
Die Varieteeshow spielt das Stück „April April“, das Tapetenmuseum lädt zum Besuch ein und die „Deutsche Märchenstraße“ lockt mit einer romantischen Karte die Touristen. Aber Kassel will mehr sein als eine Stadt in Nordhessen, eingerahmt von sanften Bergen zwischen Göttingen und Frankfurt. Als „die Mitte Deutschlands, ja Europas“ versteht sich die Stadt. Und dafür braucht sie einen großen Flughafen. Mit einer 2,5 Kilometer langen Piste. Ab 2010 sollen die ersten Jets Touristen nach Richtung Mallorca oder Ibiza fliegen und Geschäftsleute nach London, Paris oder Moskau. 150 Millionen Euro soll der neue Regionalflughafen nahe dem Flecken Calden, 15 Kilometer nordwestlich des Stadtzentrums, kosten. 108 Millionen Euro davon zahlt das Land Hessen. Den Rest teilen sich die Stadt und zwei Gemeinden. Das Planfeststellungsverfahren läuft. Bis Ende des Jahres soll es abgeschlossen sein. Schon jetzt gibt es in Calden einen kleine Verkehrsflugplatz mit einer anderthalb Kilometer langen Startbahn. Die aber ist für typische 160-sitzigen Flugzeuge zu kurz und sie endet sie auch noch an einen natürlichen Hindernis: Der Dörnberg liegt so nah, dass viele Flugzeuge nur mit halber Passagierzahl oder halbleerem Tank an den Start gehen, um mit geringer Last schneller abzuheben. Die Kasseler Kommunalpolitiker waren sich schnell einig: ein neuer Flughafen muss her. Dass anderthalb Zugstunden nordwestlich der nordrhein-westfälische Regionalflughafen Paderborn-Lippstadt liegt, unter dessen 1,3 Millionen Fluggäste viele Kasseler sind, stört die nordhessischen Politiker wenig. Auch nicht die Sogwirkung des Frankfurter Rhein-Main-Airports, der – ebenfalls nur anderthalb Stunden von Kassel entfernt – jährlich gut 52 Millionen Fluggäste abheben lässt. Der neue Flughafen Kassel-Calden soll dereinst mindestens 560.000 Passagiere durchschleusen. Damit ist sein Schicksal als Millionengrab ist besiegelt. „Mit so wenig Passagieren kann kein Flughafen schwarze Zahlen schreiben“, sagt Fritz Henze, Geschäftsführer des Konkurrenzflughafens Paderborn/Lippstadt. Die Nordhessen sind nicht die einzigen mit großen Luftfahrtambitionen. Fast alle der rund 80 deutschen Landeplätze für Motorflugzeuge von der kleinen Privatmaschine bis zum Jumbo haben zumindest Pläne, neue Pisten oder Terminals zu bauen oder zu erweitern. Diese Wirtschaftsförderung per Flughafenbau belastet nicht nur die Steuerzahler, sondern auch die zukunftsfähigen Flughäfen wie Frankfurt und München. „Deutschland hat längst genug Flughäfen“, sagt Jürgen Ringbeck, Luftfahrtexperte der Unternehmensberatung Booz Allen Hamilton. „In einigen Regionen gibt es auf absehbare Zeit ein Überangebot.“
Mehr Infos über neue Automodelle und Bildergalerien finden Sie im Auto-Spezial.
Gebaut wird überall, Kräne und Bagger stehen nicht nur an chronisch überlasteten Flughäfen wie Frankfurt, sondern auch an unterbeschäftigten wie Altenburg-Nobitz im östlichsten Thüringen – da soll die Landebahn für zwei Millionen Euro saniert werden, obwohl pro Tag lediglich einmal der Billigflieger Ryanair landet. Alle Ausbauten zusammen soll bis zu einer Milliarde Euro kosten. Geld, das wohl auf nimmer Wiedersehen in den Wiesen und Äckern vergraben wird.













