
DüsseldorfHenning Schulte-Noelle ist auf Vortragstour durch die Republik. Der sonst so verschwiegene Allianz-Chefaufseher hält eine bemerkenswerte Rede zur Lage der Corporate Governance. Beifall ist ihm sicher. Schulte-Noelle geißelt die gesetzliche Zwangspause beim Wechsel in den Aufsichtsrat, das Cooling-off, als „misstrauische Voreingenommenheit“ der Politik. Der Allianz-Vorstandsvorsitzende war 2003 direkt in den Chefsessel des Aufsichtsrats gewechselt. Das ist heute verboten.
Doch die zweijährige Auszeit vor dem Einzug in den Aufsichtsrat des eigenen Unternehmens hat nicht nur Gegner. Henning Kagermann etwa hält Distanz zum eigenen Unternehmen durchaus für sinnvoll. Der Ex-Chef des Softwarekonzerns SAP räumt mit sympathischer Offenheit ein: „Da hängt bei mir zu viel Herzblut dran. Das kann ich nicht von einem auf den anderen Tag abstreifen.“
Kagermann ist kein Aufsichtsrat der SAP, Jürgen Hambrecht nicht bei seinem Ex-Arbeitgeber BASF. Trotzdem zählen beide zu den führenden Räten dieser Republik. Auch Paul Achleitner (Allianz) zählt zu der neuen Garde. Die braucht keine Posten bei ihren Unternehmen, um eine Karriere als Firmenkontrolleur zu starten.
Noch wird die Rangliste der mächtigsten Räte von Männern der alten Schule angeführt. Sowohl Gerhard Cromme als auch Clemens Börsig und Manfred Schneider sind Ex-Vorstände der Unternehmen, die sie heute unter anderem selbst kontrollieren. Sie wechselten zwar vor dem gesetzlichen Verbot, umstritten war das aber schon damals. Kritiker fürchten, dass zum Beispiel strategische Fehler von neuen Vorständen nicht korrigiert werden können, weil der „Alte“ ihnen als Aufsichtsrat auf die Finger sieht.
Die alte und die neue Aufseher-Generation unterscheidet noch etwas anderes. Mandate sind nicht ihr Leben. Kagermann und Hambrecht beispielsweise zeichnen sich durch hohes gesellschaftliches Engagement aus. Der Ex-SAP-Chef ist Acatech-Präsident und damit Regierungsbeauftragter für Technologie. Hambrecht ist mit großer Engagement für die Wissensfabrik unterwegs, einem bundesweiten Unternehmerverbund zur Förderung von Technik und Naturwissenschaft in den Schulen. Für Kagermann gibt es keine Alternative: „Wichtig für einen Aufsichtsrat ist es, auch andere Bereiche der Gesellschaft gesehen zu haben.“
Ganz in ihrem Beruf gehen Männer wie Manfred Schneider auf. Der ehemalige Bayer-Chef hält den Rekord mit drei Aufsichtsratsvorsitzen bei Bayer, Linde und RWE. Am gestrigen Mittwoch ist er 74 Jahre alt geworden. Kein Tag, um mit Gästen und Gratulanten seinen Rückzug zu diskutieren. Es ist aber sicher der Zeitpunkt für einen der mächtigsten Konzernkontrolleure der Republik, über den Generationswechsel nachzudenken.
Gibt es genug geeignete Kandidaten?
Wenn Schneider abtritt, kommt kräftig Bewegung in die Spitzengruppe der einflussreichsten Konzernaufseher. Und es zeichnet sich ab, dass Achleitner und Werner Wenning zu den Profiteuren zählen. Achleitner gilt als Favorit Schneiders für seine Nachfolge bei RWE.
Ex-Bayer-Chef Werner Wenning, Eon-Aufsichtsratschef und Mitglied des Aufsichtsrats der Deutschen Bank, dürfte bald zu seinem alten Arbeitgeber zurückkehren. Im Herbst 2012 ist seine Cooling-off-Periode abgelaufen, Wenning könnte dann zwei Jahre nach seinem Abschied aus dem Vorstand in den Bayer-Kontrollrat einziehen und von Schneider den Vorsitz übernehmen.
Doch Schneider und die anderen Aufsichtsratsvorsitzenden treibt nicht allein die Frage um, wer ihr eigener Nachfolger werden könnte. Genauso schwer lastet die Frauenfrage auf den meist männlichen Aufsehern.
Die Regierung macht Druck, mehr weibliche Aufsichtsrätinnen zu installieren, und droht mit einer gesetzlichen Quote. Der Rückstand ist enorm. Von 255 Dax-Kontrolleuren der Kapitalseite sind keine zehn Prozent weiblich.
Deshalb haben sich die Flaggschiffe der Industrie, die Dax-Konzerne, auch verpflichtet, mehr weibliche Räte zu nominieren. Allein Ann-Kristin Achleitner, Wissenschaftlerin an der Uni München und Ehefrau Paul Achleitners, bekam in diesem Jahr mit Linde und Metro zwei Dax-Posten angetragen.
Der Männerclub deutscher Aufsichtsräte tut sich zwar schwer damit, Frauen in seine Reihen aufzunehmen. Die große Frage lautet aber: Gibt es überhaupt genug geeignete Kandidatinnen?
Weit weniger spektakulär, dafür aber rechtlich viel brisanter ist der akute Mangel an Finanzexperten. Jeder Aufsichtsrat muss laut Aktiengesetz einen solchen Fachmann vorweisen, vor allem als Leiter des wichtigen Prüfungsausschusses. Der nimmt die vom Vorstand vorgelegten Bilanzen unter die Lupe.
Die Finanzkrise hat hinreichend bewiesen, dass Aufsichtsräte oft wenig vom Zahlenzauber der Vorstände verstehen und damit versteckte Risiken nicht erkennen. Jetzt droht verschärft Schadensersatz, falls wieder einmal etwas schiefgeht und unter den Räten kein ausgewiesener Finanzexperte zu finden ist.
Ob Frauenquote oder Finanzexperte – die klassische Ausrede lautet: Aufsichtsräte können nicht einfach ausgetauscht werden. Arno Mahlert, Aufsichtsratschef beim Konsumforscher GfK, sieht das ganz anders. „Die Verlängerung von Aufsichtsmandaten sollte nicht die Regel sein“, schlägt der ehemalige Tchibo-Chef vor. Im Klartext: Mandate sollten automatisch auslaufen, statt aus alter Freundschaft ewig verlängert zu werden.













