_

Gesundheit: Wie Kliniken an Patienten und Mitarbeitern sparen

von Stefani Hergert

Kliniken fahren eine Doppelstrategie: Sie sparen an Mitarbeitern und Patienten, erhöhen aber gleichzeitig ihre Einnahmen durch mehr Praxen, Pflegeheime und Privatstationen.

Helios Klinikum: Geburten im Stundentakt Quelle: Max Lautenschläger für WirtschaftsWoche
Helios Klinikum: Geburten im Stundentakt Quelle: Max Lautenschläger für WirtschaftsWoche

Das Helios Klinikum in Berlin-Buch überrascht durch seine Architektur. 270 Meter ist der Hauptgang lang, links und rechts zweigen 50 mal 50 Meter große Würfel ab, mehrstöckig und mit Glasdächern, durch die Licht in die inselförmig angeordneten Abteilungen fällt. Jede hat ihre eigene Farbe, so finden sich Patienten und Besucher schnell zurecht.

Anzeige

Im Erdgeschoss liegen die Behandlungsräume, in den Etagen darüber Stationen und Operationssäle. Die Wege sind kurz, die Stationen durchdacht. Links die Entbindung, rechts die Neugeborenen-Intensiv. Das spart Zeit und viel Geld.

Sparen muss nicht nur die Klinik in Berlin-Buch. Die Budgets sind gedeckelt, medizinische Geräte, Personal und Energie werden immer teurer – und der Kostendruck in deutschen Kliniken immer brutaler. Quer durch die Republik kaufen die Hospitäler billiger ein, lagern Hilfsdienste aus und bauen effizient um.

Doch überleben können die Hospitäler nur, wenn sie gleichzeitig auch wachsen und ihre Einnahmen steigern. „Ihr Geschäftsmodell wird ein anderes sein. Sie sind nicht mehr nur stationärer Anbieter, sondern weiten ihr Geschäft auf andere Bereiche aus“, sagt Michael Weber von Bridges Consulting, der private Klinikkäufer berät. Das können ambulante Behandlungen sein, Pflegeleistungen für Senioren, die Komplettversorgung ganzer Regionen oder Luxusangebote für Privatpatienten.

2100 Krankenhäuser, 500.000 Betten

Es geht um ein gigantisches System: Rund 2100 Krankenhäuser gibt es in Deutschland mit mehr als einer halben Million Betten. Sie beschäftigen 136.000 Mediziner und fast 393.000 Krankenschwestern und -pfleger, die jedes Jahr mehr als 17 Millionen Patienten behandeln.

Die Finanznot vieler Kliniken ist akut. Die 3,5 Milliarden Euro extra, die es im Zuge der Krankenhausreform 2009 gab, sowie die Mittel aus dem zweiten Konjunkturpaket verschaffen den Spitälern nur eine Atempause, so das Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) im aktuellen Krankenhaus-Report:

Derzeit gelten 15 Prozent der Kliniken als insolvenzgefährdet, bis 2020 könnten es fast 30 Prozent werden.2010 dürften die Folgen der Finanzkrise die Gesundheitswirtschaft erreichen. Steigende Arbeitslosigkeit und damit geringere Einnahmen der Krankenkassen, sinkende Steuereinnahmen und die steigende Verschuldung der öffentlichen Hand sorgen für weiteren Kostendruck bei den Kliniken.

Wer produktiver werden will, muss jedoch zunächst investieren. Beispiel Buch: Als Helios das Klinikum 2001 übernimmt, macht der auf 167 teils marode Häuser verstreute Betrieb Verlust, 50 Millionen Mark Schulden haben sich angehäuft. Helios investiert 200 Millionen Euro in einen Neubau, der die alten Standorte vereint, und spart so jedes Jahr allein 43.000 Krankentransporte über 150.000 Kilometer.

Krankenhäuser haben ein Grundsatzproblem: Investitionen beziehungsweise Abschreibungen auf neue Gebäude, Geräte oder Reparaturen dürfen sie nicht in die Preise für ihre Leistungen einkalkulieren, die sie mit den Kassen abrechnen. „Dieses Preisverbot gibt es sonst nirgends“, sagt Rudolf Kösters, langjähriger Vorstand der St. Franziskus-Stiftung in Münster, die 14 Kliniken betreibt.

Dafür werden Investitionen in Krankenhäuser im Prinzip von den Bundesländern bezahlt. Die aber haben ihre Mittel seit 1998 real um ein Drittel gekappt. Die Folge ist ein Investitionsstau vor allem in öffentlichen Kliniken, den das RWI auf neun Milliarden Euro schätzt.

Die in der täglichen Arbeit entstehenden Millionenverluste müssen bei den öffentlichen Kliniken die Kommunen tragen. Weil immer mehr das nicht können oder wollen, steigen private Klinikketten ein. Etwa 30 Prozent aller Kliniken sind heute in privater Hand.

Die Privaten machen vor, wie Krankenhäuser Gewinnmargen von 15 Prozent vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen erzielen können. Sie sparen beim Einkauf, bei Personal und Verwaltung, verbessern die Arbeitsabläufe, investieren in neue Gebäude und moderne Medizintechnik. „Wenn Sie ein Krankenhaus nicht wie einen Industriebetrieb führen, erleiden Sie Schiffbruch“, sagt Josef Zacher, Ärztlicher Direktor des Helios Klinikums Berlin-Buch.

4 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 24.08.2009, 13:31 Uhrzockerfein

    Wäre mal interessant zu hinterfragen, wer eigentlich die Geldgeber und die Aufsichtsräte in den privaten Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und MVZ sind.

    Sitzt da nicht ein Professor Lauterbach drin, eine Frau Mohn, war da nicht ein zu Guttenberg beteiligt usw. usw.usw.
    Frau Merkel ist doch sehr gut mit all den Honorationen befreundet.
    Oder nicht?
    Aber man hat ja Aufsichten in Form des medizinischen Dienstes etabliert, die rein nach objektiven Masstäben urteilen.
    Alles natürlich eine Ermessungsfrage.
    Mit den entsprechenden Netzwerken lässt sich doch alles regeln.

  • 21.08.2009, 13:29 UhrTrauner

    Falls ihnen noch nicht bekannt ist: zu ihrer bemerkung "Die Privaten machen vor, wie Krankenhäuser Gewinnmargen von 15 Prozent vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen erzielen können"


    bei Privaten zählen auch nur Rendite! Dafür ist die Personal in den privaten Krankenhäusern am untersten Limit oder sogar darunter. Entsprechend ist auch z. b. die Pflege. Die Pirivaten nehmen auch nicht jeden Patienten auf. Ein schwerkranker, der offensichtlich mit hohen Kosten verbunden sein wird, wird entweder gar nicht aufgenommen oder schnellelstens in ein kommunales Krankenhaus verlegt! Das ist die Moral der Privaten und da ist gar nichts zum Loben!!

  • 20.08.2009, 18:09 Uhrsozialbanause

    Die Geringschätzung in unserer angeblich "wohlhabenden" aber geistig verwirrten Gesellschaftsform für soziale belange ist auch darin begründet, daß in einem Gesellschaftsprinzip, daß fast alleinig auf Profitmaximierung ausgelegt ist, der wohlwollenden, schonende, mitmenschlich orientierte Einsatz nicht mehr gefragt ist, weil er sich nicht "rechnet"!

    Soziale Diesnte müsssten grundsätzlich vom Staat und/oder Organisationen erbracht werden, die damit kein Profit/ Geldgewin erwirtschaften müssen. Wenn alle sozial ausgerichteten Tätigkeiten, Hilfsleitungen und mitmenschliche Zuwendungen nur noch nach Profitlage und Profi-interessen kalkuliert werden, tritt darin auch die unmenschliche Härte eines solchen Kaküls zu Tage.

    Und Menschen werden nur noch verwaltet, nicht mehr "gepflegt", sie werden "versorgt" aber man kümert sich nicht mehr.
    irgendwann sind Krankenhäuser dann nur noch Wartungseinheiten für "Humanoide". So sehen diese bisweilen, techniklastig und einseitig effizienszorientiert bisweilen auch schon heute aus.

Alle Kommentare lesen
weitere Fotostrecken

Blogs

Was die Bahn bewegte: Rückblick auf die Woche 21
Was die Bahn bewegte: Rückblick auf die Woche 21

Viel passiert ist nicht. Die nachrichtenarme Zeit haben Institutionen und Verbände genutzt, um auf den desolaten Zustand...

    Folgen Sie uns im Social Web

WirtschaftsWoche Shop

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.