Fußball-WM: Nationalmannschaft als D-Mark-Ersatz

Fußball-WM: Nationalmannschaft als D-Mark-Ersatz

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Medienwissenschaftler Norbert Bolz

von Christopher Schwarz

Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz über die guten neuen Deutschen, die Renaissance des Life-Events und die Faszination Fußball.

Herr Professor Bolz, die deutsche Mannschaft steht im Achtelfinale, Teil II des Sommermärchens kann weitergehen – haben Sie auch schon schwarzrotgoldene Fähnchen an Ihrem Auto angebracht?

Meine Frau hat sie montiert – auf ultimative Anweisung unserer Kinder.

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Schwarzrotgold ist offenbar die Lieblingsfarbe der Saison – weil es neuerdings ein wachsendes Bedürfnis nach einem ausgelebten Patriotismus gibt?

Das glaube ich nicht, die meisten Leute hätten auch schon früher gern gezeigt, dass sie sich mit dem Land identifizieren, dass sie stolz sind, Deutsche zu sein. Aber das galt als inopportun. Inzwischen hat sich das lang herrschende Tabu über diese Symbole gelockert. Spektakulär bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland.

Man kann sich wieder auf entspannte Art mit dem eigenen Land identifizieren?

So ist es. Ohne dieses Loyalitätsgefühl könnte überhaupt keine Nation existieren. Die Deutschen holen da nur nach, was andere Länder vorgelebt haben. Hinzukommt, dass es ein tief eingewurzeltes, wachsendes Bedürfnis nach Heldenverehrung gibt. Die Menschen wollen bewundern. Je weniger Helden es in der politischen Wirklichkeit und im Berufsalltag gibt, desto größer der Wunsch nach heroischen Gefühlen – desto wichtiger die Ersatzschauplätze des Fußballs, diese Paradiese des Wesentlichen.

Ist das deutsche WM-Team der kleinste gemeinsame nationale Nenner geworden? 

Ja, sie ist sozusagen an die Stelle der D-Mark getreten. Und so lange die deutsche Mannschaft wenigstens die Illusion aufrechterhält, „oben“ mitspielen zu können, so dass man sich bei einem gehörigen Maß an Selbsttäuschung sogar den WM-Titel vorstellt, so lange funktioniert das auch ganz gut.

Nach den Spielen der deutschen Mannschaft erleben wir in den Innenstädten regelmäßig Autokorsos und Jubelgesänge. Was hat es auf sich mit diesen Masseneuphorien?

Da bilden sich Festgemeinschaften. Dass die Freude am Fest das bestimmende Element dieser Partys ist, sieht man schon daran, dass unendlich viele Menschen teilnehmen, die von Fußball gar keine Ahnung haben.

Und wie erklären Sie sich die Beliebtheit des Public-Viewing, des öffentlichen Fernsehens vor riesigen Leinwänden?

Das ist eine Art Ersatz für das Stadionerlebnis. Je mehr wir in eine Welt der virtuellen Kommunikationsströme hineinsteuern, umso attraktiver wird das persönliche Dabei sein. Ich bin mir sicher: Wir stehen vor einer riesigen Renaissance des Life-Events als Kompensation für den Dauerzustand des Virtuellen. Erinnern Sie sich an die geniale Werbung der Telekom mit Paul Pott? Der Untertitel hieß: Große Momente gemeinsam erleben. Darum geht es: In Gemeinschaft mit anderen, face to face, Körper an Körper, etwas zu erleben und zu genießen. Ich habe schon mehrmals hier in Berlin von Leuten gehört, die eine Karte fürs Endspiel haben und nach Johannesburg fliegen. Im Grunde ein absurder Aufwand – und die große Verheißung,  persönlich dabei zu sein.

Obwohl auch die Stadionzuschauer immer öfter auf die Leinwand schauen als aufs Feld.

Das ist ja nur vernünftig, denn das Fernsehen zeigt das Spiel ja viel besser. Und es bestätigt meine These: Man geht nicht ins Stadion, um das Spiel optimal sehen zu können, sondern um etwas zu erleben, um life anwesend zu sein.

Wie verändert die Inszenierung des Fußballs mit Kameras aus allen möglichen Winkeln, mit Nahaufnahmen und Superzeitlupe, das Erlebnis des Spiels?

Sie verändert es grundlegend, und ich halte das für eine phantastische Entwicklung. Unser Laien-Sachverstand wird durch die neuen Techniken enorm gesteigert. Sie bieten die Möglichkeit, das Spiel, während es läuft, in Echtzeit zu analysieren. Und das macht auch die wachsende Faszination des Fußballspiels aus: Nicht nur die Spieler, auch die Zuschauer werden immer kompetenter.

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