_

Firmenjäger: Unruhe bei Kraft Foods

von andreas.henry@wiwo.de (New York)

Ein gefürchteter Firmenjäger mischt Kraft Foods auf. Er hat einiges zu tun: Der zweitgrößte Nahrungsmittelkonzern der Welt steckt in der Krise.

Produkte von Kraft Foods,  AP
Produkte von Kraft Foods, Foto: AP
Anzeige

So hat sich das Irene Rosenfeld wohl nicht vorgestellt. Seit rund einem Jahr steht sie an der Spitze von Kraft Foods. Und seit diesem März ist der weltweit zweitgrößte Nahrungsmittelmulti wieder selbstständig und die wenig fruchtbare Verbindung zwischen Kraft und dem Marlboro-Zigarettenreich Vergangenheit. Jetzt könnte sie so richtig loslegen. Gäbe es da nicht jenen grauhaarigen älteren Herrn, dessen schwere Bariton-Stimme schon so manchen Vorstandschef wachgerüttelt hat: Nelson Peltz. Vor wenigen Wochen stieg der Milliardär bei Kraft ein und hält heute rund drei Prozent. Drei Prozent, das klingt nach wenig. Doch Peltz ist einer der gefürchteten Firmenjäger, die unterbewertete Unternehmen aufspüren und dann den Managern Beine machen – zuletzt beim Juwelier Tiffany’s, beim Ketchup-Produzenten Heinz, der Hamburger-Kette Wendy’s und beim Getränkekonzern Cadbury Schweppes. Mit seiner Minibeteiligung ist Peltz nun der größte Aktionär des Scheibletten-Imperiums. Peltz und Kraft Foods – das ist die derzeit wohl spannendste Konstellation in der weltweiten Nahrungsmittelbranche. Hier der stolpernde Riese aus Northfield bei Chicago, der mit Philadelphia-Käse, Jacobs Kaffee, Planters Erdnüssen und vielen anderen Marken insgesamt rund 34 Milliarden Dollar Umsatz macht. Auf der anderen Seite der Schul- und Studienabbrecher Peltz, der das Geschäft mit Lebensmitteln von der Pike auf lernte. Als junger Mann arbeitete er im Familienbetrieb, der New Yorker Restaurants belieferte. Heute ist er über seine beiden Firmen Triarc und den Hedgefonds Trian einer der gewieftesten Aktionärs-Aktivisten. Als Chef von Triarc verdiente er allein 2005 29 Millionen Dollar, seine beiden Residenzen in Palm Beach und in der Nähe von New York gehören zu den luxuriösesten in Amerika. Vor allem jedoch verkörpert Peltz einen neuen Schlag von Investor. Anders als sonst im Geschäft der Firmenjäger üblich, macht er nicht durch schnelle Sonderdividenden seinen Schnitt, sondern versucht vor allem die Marken der von ihm auserkorenen Unternehmen zu stärken. Da wird ihm Gespür nachgesagt. Er sei kein Harvard-Typ, sagt ein Weggefährte, er wisse, was die Massenkunden wirklich wollen. In seinem Vorgehen ähnelt Peltz Private-Equity-Fonds. Aber die übernehmen Firmen komplett, finanzieren das mit Krediten und bürden den Kaufobjekten die Schulden auf. Davon hält Peltz nichts. Er versucht über Minderheitsbeteiligungen Einfluss und Sitze im Verwaltungsrat zu erringen.

Test: Chinaessen. Süß-saure Gerichte kennen Sie. Doch wie steht es mit Ihrem weiteren Wissen über die Zutaten der chinesischen Küche?

Das tut er nun bei Kraft. Vielleicht dachte Rosenfeld, sie hätte etwas mehr Zeit, um Kraft frischer, innovativer und wachstumsstärker zu machen. 2009 wollte sie Vollzug melden, einen Drei-Jahres-Plan hatte sie intern vorgelegt. „Ich verstehe, warum Sie ungeduldig sind“, sagte sie vor Analysten, „ich kann Ihnen versichern, ich bin es auch.“ Jetzt sitzt ihr Peltz im Nacken. Schon kurz nach seinem Einstieg ließ sie ihren Worten Taten folgen. Für 5,3 Milliarden Euro kauft Kraft jetzt die Kekssparte von Danone mit Marken wie Tuc und LU. Ob das Peltz gefällt? Danone ist froh, die eher ertragsschwache Sparte los zu sein – und kündigte wenige Tage nach der Meldung über den Deal mit Kraft selbst eine Übernahme an: Die Franzosen kaufen den florierenden Babynahrungshersteller Numico mit der Marke Milupa. Kraft dagegen hat sich für viel Geld möglicherweise auch noch Ärger mit französischen Gewerkschaften eingehandelt, die Fabrikschließungen fürchten, dazu zweifelhafte Synergien und vor allem: noch mehr Kekse und Cracker. Prompt gab der Aktienkurs nach. Zuvor hatte es noch Spekulationen gegeben, Kraft könne selbst den großen Wurf wagen und Danone schlucken – oder freundlicher für die sensiblen Franzosen ausgedrückt, einen Zusammenschluss anstreben. Rosenfeld begründet den Kauf der Kekssparte damit, dass er Kraft Tore in Russland und Asien öffnet. Dabei ist die starke Konzentration von Kraft auf den kaum Wachstumschancen bietenden nordamerikanischen Markt nur eines von vielen Problemen. Im Sammelsurium der Marken ist zu viel Mittelmaß, die Margen schrumpften zuletzt teils dramatisch, tiefe Einschnitte bei den Kosten forderten teilweise Tribut bei der Produktqualität. Kraft hat dem sich ändernden Konsumentengeschmack nicht immer folgen können und bei kalorienärmeren, fettfreien, gesünderen Produkten den Anschluss verpasst. Während sich Konsumgüterproduzenten wie Procter & Gamble neu erfanden, sieht die Liste der Innovationen von Kraft mager aus. Marktanteilsverluste und Gewinnschwäche lassen den Aktienkurs etwa auf dem Niveau von vor fünf Jahren dümpeln. Der Kurs von Nestlé stieg im selben Zeitraum um rund 30 Prozent.

weitere Fotostrecken

Blogs

SNCF: Neidisch auf die Deutsche Bahn
SNCF: Neidisch auf die Deutsche Bahn

Es ist kaum ein Jahr her, als sich Rüdiger Grube und Guillaume Pepy gegenseitig vorwarfen, den Wettbewerb im jeweils...