
MÜNCHEN. Morgen wird die Hauptversammlung des Traditionskonzerns um einige Grade spannender werden. Nicht mehr und nicht weniger als eine wegweisende Grundsatzrede dürfen die Aktionäre von Pachta-Reyhofen erwarten - zu viel ist in den vergangenen zwölf Monaten rund um die vermeintlich graue Maus der deutschen Industrie geschehen. Ein Schmiergeldskandal in ungeahnter Dimension fegte eine ganze Vorstandsriege aus dem Amt. Ein beispielloser Absatzeinbruch in der Lkw-Sparte hält große Teile des Unternehmens im Dornröschenschlaf. Mit VW drängt ein Großaktionär bei MAN unverhohlen auf eine Lastwagen-Allianz mit der VW-Tochter Scania. Börsengerüchte wollen gar von einem bevorstehenden Übernahmeangebot aus Wolfsburg wissen. Und nebenbei startet MAN eine ambitionierte globale Expansion - von Brasilien bis China.
Pachta-Reyhofen kam als Feuerwehrmann. Es ist ziemlich genau vier Monate her, als der Chef der Großmotorentochter MAN Diesel das Unternehmen übernehmen musste. Über Nacht warf Konzernchef Håkan Samuelsson das Handtuch, belastet durch den Schmiergeldskandal und entnervt vom wachsenden Druck des Großaktionärs aus Wolfsburg. Pachta-Reyhofen überstand den Kehraus, er und seine Dieselsparte galten als unbelastet. Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch machte den Spross einer österreichischen Adelsfamilie zum neuen MAN-Chef.
"Ich fühle mich in einer starken Position", sagt der Beförderte, der jetzt zugleich Chef der Lkw-Sparte ist. Doch anders als Samuelsson darf Pachta sich nicht Vorstandsvorsitzender, sondern nur noch Sprecher des Vorstands nennen. Auf solche Feinheiten legt VW-Patriarch Piëch Wert, wenn er die Machtverhältnisse in seinem Einflussbereich ausdrücken möchte. Und MAN zählt Piëch zu seinem persönlichen Konsolidierungsbereich.
Für Pachta ist das kein Problem. Mit Volkswagen als Großaktionär fahre man im Moment "sehr gut", mit Piëch finde er schnell eine "gemeinsame Sprache", bekennt der Diplom-Ingenieur. Pachta hat in Wien Abgastechnik und Verbrennungsoptimierung studiert. Ferdinand Piëch genießt dort die Ehrendoktorwürde.
Pachta, einst Degenfechter der österreichischen Nationalmannschaft, geht mit hohem Drehmoment an die neue Aufgabe. Einen "Entscheidungsstau" habe es bei MAN gegeben, nachdem Samuelsson von Bord ging, heißt es bei MAN. Pachta handelt: Kurz nach seinem Amtsantritt stand die Einigung mit der Staatsantwaltschaft München. 150 Mio. Euro plus Steuernachzahlungen und Anwaltskosten zahlt MAN für die Einstellung des Schmiergeldverfahrens. Mit dem Juristen Olaf Schneider holte er einen anerkannten Korruptionsjäger ins Haus. MAN, so die Botschaft, will einen sauberen Neustart.
Piëch denkt, Pachta lenkt - das wäre sicher zu kurz gegriffen. Zwar bekennt sich der neue MAN-Vorstandssprecher nach wie vor zu der erwünschten Lkw-Ehe mit Scania, ganz im Sinne des VW-Patriarchen. "Doch das Thema hat zurzeit keine Priorität", entgegnete er offen auf der Bilanzpressekonferenz. In der Branche ist klar, dass MAN und Scania bei künftigen Lkw-Generationen sehr eng zusammenarbeiten werden. In München betont man gerne, dass die Bremser einer engeren Zusammenarbeit in Schweden zu suchen seien.
Doch Pachta, der für MAN das Lkw-Werk in der Türkei aufbaute, blickt weit über Europa hinaus. Sein Vorgänger Samuelsson hatte schon begonnen, aus dem Nischenhersteller MAN einen Global Player zu formen, der es mit den Branchenriesen Daimler und Volvo aufnehmen kann. Die Stufe eins der Rakete hat MAN bereits gezündet.
2008 übernahmen die Münchener für rund eine Milliarde Euro das Lkw-Werk des Großaktionärs in Brasilien und sind seitdem Marktführer in dem Schwellenland. Im vergangenen Jahr stockte MAN seine Beteiligung an dem Joint Venture mit Force Motors in Indien auf, wenig später erwarben die Münchener 25 Prozent an Sinotruk, der Nummer eins in China. Schon in diesem Jahr will MAN eine neue Lkw-Marke in dem Riesenland einführen.
Die Umsetzung ist jetzt Sache von Pachta. "Wir brauchen eine weltweite Produktstrategie", sagt der Techniker und weiß dabei wiederum Ferdinand Piëch eng an seiner Seite. Wie im Hause Volkswagen sollen Plattformen und Baukästen entstehen, aus denen für jeden einzelnen Markt der passende Lkw abgeleitet wird. Diese Baukästen seien für Scania natürlich immer offen, heißt es dazu in München.
VITA
1955 wird Georg Pachta-Reyhofen in München geboren.
1981 schließt er sein Maschinenbaustudium an der TU Wien ab und arbeitet bis 1986 am Institut für Verbrennungsmaschinen.
1986 geht er zur MAN-Tochter Gräf und Stift und wechselt 1999 als Leiter der MAN-Motorenentwicklung nach Nürnberg.
2001 rückt er in den Vorstand der Nutzfahrzeug-Gruppe auf.
2006 wird er in den Vorstand der MAN SE berufen und verantwortet die MAN-Dieselsparte.
2010 wird er ab 1. Januar Vorstandssprecher der MAN SE.
























