
So demontiert sich ein Unternehmen selbst. In der Zentrale in Hannover, aber auch in den 520 Büros draußen im Land, tauschen Mitarbeiter die Türschilder aus. Büromaterial vom Schreibblock bis zum Kuli wird demnächst eingelagert oder landet im Müll. Hauptsache, nirgendwo steht mehr „Ihr unabhängiger Finanzdienstleister“ drauf. Bis Ende September muss der Spruch im Geschäftsverkehr komplett verschwinden. So verlangt es das Landgericht Hannover. Von der Internet-Seite des Konzerns ist das Attribut „unabhängig“ bereits verschwunden.
Deutschlands zweitgrößter Finanzvermittler, der Allgemeine Wirtschaftsdienst, kurz: AWD, durchlebt gerade eine der schwierigsten Phasen seiner Geschichte. Nicht nur, dass die rund 4000-köpfige Vertretertruppe, die ihr Geld in Deutschland mit dem Verkauf von Versicherungen und Kapitalanlagen verdient, das viele Jahre alte umstrittene Markenzeichen aufgeben muss.
Auf AWD rollt Welle von Prozessen zu
Der Finanzdienstleister von der Leine wird in den kommenden Monaten auch von anderer Seite massiv in die Mangel genommen werden. Verärgerte ehemalige AWD-Vertreter und Anleger, die sich zu Initiativen zusammengeschlossen haben, planen eine Welle von Prozessen gegen den Finanzriesen – die einen wegen angeblicher Falschberatung durch AWD-Leute, die anderen wegen angeblich zu Unrecht einbehaltener Boni-Zahlungen durch die Konzernleitung.
Gleichzeitig holt der frühere AWD-General-Manager für den deutschen Vertrieb, Jörg Jacob, zum Schlag gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber aus. Der charismatische Verkaufsguru galt als Intimus, aber auch als Rivale von Carsten Maschmeyer, der den AWD 1988 gegründet hatte. „Am 1. Oktober steige ich als Hauptgesellschafter bei Formaxx ein“, kündigt Jacob gegenüber der WirtschaftsWoche an.
Der Finanzdienstleister in Hannover, nur gut zehn Autominuten von der AWD-Zentrale entfernt, hatte nach seiner Gründung im Herbst 2007 zahlreiche AWD-Manager abgeworben. Zudem wird das Unternehmen von ehemaligen Größen wichtiger AWD-Wettbewerber gelenkt. Im Vorstand sitzen Ralf Steinmeister, einst Manager beim Marktführer Deutsche Vermögensberatung AG (DVAG); Eugen Bucher, früherer Vorstand beim Branchendritten MLP; und Kai Lange, Schwager von AWD-Gründer Maschmeyer. Dem Vernehmen nach will Jacob einen zweistelligen Millionenbetrag in Formaxx investieren. Im Vorstand dürfte er das wichtige Vertriebsressort übernehmen. Die Personalie steht demnach auf der Tagesordnung des Aufsichts-rats, der am 8. September zusammenkommt.
Ruf bei Verbraucherschützern verbessert
Der Angriff von Maschmeyers Ex-Intimus Jacob, die drohende Prozesswelle und der Verlust der Werbebotschaft „unabhängig“ treffen den AWD in schwieriger Zeit. Der Wettbewerb um die wenigen Spargroschen der meisten Verbraucher wird immer brutaler. Wie die Konkurrenz, so bekommen auch die gut 4000 Versicherungs- und Geldanlage-Verkäufer des AWD in Deutschland die schwache Nachfrage durch die Finanzkrise und die seit 2008 verschärften Transparenzvorschriften in der Finanzbranche zu spüren. Nach einem zweistelligen prozentualen Schwund bei Umsatz und Ergebnis im Jahr 2008 musste der neue AWD-Vorstandschef Manfred Behrens im ersten Quartal 2009 ein operatives Minus von sechs Millionen Euro melden. Die Halbjahreszahlen lassen kaum Besserung erwarten. „Insgesamt geht die AWD-Gruppe von einem schwierigen Jahr 2009 aus“, heißt es im Quartalsbericht.
Dabei war der Ruf des Branchenzweiten in den vergangenen Jahren immer besser geworden. Die Kritik der Verbraucherschützer an dem pyramidenartigen Strukturvertrieb, in dem erfolgreiche Vermittler aufstiegen und die neuen Kollegen unter sich zum Verkauf von immer mehr Finanzprodukten antrieben, war abgeebbt.













