
Im August 2006 ist die Welt in Hamburg noch in Ordnung. Die Eigentümer und das Management der HSH Nordbank bekennen sich zum Plan, ihre Landesbank bald an die Börse zu bringen. „Realistisch“, sagte der designierte Vorstandschef Hans Berger damals, werde das Insititut 2008 reif sein. Das schien noch lang hin und in jedem Fall machbar. Zudem kam die Meldung gut an. Dass ein öffentlich-rechtliches Institut einmal einen solch innovativen Weg gehen würde, hat bis dahin kaum jemand zu hoffen gewagt. Es riecht nach Aufbruch in der verkrusteten deutschen Bankenlandschaft, wo Sparkassen, Landes- und Geschäftsbanken um Kunden rangeln.
Zweieinhalb Jahre später müssen die Eigentümer der HSH Nordbank, darunter der Finanzinvestor J.C. Flowers, erkennen, dass der Börsengang aller Voraussicht nach ein Wunschtraum bleiben wird. Die Turbulenzen an den Kapitalmärkten, ausgelöst durch die Finanzmarktkrise, verurteilen ihn zum Scheitern: „In einem solchen Umfeld eine Aktie zu platzieren ist wohl nicht ratsam“, heißt es im Unternehmen.
Doch so einfach ist die Sache nicht, die HSH bringt eine wahrscheinliche Absage des Börsengangs in Nöte. Denn sie ist dringend auf frisches Kapital angewiesen. Schon verkauft sie Kredite – und zwar zu Preisen weit unter ihrem ursprünglichen Wert, wie die WirtschaftsWoche aus dem Umfeld der Bank erfuhr. Ähnlich wie bei der Düsseldorfer Landesbank WestLB müssen wohl auch in Hamburg die Eigentümer der Landesbank unter die Arme greifen.
An sich ist die HSH eine der wenigen Landesbanken mit einem tragfähigen Geschäftsmodell. Das Institut zieht seine Gewinne aus vier annähernd gleich starken Segmenten: dem Geschäft mit Firmen-, Immobilien- und Schifffahrtskunden sowie aus Kapitalmarktgeschäften. Doch die zumeist großen Kredite, die die Landesbank vergibt, haben ihren Preis. Die Bank benötigt Geld, das sie verleihen kann. Andere Institute reichen das Gesparte ihrer Privatkunden weiter. Bei einer Landesbank funktioniert das nicht, denn das Geschäft mit den Sparern muss sie ihren Miteigentümern, den Sparkassen, überlassen – und sich deshalb das Geld, das sie verleihen will, selbst am Kapitalmarkt borgen.
Das zweite Problem: Kredite müssen entsprechend ihrem Risiko mit Eigenkapital unterlegt werden. Und ähnlich wie andere Landesbanken ist die HSH mit 7,1 Milliarden Euro eher schlecht für diese Aufgabe gerüstet. Bisher war das für die Bank nur ein geringes Problem. Regelmäßig hat sie ihre Kredite verbrieft und an Investoren weiterverkauft. Damit schuf sie Raum für neue Geschäfte. Durch den Börsengang sollte das Kapitalproblem gänzlich gelöst werden. Doch seit die Finanzkrise Banken und Investoren verunsichert, gelingen solche Geschäfte nur noch selten. Das brachte die Hamburger Bank in Schwierigkeiten. Die HSH musste sich bei der Kreditvergabe zurückhalten. „Alte Zusagen werden abgearbeitet“, sagte Berger Ende des vergangenen Jahres, „völlig neues Geschäft behandeln wir jedoch deutlich restriktiver.“
Hinzu kommt, dass die Bank, wie fast alle Institute, selbst verbriefte Kredite über Zweckgesellschaften gekauft hat, die sie nun nicht mehr loswird. Vier Milliarden Euro hat sie in Papiere, für die es derzeit keinen Markt gibt, investiert. Bis Ende des dritten Quartals hat sie auf ihre Wertpapiere nur Abschreibungen in Höhe von 190 Millionen Euro vorgenommen. Dabei werde es nicht bleiben, prognostizieren Branchenkenner. Wie bei anderen Banken würden für das vierte Quartal weitere Abschreibungen fällig, heißt es aus dem Umfeld der Bank. Der Vorstand wolle mit weiteren schlechten Nachrichten aber bis nach der Bürgerschaftswahl am 24. Februar warten.
Nun muss die Bank handeln. Vor wenigen Tagen verkaufte sie ein Immobilienkreditportfolio im Volumen von 7,6 Milliarden Euro an die Hypo Real Estate, die BNP Paribas und Lehman Brothers. Ein für ihre Verhältnisse sehr großes Paket.
Der Verkauf in der aktuell angespannten Marktlage sei ein Zeichen dafür, in welcher Not sich die Bank befindet, heißt es aus dem Umfeld des Instituts. Die Konditionen sollen wenig attraktiv gewesen sein. Je nach Portfolio soll die HSH einen Abschlag zwischen 10 und 30 Prozent des Nominalwerts hingenommen haben. Die Käufer hätten ein sehr gutes Geschäft gemacht, heißt es auch aus dem Umfeld der Hypo Real Estate. Ansonsten hätten sie derzeit nicht zugegriffen. Zudem hätten die Käufer sich nur die besten Kredite herausgegriffen. Der Kapitalmarktexperte einer anderen Landesbank bestätigte gegenüber der WirtschaftsWoche, dass die Käufer solcher Papiere sich das Risiko derzeit sehr gut bezahlen ließen. Deutlich besser als noch vor einem halben Jahr. Der Investmentbanker einer internationalen Großbank bezeichnete den Deal ebenfalls als „Schnäppchen“. Offiziell wollte die HSH dazu keine Stellungnahme abgeben.
Die Eigentümer der Landesbank, die Bundesländer Schleswig-Holstein und Hamburg, die Sparkassen in Schleswig- Holstein sowie die privaten Eigentümer um den Finanzinvestor Flowers müssen ihr Institut nun stützen. Wahrscheinlich noch im Februar wollen sie eine Entscheidung darüber fällen, ob sie den Börsengang für Herbst weiter anstreben. Innerhalb der Bank gilt dieses Ziel bereits als abgehakt. Stattdessen sollen die Eigentümer für frisches Kapital sorgen. Nach derzeitigem Stand geht es um eine Milliarde Euro. Ob es dabei bleibt, ist noch ungewiss. Damit hätte die Bank ihre Schwierigkeiten längst nicht im Griff. Der Verkauf ihrer Immobilienkredite zu den derzeitigen Marktpreisen wird mit Sicherheit die Gewinne in der Sparte schmälern, und es ist davon auszugehen, dass die Kapitalmarkterträge zurückgehen, sollte sich der Markt nicht zügig erholen. Nun werden die Manager zeigen müssen, ob sie tatsächlich so innovativ sind und die Bank unter den neuen Bedingungen wieder auf Wachstumskurs bringen können.













