Gerd Becht, Deutsche Bahn: "Die Täter werden immer dreister"

Gerd Becht, Deutsche Bahn: "Die Täter werden immer dreister"

von Christian Schlesiger

Gerd Becht, Vorstand für Konzernsicherheit bei der Deutschen Bahn, über schienenklauende Landwirte und organsisierte Banden, die beim Metalldiebstahl selbst vor 15.000 Volt-Leitungen nicht zurückschrecken.

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Gerd Becht

WirtschaftsWoche: Herr Becht, die Rohstoffpreise steigen. Die Deutsche Bahn gilt als potenzielles Ziel für Buntmetallklau. Wie viel Kupfer vermissen Sie schon?

Becht: Die Diebstähle haben extrem zugenommen. Durch den Anstieg der Kupferpreise ist die Anzahl der Diebstähle fast proportional mit dem Preisanstieg gestiegen. Von 2009 auf 2010 stieg die Anzahl der Diebstähle um 40 Prozent. 2011 ging es mit ähnlicher Wachstumsrate so weiter.

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Was wird geklaut?

Beim Material handelt es sich vor allem um Kupfer, der in Oberleitungen, Erdkabeln und Strommasten zu finden ist. Ein Landwirt hat kürzlich gar 500 Meter Schiene abmontiert und mit seinem Langholzwagen abtransportiert. Weil er zunächst nicht wusste, wohin damit, hat er die Schienen in seiner Scheune gelagert.

Sind Einzeltäter die Regel?

Es gibt zwei Gruppen von Tätern. Zum einen gibt es Kleinkriminelle, die ihre Haushaltskasse aufbessern wollen. Das Diebesgut verkaufen sie bei lokalen Schrotthändlern. Gleichzeitig gibt es professionelle Gruppen mit mafiösen Strukturen, die ihren Schrott auch ins Ausland karren.

Hat sich die Qualität verändert?

Die Täter werden immer dreister und nehmen immer größere Risiken in Kauf. Es gibt Diebe, die Oberleitungen, durch die eine Spannung von 15.000 Volt fließt, an zwei Enden erden und dann durchschneiden. Der Bundmetallklau hat damit eine neue Qualität erreicht: Die Oberleitungen werden im laufenden Betrieb abmontiert.

Wie häufig kommt es zu Diebstählen?

Fast täglich. Jeden Morgen erhalte ich einen Lagebericht, der im Schnitt über zwei bis drei Diebstähle pro Tag informiert - mal sind die Schäden klein, mal groß. Anfang Mai kam es beispielsweise auf der Neubaustrecke Berlin - Cottbus zu einem Diebstahl von 36 Kilometern Kabeln.

Die Kabel wurden aus dem Materiallager entwendet. Auch das ist eine neue Dimension. Die Diebe fahren mit schweren Transportern direkt auf die Baustelle. Die Neubaustrecke können wir deshalb erst mit einer zweimonatigen Verzögerung in Betrieb nehmen, weil die Baufirma für die Kabel gar nicht so schnell Nachschub bekommt.

WirtschaftsWoche: Wie hoch ist der Schaden, der der Deutschen Bahn entsteht?

Der materielle Schaden liegt bei mehr als zehn Millionen Euro pro Jahr. Größere Sorgen machen uns aber die indirekten Folgen dieser Straftaten, das heißt die Störung unseres Betriebes und die daraus resultierenden Nachteile für unsere Kunden. Die Diebstähle verursachen extreme Verkehrsverzögerungen. Im vergangenen Jahr waren rund 8.000 Züge betroffen.

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