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Gerhard Richter: Malen ist ein menschliches Grundbedürfnis

Quelle: Handelsblatt Online

Gerhard Richters Sammler kommen aus der ganzen Welt. Kurz vor seinem 80. Geburtstag dürfte die brillante Retrospektive in der Tate Modern seinem Markt neuen Auftrieb geben.

Auf neuen Wildleder-Mokassins huscht Gerhard Richter durch die Tate Modern und sieht sich beseelt seine alten Bilder an. Das „Nuba“-Bild von 1964, das habe ihn schon überrascht, sagt er in der Pressekonferenz. Dass das Foto von Leni Riefenstahl gewesen sei, habe er gar nicht gewusst. Würde Richter öfter zu Sotheby’s gehen, hätte er regelmäßig Bekanntschaft mit dem Bild gehabt. Dort wurde es 1993 als einer der ersten Richter auf der internationalen Bühne für 320.500 Pfund versteigert. 1995 kostete es nur noch 298.500 Pfund, 2010 immerhin 3,7 Millionen Pfund. Mindestens ein Dutzend der Bilder, die nun in der Tate Modern hängen, gingen in den letzten Jahren für Millionen durch die Auktionssäle. „Albern“ findet Richter diese Preise.

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Übernahme nach Berlin

Es ist die größte Richter Retrospektive seit 2002. Damals feierte das New Yorker MOMA den 70. Geburtstags des deutschen Nationalmalers und gab seinem Markt in den USA einen riesigen Auftrieb. Nun ist er bald 80. Von London geht die Ausstellung termingerecht zum Geburtstag im Februar nach Berlin und wieder stellen sich die Marktbeweger auf einen Preisruck ein, das zeigt der Blick diese Woche auf die Messen Frieze und Pavillon of Arts & Design (PAD) sowie die Auktionen. Etwas gesprächiger wird Richter in Berlin bei den Feiern schon sein. In London sagte er nur: „Bitte erwarten Sie keine Interpretation“ und schmunzelte, schweigsam und stolz auf sein Lebenswerk.

Unbekanntes Frühwerk

Rund 150 Werke werden gezeigt, alle Gattungen, alle Genres von Fotobildern zu Abstraktionen, von Farbfeldern zu Grauvermalungen, übermalten Familienfotos zu den Glas- und Spiegelinstallationen. Frühestes Werk ist ein jüngst aufgetauchtes Überbleibsel von 1957, als Richter, statt in einer Druckklasse in Dresden aufzupassen, einen Nachmittag lang mit der Druckerwalze auf Papier herumspielte und abstrakte Abdrücke hinterließ. Nun nehmen diese „Elbe“ getauften Arbeiten prophetisch die Arbeiten vorweg, in denen der Meister mit dem Riesen-Rakel geduldig Farbberge über Riesenleinwände zieht und in einem Prozess von Aufbauen und Abtragen, Zeigen und Verstecken, Schaffen und Zerstören die schon tausendmal totgesagte Malerei zu neuem Leben erweckt.

Blick auf 9/11

Die spätesten Bilder sind Abstraktionen von 2009, bei denen Richter sich den langen Wunsch, einmal in Grün zu malen, erfüllte – nur um das Grün wieder weiß zuzudecken, so das nur noch ein kaum zu ahnender Schimmer davon bleibt. Auf einem Gemälde erkennt man das World Trade Centre beim 9/11 Anschlag – der stahlblaue Himmel schon von Rauch verdeckt, das Flugzeug, das in den Turm rast, ist aber bei genauem Hinsehen nur ein gestischer Farbstrich.

Wie das ganze Werk von Richter schweb auch dieses Bild zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion, distanziert sich von Emotionalität, nimmt Bedeutung zurück, verwischt alles Pathetische. Weil Malerei – nach Richter - keine Ereignisse abbilden, sondern bestenfalls zeigen kann, wie aus der Objektivität einer Leinwand eine Erinnerung  auftauchen könnte.

Die Ausstellung ist chronologisch geordnet, hütet sich aber, Figuration und Abstraktion als Gegensätze auseinanderfallen zu lassen. In der Tate Modern wird in allen 14 Räume darauf gepocht, dass bei Richter beides zusammengehört.

Der Grenzgänger

Richter gehört zu einer Generation westdeutscher Künstler, die durch ihre Herkunft aus der DDR zu Zweisprachlern wurden. Als Ostkünstler wuchs er mit einer Kunst auf, die Bilder, Illusionen, Ideologien produzierte. Im Westen faszinierte den gelernten Wandmaler nach der ersten Begegnung mit Jackson Pollock und Fontana,  wie die Kunst ihren eigenen, autonomen „Zero“-Raum schaffen. Richters Malerei zwingt das zusammen, nicht nur mit den Verwischungen in den Fotobildern, auch wenn sich die Ruinenlandschaften seiner Stadtbilder in Abstraktion auflöst oder er Wolken malt. Sie sind sozusagen als Readymade vorgegebene Abstraktionen.

Fest der Malerei

Oft wird Richter als Chamäleon beschrieben, weil er sich auf nichts festlege, einen „Personalstil“ verweigere, Nichts könnte falscher sein. Die Tate Modern zeigt einen Künstler und ein Werk aus einem Guss. Wie alle zeitgenössischen Künstler hat Richter die Malerei ein Leben angezweifelt und befragt, mit ihren Methoden experimentiert, jeder Zentimeter Leinwand sagt uns, dass Malerei keine Scheinwelten produziert, sondern Kunstobjekte. Aber bei Richter führt diese Selbstreflexion und Kritik der Malerei nicht zu flacherer, langweiligerer Konzeptkunst, sondern wird zur schönsten Affirmation der Malerei, die es wohl zurzeit in der Kunst gibt. Im Interview mit Tate-Chef Nick Serota, das im Katalog abgedruckt ist, sagt Richter es ganz schlicht: „Malen ist wie Tanzen und Singen, eine grundlegendes menschliches Bedürfnis.“ 

Gerhard Richter: Panorama, Tate Modern bis 8. Januar 2012, ab 12. Februar Neue Nationalgalerie Berlin, dann Centre Pompidou. 

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