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Forschung: Biotechnologie: Enorme Verspätung

von JÜRGEN REES

In den USA hat sich die Biotech-Branche längst etabliert. In Deutschland hat nach einer langen Durststrecke die Aufholjagd begonnen.

Bullauge zum Genlabor.  Arne Weychardt für die WirtschaftsWoche
Bullauge zum Genlabor

Endlich hat Peter Heinrich wieder einen Grund zum Lachen. Der Chef des Münchner Biotech-Unternehmens Medigene erhielt vergangene Woche die deutsche Zulassung für ein neues Mittel gegen Prostatakrebs. Damit bringt die börsennotierte Medigene als erste deutsche Biotechnikfirma ein Medikament auf den Markt. 100 Millionen Euro will Heinrich damit jährlich umsetzen, Einnahmen, auf die er dringend angewiesen ist. Im September erst musste er die Weiterentwicklung eines Medikaments gegen Gehirntumore stoppen, weil das Geld knapp wurde. Im gleichen Monat verließ ihn frustriert seine Forschungsleiterin. Analysten sahen damals „die Zukunft von Medigene in keinem besonders rosigen Licht“, gesteht Heinrich. 

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Die deutsche Biotech-Branche braucht dringend Erfolge, um neben der erfolgreichen amerikanischen Konkurrenz nicht zu verblassen. Die dortige Biotech-Branche freut sich über ein gesundes Wachstum, die Aktienkurse steigen kräftig. Die vergleichsweise junge deutsche Szene hat große Schwierigkeiten, sich gegenüber den amerikanischen Unternehmen zu behaupten, die mit ihren Produkten bereits Milliardenumsätze machen. 

jetzt sehen Fachleute zarte Anzeichen für eine Erholung auch der deutschen Branche. Außer Medigene hat der Darmstädter Pharmakonzern Merck die Zulassung für ein Krebsmedikament erhalten, allerdings nur in der Schweiz. Dort können Ärzte Erbitux jetzt gegen Darmkrebs einsetzen. Erbitux ist ein so genannter monoklonaler Antikörper, der Rezeptoren blockiert, die an der Oberfläche von Krebszellen eine entscheidende Rolle bei deren Wachstum und Vermehrung spielen. „Das markiert einen Meilenstein im Kampf gegen den Krebs“, so Bernhard Scheuble, Vorsitzender der Merck-Geschäftsleitung. Allein in Westeuropa erkranken jährlich 200.000 Menschen an Darmkrebs. Das neue Medikament verlängert das Leben, weil es die Ausbreitung der Tumore behindert. 

Die guten Nachrichten passen hervorragend zu dem Stimmungswandel, den der Krebskongress der American Society of Clinical Onkology in Chicago im Juni ausgelöst hat. Dort präsentierte beispielsweise der amerikanische Biotech-Gigant Genentech, eine Tochter des Schweizer Konzerns Roche, große Behandlungserfolge mit seinem neuartigen Medikament Avastin. Es verhindert die Bildung neuer Blutgefäße, sodass der Tumor praktisch ausgehungert wird. Die guten Ergebnisse aus klinischen Versuchen der Phase III überzeugten auch kritische Geister. Die Zulassung ist beantragt. Spitzenumsätze von mehr als 500 Millionen Dollar winken. 

Die Biotechnik wird immer wichtiger, die mit ihrer Hilfe produzierten Medikamente immer umsatzstärker. Nach jüngsten Schätzungen erzielt in diesem Jahr erstmals kein klassisch hergestelltes Präparat den höchsten Umsatz, sondern ein mit moderner Biotechnik gewonnener Wirkstoff: Erythropoetin, kurz Epo, das zur Behandlung von Blutarmut eingesetzt wird und das leider durch zahlreiche Dopingskandale bei Sportlern eine zweifelhafte Berühmtheit erlangte. 



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