Finanzkrise: Die Krise zwingt die Kirchen zu verzweifelten Maßnahmen

Finanzkrise: Die Krise zwingt die Kirchen zu verzweifelten Maßnahmen

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von Cornelius Welp und Hans-Jürgen Klesse

Die Finanz- und Wirtschaftskrise erfasst die Kirchen. Auf Einnahmerückgänge und Spekulationsverluste reagieren sie mit unkonventionellen, manchmal verzweifelten Maßnahmen.

Die evangelische Gnadenkirche im bürgerlichen Düsseldorfer Stadtteil Gerresheim ist ein typischer Sechzigerjahre-Bau. Das Kirchenschiff mit seinem Satteldach ist so schlicht wie die Einfamilienhäuser der Nachbarschaft, der frei stehende Betonturm daneben sieht aus wie eine überdimensionale Lautsprecherbox. Gleich nebenan steht der „Club 212“, ein Bordell. Wenn die Glocken am Sonntagmorgen die Gläubigen rufen, ist in dem „Club mit dem besonderen Ambiente“ gerade erst Feierabend.

Doch die Tage der nachbarschaftlichen Nähe von himmlischem und horizontalem Gewerbe sind gezählt. Aus Kostengründen werden zwei der drei evangelischen Kirchen in Gerresheim geschlossen, die Gnadenkirche wird abgerissen, das Grundstück verkauft. Der Abriss oder Verkauf von Gotteshäusern ist das sichtbarste Zeichen, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise auch bei den Kirchen ankommt. Seit Jahren leiden sie unter Mitgliederschwund und Nachwuchsmangel. Zwar sind die Einnahmen aus der Kirchensteuer 2008 überraschend stark gestiegen, doch die Krise verändert die Situation nun radikal. Die Kirchen rechnen im kommenden Jahr mit Einnahmerückgängen im deutlich zweistelligen Prozentbereich, vermutlich dem größten Einbruch der Nachkriegsgeschichte.

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Zu allem kommen die direkten Auswirkungen der Finanzkrise. Auf der Suche nach neuen Erlösquellen hatten fromme Finanzverwalter versucht, ihr Kapital mit mehr Rendite anzulegen. Doch wie viele andere sind auch sie Opfer von Renditegier und Falschberatung geworden.

Einnahmeeinbrüche bei den Kirchen

Die Folgen der Misere sind in ganz Deutschland zu besichtigen. Etwa in Bottrop: „In den vergangenen drei Jahren haben wir 40 Prozent unserer Einnahmen verloren“, sagt Volkhard Graf, Geschäftsführer des evangelischen Gemeindeverbands in Bottrop. In den kommenden zwei Jahren ist ein weiterer Rückgang um insgesamt 17 Prozent fest eingeplant.

Noch, so Geschäftsführer Graf, könne die Kirche die wichtigsten Dienstleistungen erbringen. Doch bei weiteren Rückschlägen ginge es zwangsläufig ans Eingemachte, und das zu einer Zeit, in der die Leute die Kirchen eher suchten: „Die Nachfrage nach unseren Angeboten steigt“, sagt Graf. Kinderbetreuung ist gefragt, in der Krise rechnen auch die Schuldnerberatung und die Armenküchen mit einem Ansturm. Um den Betrieb fortzuführen, versuchen die Bottroper Protestanten, alternative Finanzquellen anzuzapfen.

So hat die Gemeinde Mitglieder im Rentenalter gezielt angeschrieben, um Spenden zu akquirieren. Um die 125-Jahr-Feier der Martinskirche zu finanzieren, hängte der Chemie- und Energiekonzern Evonik ein großes Banner vor der Kirche auf. Aufschrift: „125 Jahre Martinskirche. Fernwärme von Evonik freut sich mit der Gemeinde auf viele weitere engagierte Jahre.“ Die ungewöhnliche Aktion sorgte für rege Diskussionen unter den Gläubigen, brachte aber einen vierstelligen Euro-Betrag. Um alle Gebäude zu erhalten, reicht das allerdings nicht. So hat die Gemeinde in den vergangenen Jahren eine Kirche und ein Pfarrhaus verkauft, eine Kapelle abgerissen, ein weiteres Pfarrhaus vermietet.

Ähnliche Ausfälle gibt es deutschlandweit: Die Evangelische Landeskirche in Württemberg rechnet für 2010 mit 16 Prozent weniger als 2008, in Bayern erwartet sie bereits 2009 einen Rückgang von 20 Prozent – in Euro sind das 116 Millionen – gegenüber 2008. In den industriell geprägten Regionen sind die Einbußen besonders hoch. Viele Kirchen müssen auf ihre Rücklagen zurückgreifen, um den laufenden Haushalt zu stemmen. Das ohnehin seit Jahren finanziell angeschlagene katholische Bistum Aachen erwartet mindestens zehn Prozent Mindereinnahmen im Jahr 2010. Da sich die Instandhaltung nicht mehr bezahlen lässt, will der Klerus einige Gebäude künftig anders nutzen. Manche Maßnahme wirkt bereits tragikomisch. Die Kirche St. Peter in Mönchengladbach etwa soll demnächst zu einer Kletterhalle umgebaut werden.

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