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Finanzkrise: Sparkassen in Not: Die Folgen für Sie und Ihre Stadt

von Melanie Bergermann (Frankfurt), Christoph Schürmann, Andreas Große Halbuer, Cornelius Welp (Frankfurt) und Stefani Hergert

Die heile Welt der Sparkassen zerbricht. Die Krise der Landesbanken reißt enorme Löcher in ihre Bilanzen, sie kommen schwerer an neues Geld, der Kampf um Kunden wird schärfer. Landesregierungen schmieden Gesetze, die einer Privatisierung der öffentlich-rechtlichen Institute den Weg ebnen. Was die Not der öffentlichen Banken für Sie und Ihre Kommune bedeutet.

Der Präsident des Deutschen Quelle: dpa
Der Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes(DSGV), Heinrich Haasis Quelle: dpa

Lehre bei der Sparkasse Velbert, mit Ende 20 schon Leiter Kredit, später im Vorstand der Sparkasse Velbert, seit gut zweieinhalb Jahren Chef der fusionierten Stadtsparkassen Hilden, Ratingen und Velbert – Jörg Buschmann ist ein Paradebeispiel für eine Karriere bei einer öffentlichen Bank. Obendrein hat noch den Zusammenschluss seiner Institute mitverantwortet, musste Stellenstreichungen durchboxen, und hat das – darauf legt er großen Wert – „ohne betriebsbedingte Kündigungen“ erreicht. Eigentlich hat Sparkassenchef Buschmann alles richtig gemacht, für Effizienz hat er gesorgt, größere Einheiten geschaffen, die Kosten gesenkt.

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Und trotzdem steckt sein Institut in einer Misere. Der Zinsertrag fällt, der Überschuss ebenso. Obendrein muss Buschmann noch 6,4 Millionen Euro zurückstellen, denn auch sein Institut muss sich am Risikoschirm der angeschlagenen Düsseldorfer Landesbank WestLB beteiligen. „Die zurückgegangene Rentabilität ist bei uns ebenso wie bei den Kollegen der anderen Sparkassenhäuser zunehmend ein Problem“, sagt Buschmann.

Selten zuvor in ihrer 230-jährigen Geschichte haben die Sparkassen so unter Druck gestanden wie im Frühjahr 2008. Dabei sind die Sparkassen die Macht am Markt. Alle gemeinsam bilden einen Bankenriesen mit 374.000 Mitarbeitern. Mit 3400 Milliarden Euro Bilanzsumme ist die Gruppe mehr als 1,5-fach so groß wie die Deutsche Bank und übertrifft die Commerzbank um fast das Fünffache. Im Privat- und Geschäftskundenmarkt hat sie einen Marktanteil von 40 Prozent. Jede zweite Gewerbefinanzierung und jede zweite Existenzgründung in Deutschland wird am Sparkassentresen abgeschlossen.

Doch der Riese wankt. Großbanken und ausländische Nischenanbieter haben die deutschen Privatkunden wieder für sich entdeckt und jagen den Sparkassen Kunden ab. Der Wettbewerbsdruck ist so groß, dass die Kreditinstitute mit dem klassischen Bankgeschäft — dem Leihen und Verleihen von Geld kaum noch Geld verdienen.

Ausgerechnet in dieser ohnehin schon schwierigen Lage schlägt die Finanzkrise ein. Selbst verzockt haben sich nur wenige Sparkassen – etwa die in Leipzig – mit den berüchtigten riskanten Kreditpaketen. Umso mehr jedoch die Landesbanken. Knapp zwölf Milliarden Euro an Finanzmarktbelastungen mussten sie verkraften, den Großteil davon die BayernLB und die WestLB unter ihren inzwischen zurückgetretenen Chefs Werner Schmidt und Thomas Fischer. Wenn sich die Landesbanken verzocken, müssen die Sparkassen als Miteigentümer dafür gerade stehen. Als wäre das noch nicht genug mussten, sie auch bei der strauchelnden Mittelstandsbank IKB einspringen — auch um ihre eigenen IKB-Anleihen zu retten.

Ungemach droht den lokalen Instituten auch von politischer Seite. Die Sparkassen sind rechtlich selbstständige, kommunale Einheiten. Die Städte und Gemeinden — mit denen die Sparkassen eng verwachsen waren – hatten bislang keinerlei Zugriffsrecht. Sie konnten die Sparkassen weder als Vermögensgegenstand in ihre Bilanzen aufnehmen, noch Gewinnausschüttungen fordern. Geschweige denn die Institute verkaufen.

Diese Privilegien werden nun von den Landesregierungen nach und nach über die Modernisierung der Sparkassengesetze aufgebrochen. In Rheinland-Pfalz und Hessen können die Sparkassen bereits Stammkapital bilden. In Nordrhein-Westfalen will die Landesregierung gerade die Bildung von Trägerkapital durchsetzen. Das, so bangen die Sparkassenchefs, sei der erste Schritt zur Privatisierung, denn eine Voraussetzung für einen Verkauf wird damit geschaffen.

Vor dem Hintergrund der sich verschärfenden finanziellen Lage der Städte und Gemeinden könnte der Druck durch die neue Struktur erheblich wachsen. Mit dem gemütlichen Sparkässler-Dasein, in dem Gewinnausschüttungen keine Rolle spielen, könnte es dann vorbei sein. In NRW ist die Not der Sparkassen am Größten. Hier will die Landesregierung per Gesetz sogar die Zusammenarbeit mit der Düsseldorfer Landesbank WestLB erzwingen.

Die Sparkassen gründen ihre Macht zum einen darauf, dass sie durch ihre öffentlich-rechtliche Trägerschaft nie unter Effizienzdruck standen und die Kommunen als Gewährträger hatten, die Städte und Gemeinden also für die Verbindlichkeiten hafteten. Dadurch konnten sich die Sparkassen günstiger am Kapitalmarkt finanzieren als private Institute. Gleichzeitig aber wurden die öffentlich-rechtlichen Institute abgekoppelt. Die Kommunen hatten keinerlei Zugriff. Eine undurchsichtige Struktur. „Wenn eine Kommune Stadtwerke besitzt, dann haben die Kapital, und das steht im Handelsregister. Und ihren Abschluss müssen die Stadtwerke ebenfalls veröffentlichen. Wieso gilt das eigentlich nicht für Sparkassen“, schimpft Commerzbank-Aufsichtsratschef Klaus Peter Müller – und spricht damit so manchem Kämmerer aus der Seele.

Etliche Kämmerer stören sich daran, dass sie im Grunde nicht wissen, was in den Sparkassen tagein tagaus vor sich geht. Die Kommunen kontrollieren zwar über den Verwaltungsrat die Sparkasse, aber dort sitzen häufig die von den Bürgern gewählten Bürgermeister. Und die verstehen längst nicht jedes Detail. Die kommunalen Finanzexperten, die Kämmerer, bleiben dagegen außen vor. In Sitzungen werden die Tischvorlagen vorher ausgeteilt und nachher wieder eingesammelt. Die Sparkassen, klagt der Finanzchef einer westfälischen Kommune, seien „das am besten abgeschottete“ Unternehmen unter der Trägerschaft oder ind er Hand von Kommunen. Das wird auch an der Reaktion der nordrhein-westfälischen Sparkassen auf eine Umfrage der WirtschaftsWoche deutlich. Um Gewinnausschüttungen, Gewerbesteuerzahlungen und Spenden ging es da. Die Hälfte der Sparkassen verweigerte jedoch eine Antwort (Übersicht unter wiwo.de/nrw-sparkassen).

Die Sparkassenchefs können wie kleine Lokalfürsten agieren – gelegentlich mit dramatischen Folgen. In Düsseldorf hat das System der Intransparenz zu prominenter Kungelei geführt. Fast der komplette Vorstand der Düsseldorfer Sparkasse musste seine Stühle räumen, nachdem enge private Kontakte zum Kreditkunden Franjo Pooth bekannt wurden. An seiner Hochzeitsfeier mit Werbe-Ikone Verona Pooth, geborene Feldbusch, nahmen die Sparkassen-Chefs teil, sie ließen sich angeblich auch teure Flachbild-Fernseher nach Hause liefern – als Geschenk von der inzwischen pleite gegangenen Pooth-Firma Maxfield, die 27 Millionen Euro Schulden hinterlässt. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf ermittelt gegen die Vorstände Heinz-Martin Humme und Karl-Heinz Stiegemann wegen des Verdachts auf Untreue. „Bestraft die Sünder der Stadtsparkasse“, appellierte der kürzlich verstorbene Düsseldorfer Oberbürgermeister Joachim Erwin in seinem Vermächtnis.

Im Klüngelsumpf der Nachbarmetropole Köln versenkten die Sparkässler Millionen unter anderem bei den Filmstudios MMC. Nun soll eine Stille Einlage der Städte Köln und Bonn über 300 Millionen Euro die Geschäftsfähigkeit erhalten.

13 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 24.10.2008, 13:45 UhrAnonymer Benutzer: Vernunft

    Ob der liebe Ex-Sparkassenmitarbeiter sich mal fragt, was er in den letzten 3 Jahren zur Weiterentwicklung seiner Sparkasse beigetragen hat? Sehr konstruktiv wird er nicht gewesen sein, aber jahrelang 14 Monatsgehälter eingesackt für nixtun, rummeckern und besserwissen. Toll, mit solchen Leuten kann man in die Schlacht ziehen.

  • 08.08.2008, 18:59 UhrAnonymer Benutzer: Ex-Sparkassenmitarbeiter

    ich war 13 Jahre Mitarbeiter einer Sparkasse und kann aus eigener, leidvoller Erfahrung ein Lied darüber singen, was da hinter den Kulissen abgeht. Wenn viele Vorstände jetzt auf einmal feststellen, daß die Kunden weglaufen und Erträge einbrechen, wundert mich das nicht im mindesten. Wer in den letzten 15 Jahren derartig souverän JEDE Entwicklung verschlafen hat, verdient es nicht besser.

    Abgesehen davon wird es auf mittlere Sicht ohnehin zum Ende dieses Systems in seiner jetzigen Form kommen, da die niedrigste intellektuelle Daseinsform dort mitmischt - ausgebrannte Kommunalpolitiker und Provinzfürsten, die gerne einmal Großbank spielen wollen.

    Die vergeudeten Potentiale sind enorm - und das wird sich bitter rächen.

  • 18.07.2008, 00:28 UhrAnonymer Benutzer: Forgetit

    Der Mittelstand ist das wirtschaftliche Rückrat der deutschen Wirtschaft. Die meisten Deutschen arbeiten bei einem Mittelständler. Die Sparkasse ist, wie im Artikel richtig aufgeführt, der Hauptfinanzpartner des Mittelstandes- und genau aus diesem Grund müssen die Sparkassen in ihrer jetzigen Form erhalten bleiben. Ob man an jeder Ecke eine Filliale braucht oder über 300.000 Mitarbeiter in Deutschland beschäftigen muss, ist eine andere Frage.
    Aber dass man eine über zweihunderjährige Erfolgsgeschichte nicht mutwillig und interessengetrieben dem Untergang weihen soll steht ausser Frage.

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