Finanzmarkt: "Große Krise nicht ausgeschlossen"

Finanzmarkt: "Große Krise nicht ausgeschlossen"

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Heinrich Weiss, Inhaber des Industriekonzerns SMS Demag

Heinrich Weiss, Deutschlands größter Familienunternehmer und Inhaber des Anlagenbauers SMS Demag, über die Finanzmärkte und die Chancen im Geschäft mit Russland.

WirtschaftsWoche: Herr Weiss, zurzeit erzittert die Welt der Investmentbanken. Da können sich Familienunternehmer wie Sie als Sieger der Wirtschaftsgeschichte fühlen. Die nassforsche Art vieler Investmentbanker und Analysten gegenüber langfristig denkenden Industrieunternehmern wird nun kleinlauter oder verstummt ganz. Freut Sie das?

Weiss: Familienunternehmen, wie unseres, die nicht an der Börse notiert sind, werden nur am Rand betroffen. Die Zeit, die andere Unternehmensführungen in den Umgang mit Analysten und in die Öffentlichkeitsarbeit investieren müssen, kann das Management von Familienunternehmen für die Pflege von Kundenbeziehungen und für die Mitarbeiterführung verwenden. Von der Krise sind wir allerdings betroffen, wenn unsere Kunden in Mitleidenschaft geraten, zum Beispiel dadurch, dass sich die Kreditbedingungen verschlechtern und sie deshalb dann weniger investieren. Die SMS-Group benötigt keine Kredite, wir sind liquide. Banken brauchen wir nur für die Gewährung von Avalkreditlinien zur Besicherung von Anzahlungen und zur Abwicklung unseres Zahlungsverkehrs. So wie wir agieren viele andere Familienunternehmen. Das liegt auch an einem fundamentalen Unterschied zwischen Familienunternehmen, börsennotierten Konzernen und Private-Equity-Investoren in der Gewinnverwendung: Letztere schütten bis zu 100 Prozent ihres Gewinns aus, manchmal auch noch mehr, Konzerne um die 50 Prozent. Familiengesellschaften begnügen sich dagegen in der Regel mit 10 bis 20 Prozent. Der Gewinn wird überwiegend in die Stärkung des Unternehmens investiert, um es weiter zukunftsfest zu machen.

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Wie sehen Sie die Interventionsbestrebungen des Staates, der nun offenbar als zweifelhafter Retter auftritt?

Einfache Rezepte gibt es sicher nicht. Aber die Investmentbanken in den USA haben bei der Risikobewertung viele klassische Prinzipien außer Acht gelassen – zum Beispiel, dass man Immobilien nur bis zu einem bestimmten Prozentsatz des Marktwertes beleiht. Ich finde es nicht richtig, dass jetzt Verluste sozialisiert werden, während die Gewinne vorher privatisiert worden sind. Es wäre wesentlich konsequenter gewesen, wenn die IKB nicht mit Steuergeldern gerettet worden wäre. Für Managementfehler haften die Aktionäre, nicht der Steuerzahler. Das 700-Milliarden-Rettungspaket der amerikanischen Regierung stellt für mich einen drastischen ordnungspolitischen Verstoß dar. Wenn öffentliche Gelder in dieser Dimension in den Privatbanksektor fließen, dann werden die Politiker bald Anspruch auf Mitsprache erheben. Das wird zur Behinderung der freien Finanzmärkte führen.

Wird es denn Ihrer Meinung nach zur Kreditklemme auch in Deutschland kommen?

Ich glaube, nicht. Nehmen wir einmal die IKB und einige Landesbanken aus, so dürfen wir doch feststellen, dass das deutsche und zum Teil auch europäische Universalbankensystem bessere Sicherheitsmechanismen und eine größere Risikostreuung aufweist, als das amerikanische, wo Investmentbanken ungezügelt voll ins Risiko gegangen sind. Aber eine große weltweite Finanzkrise ist noch nicht ausgeschlossen. Ich hoffe aber, dass sich in einigen Jahren – ähnlich wie im Jahr 2000 nach dem Platzen der Internet-Blase – die Situation wieder normalisiert haben wird. Die Lage in Kontinentaleuropa ist dabei stabiler als in den angelsächsischen Ländern.

Sie errichten für Ihre Kunden ganze Stahlwerke rund um den Erdball. Sie haben im vergangenen Jahr inmitten der Stahlhausse Aufträge in Höhe von fünf Milliarden Euro hereinbekommen. Spüren Sie einen Rückgang bei der Kundennachfrage?

Zurzeit noch nicht wirklich. Es gibt aber erste Anzeichen. 90 Prozent unseres Umsatzes erwirtschaften wir im Ausland, vor allem in Russland, Indien und China. Nehmen wir die russischen Oligarchen, die als erfolgreiche Stahlunternehmer zu unseren Kunden zählen: Sie verfügen über einen hohen Cash-Flow und sind damit ausgesprochen kreditwürdig. Sie bekommen trotz der Investmentbankenkrise das Geld, welches sie für ihre Investitionen benötigen. Und was die hervorragende Stahlkonjunktur betrifft, sehe ich im Augenblick noch kein Ende, auch wenn vereinzelte Preissenkungen, wie sie von ArcelorMittal angekündigt wurden, bei vielen einen Weckruf ausgelöst haben.

Sie sind seit drei Monaten Präsident der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer und müssten doch einen intimeren Einblick haben: Es haben sehr viele Investoren Kapital aus Russland im großen Stil abgezogen. Eine russische Investmentbank ist notleidend geworden, und der Kreml hat massiv interveniert. Ist das nicht Zweckoptimismus, den Sie da predigen?

Nicht nur wegen der unsicheren Kapitalmärkte wird Geld abgezogen, sondern auch, weil die politische Situation in Russland teilweise als unsicher empfunden wird. Deshalb gehen die Geldströme in beachtlicher Größenordnung aus Russland heraus. Dann gibt es die zunehmenden politischen Spannungen zwischen Russland und den USA. Die Kritik der Amerikaner an den Russen und umgekehrt wird immer lauter und deutlicher. Da ist es in den Augen vieler Investoren sicherer, das Geld an anderer Stelle zu investieren. Dies trifft auch auf vermögende Russen zu, die ihr Kapital aus Russland abziehen.

Von wo und wohin?

Die ausländischen Investoren, von denen Sie sprechen, sind zu einem großen Teil auch russische Unternehmer, die wegen der günstigen Steuergesetzgebung auf Zypern oder in den Niederlanden ansässig sind. Sie investieren von dort aus in Russland.

Das hört sich immer noch rosig an. Will die Deutsch-Russische Auslandshandelskammer zurzeit etwas beruhigend wirken?

Wir leisten im Sinne beider Seiten solide Arbeit und sind bilateral tätig. Unserem Präsidialrat gehören zwölf deutsche und zwölf russische Unternehmer an. Zum ersten Mal wird dieser Präsidialrat im November tagen und die Situation weiter analysieren. Wir wollen unseren Beitrag dazu leisten, dass deutsche Unternehmen in Russland investieren und umgekehrt. Wir wollen dazu jede uns mögliche Hilfestellung gewähren und Kontakte in beide Länder hinein vermitteln.

Können Sie einer deutschen Firma zurzeit empfehlen, in Russland zu investieren?

Im Prinzip ja. Die russische Wirtschaft wächst weiter stark. Vor allem gibt es großen Bedarf am Aufbau der Infrastruktur, im Transportwesen und bei Investitionsgütern. Nicht nur Volkswagen baut in Russland ein Werk, auch deutsche Landmaschinenhersteller – die russische Landwirtschaft spielt eine bedeutende Rolle, ist aber technisch noch rückständig – errichten dort Niederlassungen. Denen müssen natürlich auch Zulieferer folgen, wenn sie im Geschäft bleiben wollen, und sich in der Nähe ansiedeln.

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