
Zwei Tage lang ging Anfang Dezember im Aldi-Lager im burgundischen Beaune fast nichts mehr. Wo sonst die Reifen von Gabelstaplern quietschen, Hubwagen rattern und Paletten donnernd in Lkws verfrachtet werden, herrschte gespenstische Stille. 50 der 60 Beschäftigten des Lagers, das zum Aldi-Nord-Imperium gehört, streikten. Sie forderten höhere Löhne, aber auch bessere Arbeitsbedingungen. Eine für Aldi neue Erfahrung, schließlich steht Aldi – anders als Konkurrent Lidl – sonst nicht ganz oben auf der Hassliste der Gewerkschaften.
Angélique Moine, Mitglied der Gewerkschaft CGT, die in Beaune mit ihren Kollegen Wein, Käse, Haartrockner und Mikrowellen für insgesamt 61 Märkte herrichtet, klagt dennoch über Löhne, „die seit zehn Jahren kaum gestiegen sind“. Der interne Druck habe „enorm zugenommen“, und Überstunden würden teilweise nicht bezahlt. Die Arbeitszeiten seien extrem unregelmäßig. „Wir erfahren manchmal erst am Vortag, wann wir anzutreten haben“, sagt die 30-Jährige. Ein Kollege beklagt, er müsse bisweilen schon um vier Uhr früh antreten und bis weit in den Nachmittag arbeiten. Dafür erhalte er kaum mehr als den gesetzlichen Mindestlohn. Cyril Gallant, Chef des Lagers, bestreitet die Vorwürfe seiner Mitarbeiter und weist darauf hin, dass 13 Monatsgehälter sowie zusätzliche Prämien gezahlt würden.
Moine und ihre Mitstreiter hielten ihre Blockade auch nachts aufrecht, doch inzwischen haben sie die Arbeit wieder aufgenommen. Im Januar stehen Gehaltsverhandlungen mit der Geschäftsführung an.
Doch der Ausstand in Beaune war gerade beendet, da traten in der Vorweihnachtswoche die Mitarbeiter des Auslieferungszentrums von Ennery bei Metz in Streik. Viele Märkte in der ostfranzösischen Region wurden nicht mehr beliefert. Viele Kunden standen vor leer geräumten Regalen.
Oft stehen Discounter in Frankreich am Pranger. Gewerkschaftsvertreter Jean-Pierre Sorrento von der den Kommunisten nahestehenden CGT klagt etwa über „Personal, das unter Druck gesetzt wird, systematische Videoüberwachung, miserable Gehälter“. Im Zentrum der Kritik steht Lidl, Discount-Marktführer in Frankreich – auch wenn Sorrento Aldi für „nicht viel besser als die Konkurrenten“ hält. Am 10. Dezember organisierte die CGT zusammen mit der deutschen Gewerkschaft Verdi auf der Rheinbrücke zwischen Straßburg und Kehl eine gemeinsame Demonstration gegen die geplanten Öffnungen der Lidl-Filialen auch an Sonntagen.
Wie Lidl ist auch Aldi Nord seit 1988 in Frankreich präsent. Mit 2,8 Milliarden Euro Umsatz liegt Aldi aber deutlich hinter Lidl, Leader Price (Casino) und Ed (Carrefour) nur auf Platz vier. Bei der Zahl der Filialen schafft es Aldi immerhin auf Platz drei. Im Vergleich zu Deutschland sind die Aldi-Geschäfte in Frankreich meist deutlich kleiner und haben ein schmaleres Angebot.
Generell ist der Marktanteil der Billiganbieter, die auf etwa 14 Prozent des Gesamtmarktes kommen, erheblich geringer als in Deutschland, weil ein dicht gestricktes Netz von regulativen Hürden und Beschränkungen eine raschere Ausbreitung verhindert, wie es in einem Bericht heißt, den der Chef des alternativen Stromversorgers Poweo, Charles Beigbeder, dieser Tage dem Staatssekretär für Tourismus und Konsum, Luc Chatel, vorgelegt hat. Beigbeder plädiert für eine Abschaffung von Gesetzen, die die Öffnung neuer Läden einschränken, und für eine Lockerung der Ladenschlussgesetzgebung am Sonntag. Wenn die Franzosen mehr bei Lidl und Aldi einkaufen würden, dann hätten sie auch mehr Geld zur Verfügung, findet er. Die Stärkung der Kaufkraft gehört zu den wichtigsten Anliegen von Präsident Nicolas Sarkozy. Es gebe keinen Grund, warum nicht auch das Gourmet-Volk der Franzosen mehr bei Lidl und Aldi einkaufe. Die Qualität sei nicht schlechter, und nichts spreche dagegen, Kleider bei Chanel und Lebensmittel bei Aldi zu kaufen, findet Beigbeder.
In der Debatte über die Rechte der Beschäftigten und die Interessen der Verbraucher neigt sich das Pendel in Frankreich allmählich zugunsten der Discounter. Aldis Spiel auf Zeit könnte sich so auf lange Sicht auszahlen.













