Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus: "Es gibt keine Gefälligkeiten"

Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus: "Es gibt keine Gefälligkeiten"

von Jürgen Salz

Im Interview berichtet Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus über seine Kooperationen mit deutschen Konzernen. Außerdem erklärt er, warum das Ende der Armut bevorstehen könnte.

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Muhammad Yunus

wiwo.de: Herr Professor Yunus, Sie haben gemeinsam mit Danone, Adidas, Otto und BASF soziale Unternehmen gegründet. Mit wem kooperieren Sie als nächstes?

Yunus: Volkswagen ist interessiert, ein soziales Unternehmen aufzubauen. Aber noch ist nicht klar, was daraus wird.

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Was bezwecken Sie damit, wollen Sie ein Billig-Auto für Bangladesch produzieren?

Es muss ja nicht direkt mit Autos zu tun haben. Zum Beispiel könnten wir gemeinsam ein Trainingscenter für junge Leute aufbauen, um sie zu Autoingenieuren auszubilden. Oder wir steigen ins Geschäft mit Batterien für Elektroautos ein, um die Luftverschmutzung zu bekämpfen. Möglicherweise stellen wir aber auch gemeinsam bestimmte Teile für Autos her. Das sind alles Ideen.

Wie weit sind Ihre Bemühungen gediehen, in Bangladesch gemeinsam mit Adidas Billigschuhe, mit BASF Moskitonetze und mit dem Versandkonzern Otto Textilien zu produzieren?

Wir wollen gemeinsam mit Adidas Schuhe herstellen, weil in Bangladesch viele Menschen barfuß laufen und sich dabei gefährliche Krankheiten zuziehen. Eine erste Testphase, während der 5000 Paar verkauft wurden, ist bereits gelaufen. Adidas wird die Ergebnisse nun auswerten. Wir hoffen, das wir in diesem Jahr mit der Massenproduktion für Bangladesch beginnen. Die Fabrik für Moskitonetze mit BASF bauen wir gerade auf. Im März oder April werden wir am Markt sein. Und zusammen mit Otto werden wir hoffentlich auch dieses Jahr die Produktion starten.

Unterstützt Sie die Regierung von Bangladesch, etwa indem sie BASF, Adidas oder Otto Steuererleichterungen gewährt?

Nein, die müssen ganz normal Steuern und Zölle bezahlen. Es gibt keine Gefälligkeiten. Es war schon schwierig, die benötigten Insektizide für die Moskitonetze, die wir gemeinsam mit BASF herstellen, ins Land zu bekommen.

Eigentlich wollten Sie mit BASF auch Vitamine herstellen, die es in Portionsbeuteln zu kaufen geben sollte, um die Mangelernährung in Bangladesch zu bekämpfen. Warum ist daraus bisher nichts geworden?

Die Vitaminbeutel fallen bei uns unter das Arzneimittelgesetz und entsprechend lange dauern die Genehmigungsverfahren. Das wird noch dauern. Wir konzentrieren uns jetzt auf die Moskitonetze.

Wie sehr nervt Sie die Bürokratie?

Oft vergehen Monate, ohne dass eine Entscheidung fällt. Und wir sitzen da und können nichts tun. Wir müssen dahin kommen, dass die Bürokratie schneller arbeitet.

Was bringt der Versuch, solche Unternehmen aufzubauen, wenn gleichzeitig Korruption, Naturkatastrophen und schlechte Politik alles zunichte zu machen drohen?

Soziale Unternehmen leisten einen wichtigen Beitrag bei der Bekämpfung der Armut. Unsere Gemeinschaftsunternehmen mit BASF und Adidas dürfen zum Beispiel Gewinne erwirtschaften, sie aber nicht an die Eigentümer. Das Geld bleibt in den Betrieben und soll so helfen, die Lebensbedingungen der Menschen zu verbessern.

Deutlich mehr als eine Milliarde Menschen müssen immer noch von weniger als 1,25 Dollar am Tag leben. Glauben Sie wirklich an das Ende der Armut?

Ich kann mir eine Welt ohne Armut vorstellen. Die Zahl der Menschen, die von weniger als 1,25 Dollar am Tag leben müssen, ist zwischen 1990 und 2005 von 1,8 auf 1,4 Milliarden zurückgegangen; zuletzt im Zuge der Finanzkrise aber wieder etwas angestiegen. Allein in China sind in den vergangenen Jahren Millionen Menschen aus Armut befreit worden. Wenn China das schafft, kann Bangladesch das auch schaffen.

Und wann wird es soweit sein?

Das Land ist auf dem besten Wege, eine Halbierung der Zahl der Menschen, die in Armut leben, bis 2015 zu erreichen. Im Jahr 2030 kann ich mir vorstellen, das es in meinem Land keine Armut mehr geben wird. Wer dann etwas über Armut erfahren will, muss ins Museum gehen.

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