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Finanzkrise: "Geld regiert nicht die Welt"

von Lothar Schnitzler

Managementguru Fredmund Malik, der Leiter des Management-Zentrums St. Gallen, über die Ursachen der Finanzkrise - und über Gier und Geld als Steuerungsgröße in der globalisierten Ökonomie.

Fredmund Malik
Management-Guru Fredmund Malik
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WirtschaftsWoche: Herr Malik, stehen wir vor einer Neuauflage der Weltwirtschaftskrise?

Malik: Der Vergleich mit 1929 greift zu kurz. Für diese Krise gibt es kein historisches Vorbild. Sie ist im Kern weder eine Finanz-, noch eine Wirtschaftskrise. Was wir jetzt erleben, - Zusammenbruch von Banken, Einbruch der Aufträge sowie die häufig spektakulären Pleiten - zeigt das Versagen der veralteten Regulierungs- und Lenkungssystemen in Unternehmen und anderen Organisationen. Im Kern handelt es sich aber nicht um ein monetäres Problem. Übertragen gesprochen: Nicht der Blutkreislauf kollabiert, sondern das Nervensystem bricht zusammen.

Taugt Geld nicht mehr als Steuerungsgröße für Unternehmen?

Die Verengung auf isolierte Gewinnzahlen wie vom Shareholder-Value-Ansatz propagiert, ist ein Unfug, der von den MBA-Schulen und BWL-Fakultäten verbreitet wird. Dahinter stecken ein mechanistisches Weltbild und die Vorstellung vom homo oeconomicus als geisteskrankes, geldgieriges Monster. Aber Geld regiert nicht die Welt.

Was oder wer denn sonst?

Natürlich ist Geld nicht unwichtig, aber die Vorstellung der Regierungen, man könne mit viel Geld die Krise beseitigen, erinnert an die Therapie eines Alkoholkranken mit Schnaps. Dem geht es eine Stunde lang besser, er zittert nicht mehr, aber gesund ist er noch lange nicht.

Woran fehlt es denn, wenn nicht am Geld?

Es fehlt am Wissen, wie Geld in Unternehmen und Ökonomien eingesetzt wird. Es fehlt an Kreativität und Innovation. Wissen ist in modernen Gesellschaften und Unternehmen die knappe Ressource – nicht so sehr das Geld. Unsere globalisierte Welt hat ultrakomplexe Systeme erzeugt, die über materielle Größen weder zu steuern, noch zu analysieren sind. Das kann man daran erkennen, dass weder die gutbezahlten Risikomanager in den Banken und Ratingagenturen noch die Volkswirte den Kollaps voraussahen. Die Ökonomen haben uns noch im Juni vergangenen Jahres Wachstumsraten von zwei bis drei Prozent versprochen. Im Oktober haben sie dann das Wetter von vorgestern als Prognose präsentiert.

Gibt es Branchen, die von der Krise weniger betroffen sind?

Branche ist ein steinzeitlich statistischer Begriff, ein Konstrukt, das wenig über die einzelnen Unternehmen aussagt. Die heutige Welt explodierender Komplexität und global vernetzter dynamischer Systeme richtet sich nicht nach den Kategorien der herkömmlichen Wirtschaftsstatistik. Auch deshalb konnten die Ökonomen die Krise nicht voraussehen. Wichtiger als die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Branche ist die Führung der Unternehmen. Manager, die Unternehmensführung als das Meistern von Komplexität verstehen, kontinuierlich an der Perfektionierung ihres Funktionierens  arbeiten und dabei die Grundsätze der Bionik und Kybernetik anwenden, werden ihre Unternehmen durch die Krise führen können.

Welche Firmen sind besonders gefährdet?

Jene, sich mechanistisch auf die klassische Ökonomie und die  Betriebswirtschaftslehre verlassen. Die Unternehmen, die in den herkömmlichen Denkweisen der alten Welt verharren, die sich selbst als Gewinnmaximierungsmaschine sehen, die sich am Shareholder-Value und an Wertsteigerungsstrategien orientieren, haben deutlich weniger Überlebenschancen. Gefährdet sind auch alle Firmen, die ihre Manager nur nach finanziellen Kennziffern bonifizieren und in denen geldgetriebene Personen in Top-Positionen gekommen sind.

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8 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 23.07.2009, 21:23 UhrAnonymer Benutzer: M.Buesing

    Es zeigt sich u.a. das Egoismus als "dämonischer" Trieb des Menschen dazu führen kann die gesamte terrestrische Welt in den Abgrund zu führen. Nur die Anwendung der Kybernetik kann hier die "Rettung" einleiten. Es wird Zeit diese Wissenschaft als zentrales Thema in die klassischen wirtschaftswissenschaftlichen Studiengänge zu integrieren.

    Ein begeisterter und langjähriger "Kybernetiker"

  • 16.05.2009, 15:23 UhrAnonymer Benutzer: Tim

    ES bESSER ALS DiE GAUNER MACHEN

    Trivial war und ist das Leben von Tieren. Fressen und vermehren. Für den Menschen fing alles ganz ähnlich an. intelligenz im Sinne von informationsverarbeitung ließen ihn höhere Ziele anstreben und erreichen. Subjektivität (Kognitivismus) führte allerdings nicht zum vollständig korrenkten und damit richtigen Durchdenken. Das ist der Grund für Unzulänglichkeit von Systemen die geschaffen wurden um der Komplexität unserer Welt Herr zu werden. Zu Tief sitzt die Krankheit. Der Alkoholiker sollte keinen Schnaps bekommen sondern eine grundlegende Entziehungskuhr.

    Die wirklichen Strukturen und Lenkungsmechanismen von Unternehmen, Staat und anderen Systemen müssen in ihren Reihen aufgedeckt und einer Systemgenerierung unterzogen werden. Jeder baustein als eigenes System, Lebensfähig und Rekursiv zu Sub- und Metaebene.

    Dies setzt voraus, dass sich Führungskräfte über alle Ebenen an richtigen Werten orientieren und Verantwortung für ihre Aufgabe übernehmen.

    So kann durch Strukturgleichheit von Systemen egal welcher Größe, Verschachtelung und Ebene die heutige Komplexität unter Kontrolle gebracht werden und ein System als einheitliches Ganzen wirken.

    Wenn die Nerven richtig vernetzt sind findet auch das blut wieder den richtigen Weg und auf Schnaps kann gänzlich verzichtet werden.

  • 26.02.2009, 15:33 UhrAnonymer Benutzer: Ricci "Cigar" Riegelhuth

    MENSCHEN bRAUCHEN MENSCHEN und KEiNE z a h l e n . . .


    bei dem ganzen Kladderadatsch von fehlenden Milliarden, verlustiertem Vertrauen in ein globales Finanzsystem und der sehr menschlichen begabung bei massenhafter Gier auf Profit alles Hirn gleich mit zu verschlingen, ist für mich jetzt die brennende Frage:
    wie wirkt Geld auf unsere beziehung zu unseren Mitmenschen`?
    Wie beeinflusst das Geld unsere Wertvorstellungen in unserer Gesellschaft und welche Konsequenzen ergeben sich daraus?
    Werden wir etwa komplett monetär "nivelliert"?
    Soziologie könnte die Grundlage bieten unser Dilemma zu fundieren!
    Hier der Herr Simmel, Schorsch vor über hundert Jahren, sicher geschrieben, umnebelt vom havannanösem Zigarren-Duft.

    Georg Simmel:
    Die Grosstädte und das Geistesleben
    ex: Die Grossstadt. Vorträge und Aufsätze zur Städteausstellung. (Jahrbuch der Gehe-Stiftung Dresden, hrsg. von Th. Petermann, band 9, 1903, S. 185-206, Dresden)

    "Das Wesen der blasiertheit ist die Abstumpfung gegen die Unterschiede der Dinge, nicht in dem Sinne, dass sie nicht wahrgenommen würden, wie von dem Stumpfsinnigen, sondern so, dass die bedeutung und der Wert der Unterschiede der Dinge und damit der Dinge selbst als nichtig empfunden wird.

    Sie erscheinen dem blasierten in einer gleichmäßig matten und grauen Tönung, keines wert, dem anderen vorgezogen zu werden.

    Diese Seelenstimmung ist der getreue subjektive Reflex der völlig durchgedrungenen Geldwirtschaft; indem das Geld alle Mannigfaltigkeiten der Dinge gleichmäßig aufwiegt, alle qualitativen Unterschiede zwischen ihnen durch Unterschiede des Wie viel ausdrückt, indem das Geld, mit seiner Farblosigkeit und indifferenz, sich zum Generalnenner aller Werte aufwirft, wird es der fürchterlichste Nivellierer, es höhlt den Kern der Dinge,
    ihre Eigenart,
    ihren spezifischen Wert,
    ihre Unvergleichbarkeit rettungslos aus.

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