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Gehälter: Neue Klassengesellschaft mit ungleichen Löhnen

Der Telekom-Streik zeigt, was Globalisierung und Marktöffnung in den Unternehmen erzwingen: ungleiches Gehalt für gleiche Arbeit – und das Ende des Einheitsbeschäftigten an Schreibtisch und Werkbank.

Bestreikte Telekom-Technikniederlassung in Düsseldorf,  dpa
Bestreikte Telekom-Technikniederlassung in Düsseldorf, Foto: dpa

Carl-Theodor-Straße, Ecke Königsallee in der Düsseldorfer City, vergangenen Dienstagvormittag. Wo sonst Obdachlose mit ihrem Einkaufswagen unter dem Vordach des hässlichen Waschbetongebäudes kampieren, steht eine Biergartengarnitur. Auf den Bänken sitzen Männer und Frauen, vor sich Plastikbecher mit Kaffee aus Thermoskannen. Am Straßenrand flattern die rot-weißen Fahnen der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi: „Dieser Betrieb wird bestreikt.“ Fünf Tage Arbeitskampf bei der Deutschen Telekom – zum ersten Mal in der Unternehmensgeschichte im ganzen Land. Der Zorn der 11.000 Mitarbeiter, die laut Gewerkschaft bis Mitte vergangener Woche die Arbeit niedergelegten, richtet sich gegen einen Plan, den das jahrelange Selbstverständnis der Telekom in den Grundfesten erschüttert. 50.000 Beschäftigte sollen nach dem Willen von Vorstandschef René Obermann das schützende Konzerndach verlassen und in eine zu gründende Billigtochter im zugigen Vorgarten des Magenta-Riesen wechseln. In dieser rechtlich selbstständigen Servicegesellschaft sollen sie nicht nur vier Stunden länger pro Woche arbeiten, sondern auch neun Prozent weniger Fixgehalt verdienen. Andernfalls, so befürchtet Obermann, verliere die Telekom im Festnetzgeschäft in den kommenden vier Jahren weitere rund sechs Milliarden Euro Umsatz. Der ehemalige Telefon-Monopolist leidet wegen seiner höheren Personalkosten zu sehr unter seinen aggressiven Konkurrenten. Allein im vergangenen Jahr wechselten rund zwei Millionen Kunden zu den teilweise deutlich preiswerteren Mitbewerbern. Um den Exodus zu stoppen, will Obermann die Personalkosten um 900 Millionen Euro in Richtung Konkurrenzniveau senken, notfalls sogar durch den Verkauf der Telekom-Servicecenter. Guten Morgen Telekom, guten Morgen Deutschland. Nach vergleichsweise gemütlichen Jahrzehnten sicherer Märkte, geschützter Beschäftigung und eingespielter Rituale auf dem Arbeitsmarkt schlagen nun Globalisierung und Deregulierung bis zum Schreibtisch und zur Werkbank durch. Wie schnell und auf welchem Weg Telekom-Chef Obermann sein Ziel auch erreicht: Vorbei ist die Zeit, dass vor dem Lohnbüro Arbeiter gleich Arbeiter, Angestellter gleich Angestellter und Beamter gleich Beamter ist. Neue Player und Billiganbieter aus allen Regionen der Welt erzeugen einen solchen Druck auf die Personalkosten, dass – gleich in welcher Branche – der Sog nach unten unbegrenzt scheint. Ob Auto- oder Chemieindustrie, Bau oder Chipfabrik, in Luftfahrt oder Einzelhandel, Nahverkehr oder Krankenhaus – am liebsten würden die Unternehmen in dieser Situation einfach den tiefstmöglichen Lohn ausloten. Wären da nicht streikende Gewerkschafter und gesetzliche Privilegien, unüberwindbare Standortbedingungen und Flächentarifverträge. In dieser Situation bleibt den Unternehmen praktisch nur, schrittweise in den eigenen Reihen den Einheitsbeschäftigten abzuschaffen. Von wegen gleicher Lohn für gleiche Arbeit » und „reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront“, wie einst Bertolt Brecht dichtete. Der Trend in den Betrieben geht zur Mehrklassengesellschaft: aus teuren alteingesessenen und billigen neuen Mitarbeitern, aus Stammbelegschaften und ausgeliehenen Leuten, aus Vollzeit- und Teilzeitkräften, aus Minijobbern und Subunternehmern. Christian Scholz, Professor für Personalmanagement an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken, hat diese Entwicklung bereits in den Begriff des „virtuellen Unternehmens“ gepackt. Dort arbeiteten nur noch wenige fest angestellte Experten, unterstützt von temporär engagierten Managern, hoch qualifizierten und hoch bezahlten Freiberuflern sowie eine große Masse weniger qualifizierter „Tagelöhner“, die immer stärker an den Rand gedrängt würden. Die Vielfalt der Beschäftigungsformen werde in jedem Fall zunehmen, sagt Scholz. „Aber der globale Wettbewerb lässt vielen Unternehmen gar keine andere Wahl.“

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Auslagerungen, wie die Telekom sie plant, oder die Umorganisation eines Unternehmens zählen schon länger zu den wirkungsvollsten Strategien, um die Personalkosten dauerhaft und deutlich zu senken. Mit dem Arbeitsplatzargument lassen sich sogar ansonsten knallharte Gewerkschaften wie die IG Metall dazu bewegen. Etwa im VW-Konzern, wo der damalige Personalvorstand Peter Hartz 2001 unter dem Beifall von Ex-SPD-Kanzler Gerhard Schröder mit der IG Metall das Beschäftigungsmodell „5000 für 5000“ einfädelte. Bei der eigens dafür gegründeten VW-Tochtergesellschaft Auto 5000 montieren 5000 vorher Arbeitslose den VW Touran. Dabei verdienen sie – mit ursprünglich 5000 Mark (ungefähr 2500 Euro) im Monat – rund 20 Prozent weniger als ihre Kollegen in den Werkshallen nebenan, die zum VW-Haustarif andere VW-Modelle zusammenschrauben. Auch beim Chemiekonzern Bayer in Leverkusen wurde kräftig umorganisiert, um Lohn zu sparen. Früher gehörten zu jedem einzelnen Geschäftsbereich des Konzern eigene Infrastrukturabteilungen. Diese wurden vor ein paar Jahren ausgegliedert und in der neuen Firma Bayer Industry Services (BIS) untergebracht, einem Joint Venture mit der Ex-Bayer-Chemiesparte Lanxess. Die 5700 Mitarbeiter verdienen zwar genauso viel wie bisher, müssen aber zweieinhalb Stunden mehr pro Woche arbeiten. Außerdem werden „in den nicht wettbewerbsfähigen Bereichen zukünftige Tariferhöhungen verrechnet“, heißt es offiziell. Bayer will so jährlich 125 Millionen Euro einsparen. Als Gegenleistung verpflichtete sich die Geschäftsleitung zu einer Arbeitsplatzgarantie.

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