem Zusammenbruch der isländischen Banken und dem bedrohlich nahen Staatsbankrott weicht Erbitterung und militanten Protesten. Dass Demonstranten eine Feier zum 90. Jahrestag der Staatsgründung in einen kleinen Sturm auf die Reykjaviker Zentralbank umfunktionierten, gilt in der Hauptstadt erst als Anfang. Wie die Polizei bestätigte, waren am Montagabend erstmals Demonstranten in das Gebäude der Zentralbank eingedrungen. Sie verlangten lautstark den Rücktritt von Nationalbankchef David Oddsson. Die mehr als hundert Protestteilnehmer zogen sich erst nach Drohungen der Polizei, das Gebäude gewaltsam zu räumen, zurück. „Das Aggressionspotenzial ist enorm. Die Leute sind zornig, dass ein ganzes Volk für das Roulettespiel von Bankern und die Tatenlosigkeit der Regierung bezahlen muss“, meint Gottskálk Jensson von der Universität Reykjavik.

Fast täglich erschüttern neue Nachrichten die 320.000 Isländer. So explodieren die Arbeitslosenzahlen. Viele Unternehmen können nichts mehr importieren, weil die isländische Krone als Zahlungsmittel fast wertlos geworden ist. Geschäfte bieten ihr komplettes Sortiment im Weihnachtsmonat mit 50 Prozent Rabatt an, damit überhaupt jemand kauft. Junge Isländer müssen Auslandsstudien abbrechen, weil ihre heimischen Stipendien nichts mehr wert sind.

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Das alles, weil die drei größten Banken Kaupthing, Landsbanki und Glitnir gigantische Auslandskredite zur Finanzierung ihrer Expansionsgelüste aufgenommen haben. Der Staat musste sie übernehmen. Alleine die früher größte der isländischen Banken, Kaupthing, bei der auch mehr als 30.000 deutsche Sparer ihr Festgeld angelegt hatten, beantragte gestern Zahlungsaufschub bei den US-Behörden für Schulden in den USA. Kaupthings Gesamtschulden über 26 Milliarden Dollar (20,6 Milliarden Euro) sind damit mehr als doppelt so hoch wie der gesamte isländische Staatshaushalt.

Isländer fürchten um ihre Existenz

Vor kurzem noch wohlsituierte Mittelstandsbürger erleben nun am eigenen Leib und als akute Existenzbedrohung, was da als Finanzsystem zusammengekracht ist: Ihre Hauskredite sind an die Inflation gebunden und häufig in Euro oder anderen ausländischen Währungen berechnet. Bei einer Teuerungsrate von knapp unter 20 Prozent und dem freien Fall des Kronenkurses vervielfachen sich die Kreditkosten jetzt für Tausende. Gleichzeitig sind die Häuser auf dem Immobilienmarkt nichts mehr wert.

In einer aktuellen Umfrage erklärten nur noch 32 Prozent der Befragten, dass sie Vertrauen zur Regierung von Ministerpräsident Geir Haarde haben. Mit 33 Prozent wurden die oppositionellen Linksgrünen bei der Umfrage stärkste Partei. Haardes konservative Selbstständigkeitspartei als traditionell dominierende politische Kraft auf Island kam nur noch auf 21 Prozent gegenüber 36,6 Prozent bei den Wahlen 2007.

„Was wird die Mittelklasse politisch tun, wenn sie erkennt, dass sie ein Leben lang mit negativem Eigenkapital leben muss?“ fragt der Spar-Berater Ingólfur Ingólfsson. Er hat vergeblich bei der Regierung dafür geworben, umgehend die Inflationsbindung von Privatkrediten zu stoppen. Ohne schnelle konkrete Hilfe für die gebeutelten Normalbürger befürchtet Ingólfsson weit schlimmere Dauerschäden als eine Weile negatives Wirtschaftswachstum: „Wir verlieren die jungen Leute, wenn wir nichts gegen dieses verrückte Schuldensystem tun. Die werden verschwinden.“

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