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Fritz Vahrenholt im Interview: "Städte ohne Strom"

von Dieter Dürand

Der RWE-Vorstand für erneuerbare Energien warnt vor einem Stromkollaps und der Vertreibung der Industrie aus Deutschland durch die hastige Grünstrom-Wende.

Fritz Vahrenholt Quelle: dpa
Fritz Vahrenholt Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Herr Vahrenholt, auf einmal wollen alle Parteien die schnelle Energiewende. Da muss Ihnen als Chef der RWE-Grünstromsparte doch das Herz aufgehen?

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Vahrenholt: Nicht ganz. Ich befürchte vielmehr, dass die Pläne die Möglichkeiten der Erneuerbaren bei Weitem übersteigen. Da werden jetzt riesige, unerfüllbare Erwartungen geweckt, und am Ende könnte sich die Enttäuschung massiv gegen die Erneuerbaren wenden.

Trauen Sie Wind, Sonne und Biomasse so wenig zu?

Sie sind die Zukunft, und ich will sie ausbauen. Aber das braucht Zeit. Heute sind sie noch nicht konkurrenzfähig zu konventionellen Energien. Wind ist doppelt, Fotovoltaik mindestens fünf Mal so teuer. Die Zeche für einen übereilten Ausbau zahlen letztlich Bürger und Industrie.

Aber die grünen Techniken werden doch ständig billiger.

Ich kenne das Kostensenkungspotenzial der Erneuerbaren sehr gut. Daher kann ich mir vorstellen, dass an Land produzierter Windstrom von heute sieben bis neun auf fünf bis sieben Cent je Kilowattstunde herunterkommt und Wind vom Meer eines Tages 10 statt 15 Cent kostet. Aber das wird schwierig genug und kann noch Jahre dauern.

Hersteller wie Siemens stellen für Strom vom Meer Erzeugungskosten von rund 4,5 Cent in Aussicht.

Als Einkäufer von Windturbinen überrascht mich das. In den Verhandlungen mit den Anlagenbauern habe ich solche Prognosen nicht gehört. Ich halte sie auch, zumindest unter den Windverhältnissen in Nord- und Ostsee, für fraglich. Wir werden in unseren neuesten Windparks vor der britischen Küste – übrigens mit modernster Technik von Siemens – auf Produktionskosten von so eben 15 Cent je Kilowattstunde kommen.

Zumindest die Bürger scheinen bereit zu sein, etwas mehr zu zahlen, wenn sie dadurch die Klimarisiken der Kohle und die Strahlungsgefahr der Atomenergie vermeiden können.

Dabei wird leider immer vergessen, dass zwei Drittel des Stroms Industrie und Gewerbe abnehmen. Jeder Cent, den sie mehr zahlen müssen, schmälert ihre Wettbewerbsfähigkeit.

Können Sie die Kostensteigerungen nicht über mehr Energieeffizienz auffangen?

Das ist ein wichtiger Weg. Dem sind aber in den Prozessen der Grundstoffindustrie Grenzen gesetzt. Es kann ja am Ende nicht so sein, dass wir 30 Prozent weniger Elektrizität verbrauchen, weil Kupfer-, Aluminium- und Siliziumproduzenten ebenso wie Teile der chemischen Industrie und des Maschinenbaus in Deutschland nicht mehr existieren können. Schießen die Strompreise in die Höhe, können wir hier übrigens auch keine Getriebe und Rotoren für Windanlagen mehr herstellen.

Jetzt malen Sie ein Horrorgemälde.

Jetzt schon führt das Moratorium mit der Stilllegung von sieben Kernkraftwerken dazu, dass Bayern nicht mehr sicher mit Strom aus Deutschland zu versorgen ist. Die Börsenpreise für Strom haben einen Sprung von 10 bis 20 Prozent gemacht. Wenn jetzt überlegt wird, auch die restlichen zehn Kernkraftwerke in kurzer Zeit vom Netz zu nehmen, würde ich mir als internationaler Investor genau überlegen, ob ich einen energieintensiven Betrieb noch in Deutschland ansiedle.

Der Süden Deutschlands soll künftig verstärkt mit Windstrom von den Küsten versorgt werden.

Bisher ist aber noch fast kein Kilometer Leitung gebaut worden, um ihn dorthin zu transportieren. Wenn da nicht schleunigst etwas passiert und wir dennoch sofort aus der Kernkraft aussteigen, dann müssen in Bayern Industriebetriebe wegen Strommangels zeitweise abgeschaltet werden, mitunter sogar ganze Städte. Die Wahrheit muss man den Menschen sagen.

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12 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 26.04.2011, 13:54 UhrAnonymer Benutzer: nicolo

    @mathias

    "Eine schöne Rechnung haben Sie da aufgemacht."

    Nö, ich nicht, sondern das ifeu (institut für Energie- und Umweltforschung, Heidelberg, Anm. des Verf.)! Zum gleichen Ergebnis kam übrigens u.a. auch das arrhenius institut für Energie- und Klimapolitik, Hamburg, für das geplante Kohlekraftwerk in Mainz.

    "Lassen Sie das doch mal einen betriebswirt rational durchrechnen."

    Schon geschehen. Offensichtlich gehören Sie zu der Spezies der (leider weitverbreiteten) Schlaumeier, die eine Studie kritisieren, die Sie nicht gelesen haben! im Falle des Steinkohlekraftwerks in Mainz war keine bank bereit, eine Projektfinanzierung bereitzustellen.

    "im übrigen haben Sie "übersehen", dass die Einspeisevergütung kein Festpreis ist, sondern ein Garantiepreis."

    Nö. Aber Sie haben "übersehen", dass ich beim Steinkohlekraftwerk von "Kosten" geredet habe, und nicht von "Preisen". im "Garantiepreis" (so weit richtig) ist der unternehmerische Gewinn bereits enthalten, bei der Kostenbetrachtung für das Steinkohlekraftwerk nicht! Da Windkraftanlagen immer niederigere Grenzkosten haben werden als ein Steinkohlekraftwerk, werden sie diese auch immer aus der Merit-Order des Stromangebots verdrängen!

    Vielleicht sollten Sie doch mal die Analysen lesen (finden Sie leicht im internet)? Sozusagen als verspätete Ostereiersuche.

  • 22.04.2011, 14:27 UhrAnonymer Benutzer: mathias

    @nicolo:
    Auch mal wieder aktiv? Eine schöne Rechnung haben Sie da aufgemacht. Aber es gilt auch hier: Shit in ---> Shit out. Köstlich, wie Sie mit der CO2-Preisschraube arbeiten. Das zeigt den Rechenkünstler, der bei seinen berechnungen vom Wunschergebnis ausgeht. Lassen Sie das doch mal einen betriebswirt rational durchrechnen. Der versteht wirklich was davon. im übrigen haben Sie "übersehen", dass die Einspeisevergütung kein Festpreis ist, sondern ein Garantiepreis. Sollte dieser Preis in den nächsten 20 Jahren überschritten werden, dann wird selbstverständlich der höhere Marktpreis vergütet. Viel Spass noch beim österlichen Windeier suchen!

  • 21.04.2011, 20:17 UhrAnonymer Benutzer: nicolo

    Eigentlich könnte man fast jeden Satz kommentieren. ich beschränke mich mal auf das beliebte Kostenargument.

    Hr. Vahrenholt vergleicht mal wieder Äpfel mit birnen. Selbstverständlich sind abgeschriebene Kohle- oder Atomkraftwerke bei der Stromerzeugung kostengünstiger als z.b. neue Windräder. Aber gilt das auch umgekehrt? Wohl kaum! Wie schaut diese Rechnung aus, wenn c.p. Neuinvestitionen verglichen werden? Eine Analyse von 2007 des ifeu für das Kohlekraftwerk in Moorburg zeigt, das bei einer nur mittleren Auslastung von 4.000 Volllaststunden und einer Amortisationszeit von 20 Jahren ein wirtschaftlicher betrieb erst ab einem Strompreis von ca. 8 Cent / kWh gegeben wäre. Vorausgesetzt, die Preise für Steinkohle (90 €/t) und CO² (15 €/t) blieben auf dem heutigen Niveau, wovon man auf Sicht von 20 Jahren nicht unbedingt ausgehen sollte! bei einem Anstieg des CO²-Preises auf 45 €/t würden c.p. die Stromgestehungskosten von 10 Cent/ kWh bereits überschritten werden. Aufgrund der nicht vorhandenen Wirtschaftlichkeit wurden deshalb auch mehrere geplante Steinkohlekraftwerke "eingestampft". Die bürgerproteste spielten in diesem Zusammenhang eher eine untergeordnete Rolle.

    Eine ähnlich schlechte Wirtschaftlichkeit könnte man aufgrund der mehr als dreimal so hohen Kapitalkosten für den EPR aufmachen (im Vergleich zum KKW Moorburg). interessanterweise verfügt ein neues GuD-Kraftwerk zu den heutigen bedingungen fast über den gesamten Lastbereich über die niedrigsten Stromgestehungskosten
    aller Kraftwerke!

    Man sieht, die Windenergie liegt mit ihren über 20 Jahre fixen Vergütungspreisen von aktuell 9,5 Cent/ kWh auch im Vergleich mit anderen Kraftwerken nicht so ganz schlecht.

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