Finanzkrise: Mehr Milliarden für die Banken

KommentarFinanzkrise: Mehr Milliarden für die Banken

von Cornelius Welp

So bitter es auch ist: Die europäischen Staaten und Steuerzahler werden die Institute erneut stützen müssen. Nur so lässt sich eine gefährliche Abwärtsspirale durchbrechen.

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Frankfurter Skyline mit Türmen der Bankhäuser

Wenn in diesen Tagen von Banken die Rede ist, tauchen schnell Begriffe wie „alternativlos“ und „systemrelvant“ auf, die aus der Krise 2008 nur allzu vertraut sind und eigentlich verschwunden sein sollten. Schließlich hatten Politiker mehrfach erklärt, dass es keine Bankenrettungen mit Steuermilliarden mehr geben sollte. In Deutschland gilt dafür seit Jahresbeginn das Restrukturierungsgesetz, dessen Regelwerk das bis dahin geltende des Rettungsfonds Soffin ablösen und eine geordnete Abwicklung ermöglichen soll.

Die bittere Wahrheit: Es ist nahezu sicher, dass Regierungen erneut etliche Milliarden in die Banken stecken werden. Vermutlich führt tatsächlich kein Weg daran vorbei.

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Denn die Banken sind längst in einem Teufelskreis gefangen, der schneller als gedacht auf die Realwirtschaft übergreifen und die Krise damit drastisch verschärfen kann. Da andere Marktteilnehmer ihnen nicht vertrauen, hat sich ihre Finanzierung deutlich verteuert. Für viele ist es nach wie vor unmöglich, unbesicherte Anleihen zu begeben. In den kommenden drei Jahren müssen die europäischen Institute jedoch 1,7 Billionen Euro längerfristig refinanzieren. Unter den derzeitigen Bedingungen wird das kaum oder jedenfalls nur sehr teuer möglich sein. Die Investmentbank Morgan Stanley schätzt, dass die europäischen Banken deshalb allein im kommenden Jahr ihre Bilanzen um zwei Billionen Euro verkleinern. Am schnellsten funktioniert das, wenn sie die Kreditvergabe einschränken. Was bekannt fatale Folgen hätte. 

Staatliche Milliardeninjektionen, so die Hoffnung, könnten das Vertrauen wieder herstellen. Natürlich sind sie problematisch - allein schon, weil in den Banken weiter Gehälter gezahlt werden, von denen Beschäftigte anderer Branchen oft nur träumen können. Dennoch ist die Situation heute anders als 2008: Damals auch in gebotener Drastik gerechtfertigte Zockerbeschimpfungen gehen heute ins Leere. Denn die aktuelle Verunsicherung geht nicht von irrwitzig komplexen Luftpapieren aus, sondern von traditionellen europäischen Staatsanleihen. Anders als 2008 ist dabei völlig klar, dass die Politik in großem Maße mitverantwortlich für das aktuelle Dilemma ist. Schon allein deshalb, weil die Banken Staatspapiere nicht mit Eigenkapital unterlegen müssen. In Regulierungsentwürfen wie etwa der Liquiditätsrichtlinie wird die Bevorteilung dieser Anlageklasse sogar noch ausgebaut.

Zwischen 100 und 200 Milliarden Euro

Endgültig als Lachnummer hat sich jedenfalls der Stresstest der europäischen Aufsicht EBA entpuppt. Mit der belgisch-französischen Dexia hat eine Bank den angeblich so strengen Probelauf relativ problemlos bestanden, die nun, nur wenige Wochen später, mit staatlicher Hilfe in ihre Einzelteile zerlegt und zumindest teilweise abgewickelt wird. Das bekanntermaßen anfällige Geschäftsmodell einer kurzfristigen Kapitalmarkt-Refinanzierung langfristiger Kredite hatten die Aufseher nicht thematisiert. Schon beim ersten Stresstest hatten sich seine Urheber ähnlich grandios blamiert: Damals hatten die irischen Banken den Text bestanden, kurze Zeit später standen auch sie vor der Pleite.

Wie viele Milliarden letztlich erforderlich sind, wird derzeit von Analysten und Professoren weltweit emsig berechnet. Die meisten Schätzungen bewegen sich zwischen 100 und 200 Milliarden Euro. Um bei einem 50-Prozent-Abschlag auf griechische Staatsanleihen eine vermutlcih ausreichende Kernkapitalquote von acht Prozent zu erreichen, wären laut Morgan Stanley rund 82 Milliarden Euro erforderlich. Verlässliche Voraussagen für alle Fälle sind kaum möglich. So heißt es auch bei Morgan Stanley, dass es keine ausreichende Menge Geld gebe, die Investoren vorab überzeugen würde, dass Banken auch extreme Szenarien überleben würden. Ein solches wäre etwa eine Restrukturierung italienischer, spanischer und belgischer Staatsschulden.    

„Wenn keine Schritte unternommen werden, um die Märkte von der Solvenz Italiens zu überzeugen, haben wir nur die Symptome und nicht die Krankheit der aktuellen Krise behandelt“, heißt es heute in einer Analyse der Investmentbank Nomura. Bei einem Haircut von 40 Prozent bei italienischen Staatsanleihen explodiert der Kapitalbedarf nahezu, die italienischen Großbanken Unicredit und Intesa San Paolo bräuchten dann jeweils um die 25, die Commerzbank rund 17 Milliarden Euro, um eine Kernkapitalquote von acht Prozent zu erreichen. Das ist keine abwegige Spielerei. In ihren internen Stresstests, so berichten es jedenfalls Insider, kalkulieren Banken bereits mit Abschlägen von 50 Prozent bei italienischen Staatsanleihen. Und das ist nicht einmal das extremste Szenario.

Wenn die Staaten die Banken nun erneut mit Milliarden und noch mehr Milliarden stützen steigt ihre Verschuldung weiter. Sie können darauf hoffen, dass sich die Investititon auszahlt und die Banken das Geld schnell zurück zahlen oder sie die Anteile an private Investoren verkaufen können. Als Vorbild gilt das amerikanische Tarp-Programm, dessen Endabrechnung – anders als vielfach behauptet – noch offen, bisher aber positiv ist. Eine europäische Endabrechnung lässt sich kaum erstellen. Dass die gerade für Deutschland teuer wird, steht ohnehin längst fest

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