Gesundheitspolitik: Der Pillen-Dreh: Wie Medikamente billiger werden sollen

Gesundheitspolitik: Der Pillen-Dreh: Wie Medikamente billiger werden sollen

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von Jürgen Salz, Susanne Kutter und Anke Henrich

Steigende Arzneimittelpreise machen Krankenkassen arm und Pharmakonzerne reich. Gesundheitsminister Philipp Rösler will das jetzt ändern. Doch seine Pläne gehen nicht weit genug. Erfolgreiche Strategien aus dem Ausland zeigen, wie Medikamente wirklich billiger werden.

Wie entsteht ein Preis? Durch Angebot und Nachfrage? Nicht in der deutschen Pharmaindustrie. „Will ein Unternehmen zum Beispiel mit einem neuen Krebsmittel etwa zwei Milliarden Euro pro Jahr verdienen“, erzählt ein Insider, „und gibt es dafür nur 30.000 Patienten, dann teilt man eben die zwei Milliarden Euro durch 30.000 und fertig ist ungefähr der Preis.“ So kostet eine Jahresration des Darmkrebsmittels Erbitux in Deutschland gut 62.000 Euro, pro Monat macht das 5200 Euro. In Großbritannien bezahlen die Patienten für dasselbe Präparat nur 2858 Euro. Das ist symptomatisch: Um 18 Prozent liegen die deutschen Medikamentenpreise über dem Durchschnitt der OECD-Industrieländer.

Pharmahersteller können in Deutschland nicht nur für rezeptfreie Mittel von Aspirin bis Warzensalbe, sondern auch für rezeptpflichtige Medikamente die Preise frei festlegen. Neben Malta und Dänemark ist Deutschland das einzige Land in Europa, in dem Krankenversicherungen immer noch ohne Kontrolle zahlen, was Arzneimittelfirmen fordern.

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Kein Wunder, dass das deutsche Gesundheitswesen an den Kosten zu ersticken droht. Angesichts immer weiter steigender Pillenpreise und Krankenkassenbeiträge nimmt Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler nun den Kampf mit Pharmagiganten wie Bayer, Boehringer oder Novartis auf. Sein Rezept, um die Arzneimittelkosten um bis zu zwei Milliarden Euro pro Jahr zu drücken: Rösler will den Konzernen Verhandlungen mit den Kassen aufzwingen. Die Pillenhersteller können künftig nicht mehr erwarten, dass ihnen jeder gewünschte Preis erstattet wird. Auch sollen sie stärker den Nutzen ihrer Produkte und den Mehrwert gegenüber der Konkurrenz nachweisen.

Deutsches Gesundheitswesen auf der Intensivstation

Immerhin. Doch Rösler könnte noch viel mehr tun, um Versicherte und ihre Arbeitgeber finanziell zu entlasten. So gibt es bei der Preisfestsetzung für Medikamente Stellschrauben, an denen andere Länder längst mit Erfolg drehen: härtere Nutzen-Nachweise, keine automatische Erstattungspflicht der Krankenversicherungen, Zulassungsbeschränkungen von Medikamenten je nach Krankheit oder Patientengruppe, die Deckelung von Unternehmensgewinnen und einiges mehr. Das Sparvolumen in Deutschland wird auf fast dreieinhalb Milliarden Euro jährlich geschätzt, ohne dass die Patienten zu leiden hätten.

Das deutsche Gesundheitswesen ist ein Intensivpatient: Allein für Arzneimittel gaben die gesetzlichen Kassen (GKV) im Jahr 2009 etwa 30 Milliarden Euro aus – Tendenz: um jährlich rund fünf Prozent steigend. Die Bundesregierung pumpte 2009 schon 15,4 Milliarden Euro Steuergeld in den Gesundheitsfonds zur stabileren Finanzierung der gesetzlichen Kassen. Selbst die privaten Krankenversicherungen (PKV), die staatlichen Einfluss auf ihr Geschäft sonst ablehnen, rufen nach mehr gesetzlichem Rückhalt bei Preisverhandlungen mit Pharmakonzernen.

Rabatte und Moratorien

Die Geldnot hat Folgen über steigende Beiträge hinaus. So beklagt Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe die versteckte Rationierung medizinischer Leistungen.

Der Druck auf Rösler ist deshalb enorm. Doch dem jungen Minister steht die erprobte Abwehrfront der Pharmalobby gegenüber. Sie schwingt bei jedem Reformversuch die „Wir sichern Arbeitsplätze in Deutschland“-Keule. Derzeit sind das rund 127.000 Jobs. Röslers Vorgängerin Ulla Schmidt (SPD) hat sich mehrfach die Zähne ausgebissen bei der Sisyphosarbeit, die Branche zu regulieren – unter anderem mit Festbeträgen und einem Preismoratorium.

Mehrwert neuer Medikamente nachweisen

Bundesgesundheitsminister Quelle: dpa

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler

Bild: dpa

Doch ihr erging es wie dem antiken Helden, der zur Strafe einen Felsblock einen steilen Hang hinaufrollen musste, der kurz vor dem Ziel immer wieder hinunterstürzte. Abgesehen von einem kleinen „Ulla-Schmidt-Knick“ 2004 kletterten die Ausgaben für Pillen und Säfte weiter, vor allem für hochpreisige innovative, patentgeschützte Arzneien. Einzig für Generika, also Nachahmungen von Arzneien, deren Schutz abgelaufen ist, setzte sie Rabatte für die gesetzlichen Kassen durch.

Bei den bisher verschonten neuen Medikamenten setzt Rösler nun das Skalpell an. Künftig sollen die Hersteller ihre Preise nicht mehr frei festlegen dürfen. Der Minister will Verhandlungen mit den Kassen vorschreiben. Einigen sich Kassen und Hersteller nicht, werden Höchstpreise festgelegt. Dabei soll jede GKV selbst mit den Industrieriesen verhandeln. So hätten die Kassen einen hohen Anreiz, gute Verträge abzuschließen, um keine Zusatzbeiträge erheben zu müssen. Geht das Ganze nicht schnell genug, droht Rösler den Konzernen mit Zwangsrabatten und Preismoratorien.

Auch sollen Bayer, Merck, Novartis & Co. den Nutzen ihrer Produkte und deren Mehrwert gegenüber vorhandenen Medikamenten nachweisen. Der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen soll dann mithilfe des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Iqwig) entscheiden, ob es sich um einen neuen Therapieansatz handelt oder um einen alten Wirkstoff im neuen Gewand. Bisher muss der Hersteller lediglich die Wirksamkeit im Vergleich zu einer Scheinarznei (Placebo) nachweisen.

Rückschlag der Pharmaindustrie

Das Iqwig wurde von Ulla Schmidt vor sechs Jahren geschaffen, um eine unabhängige Bewertung zu garantieren. Davon ist noch nicht viel zu sehen: Das Institut arbeitet zu langsam, gilt als chronisch unterbesetzt und steckt in einer Führungskrise, nachdem der Vertrag seines pharmakritischen Institutsleiters Peter Sawicki wegen Spesenverfehlungen nicht verlängert wird. Im Vergleich zu den Daumenschrauben, die vergleichbare Institute im Ausland Pharmaforschern anlegen können, fügt das Iqwig nur Nadelstiche zu.

In Anbetracht der politischen Erfahrung, dass sich immer nur ein Teil der Vorschläge durchsetzen lässt, ist Röslers Reformarznei ohnehin schwach dosiert.

Trotzdem schlug die Pharmaindustrie reflexartig zurück. „Entschieden widerspreche ich Aussagen, unsere Preise seien zu hoch“, sagt Cornelia Yzer, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Forschender Arzneimittelhersteller (VFA). Die stärksten Ausgabenschübe würden von Ärzten und Krankenhäusern verursacht. Nur: Nirgendwo im Gesundheitswesen wird noch so viel Geld verdient wie bei den Pillenproduzenten – 20 bis 30 Prozent Umsatzrendite pro Jahr.

Europa als Vorbild

Der Blick ins Ausland zeigt, dass sich die Gesundheitsminister dort weniger von den Drohungen der Pharmaindustrie beeindrucken lassen, Standorte, Arbeitsplätze und Steuerzahlungen abzuziehen. Sie nehmen die Branche stärker an die Kandare – ohne dass deren Forschung und Entwicklung litte. Grund: Ihnen laufen die Kosten für die Gesundheitsversorgung zum Teil wie in Großbritannien schon länger aus dem Ruder. Zudem scheuen sie – wie Frankreich – nicht die offene Diskussion darüber, wer noch welche medizinischen Leistungen bekommt.

Unsere Nachbarn liefern langjährig erprobte Rezepte, wie sich eine Arzneimittelversorgung auf neustem Stand der Forschung auch in Deutschland langfristig und finanzierbar sicherstellen ließe.

Großbritannien: Gewinndeckelung

Medikamenten Preise

Medikamenten Preise

Wichtig dabei sind transparente Kriterien wie die Bewertung der Wirksamkeit – experimentell im Labor, unter Alltagsbedingungen sowie im Vergleich zu anderen Mitteln. Der Zusatznutzen muss von einer unabhängigen wissenschaftlichen Kommission nachgewiesen werden, die sich nicht auf pharmafinanzierte Studien verlässt, und dies sofort bei Zulassung des Medikaments. In die Preisverhandlungen fließen gesundheitsökonomische Aspekte ein, hinzu kommen individuelle soziale, rechtliche oder ethische Vorgaben.

Viele Nationen lassen Medikamente zwar zu, aber sie müssen nicht automatisch von der Krankenversicherung erstattet werden. Einige Staaten führen für verschreibungspflichtige Arzneien Positiv- und Negativlisten, an denen sich Ärzte orientieren müssen. Oder sie setzen den Preis bei der Zulassung selbst fest.

Einen anderen Weg gehen die Briten: Sie deckeln nicht den Preis, sondern den Gewinn der Hersteller. Dieses Modell gefällt Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin, denn es berge Mehrwert für Gesundheitssystem und Pharmaforscher: „Die Unternehmen können ihre vollen Forschungs- und Entwicklungskosten gegenrechnen, und der Staat gesteht ihnen noch immer eine Gewinnmarge von 21 Prozent zu.“

Österreich: Autorisierung von der Kasse

Auch das französische Modell hat für Busse Charme: „Nur einem eindeutig nützlicherem Medikament sind höhere Preise erlaubt – gleich gute werden nur bezahlt, wenn sie günstiger sind.“

Österreich gewährt Unternehmen ein Jahr Testlauf, um den verbesserten Heilungserfolg einer neuen Arznei in der Praxis zu beweisen, bevor der Preis fixiert wird. Angestellte Ärzte der Krankenkassen kontrollieren regelmäßig, ob ihre Kollegen in Praxis oder Klinik wirklich ein günstiges Medikament gewählt haben. Für teure Rezepte braucht der Arzt die Autorisierung der Kasse, die Anfragen binnen 30 Minuten beantworten muss.

Australien: Aufnahme in Positivliste beantragen

Auch in Australien bewertet die Arzneimittelbehörde mithilfe eines industrie-unabhängigen wissenschaftlichen Beratungskomitees neue Heilsbringer. Die Kosten tragen allein die Pharmaunternehmen. In Deutschland dagegen wird das Iqwig über GKV-Beiträge bezahlt.

Ist die Wirksamkeit bewiesen, müssen Unternehmen in Australien die Aufnahme in eine Positivliste beantragen. Ist das Medikament dort aufgenommen, kann jeder Patient damit versorgt werden – für einen erschwinglichen Preis. In Australien gelten verpflichtende Preisnachlässe.

Pharmaindustrie könnte unabhängige Studien finanzieren

Medikament Betaferon

Medikament Betaferon

In vielen Ländern müssen sich zudem Arzneien auf der Positivliste im Abstand von drei bis fünf Jahren einem neuen Testlauf unter Konkurrenten unterziehen.

Arnold Ganser, Direktor der Krebs-Abteilung der Medizinischen Hochschule Hannover, liefert für die Nutzenkontrolle einen Finanzierungsvorschlag, der bis vor Kurzem in Italien praktiziert wurde: „Dort traten die Pharmaunternehmen über viele Jahre einen Teil der Gelder, die sie zuvor in ihr Marketing investiert hatten, an den Staat ab, der daraus unabhängige Studien finanzierte“ (Siehe Interview mit Arnold Ganser).

Die Rezepte der Kassen

Rösler müsste für einschneidende Verbesserungen nicht einmal über den nationalen Tellerrand hinaus schauen. Vorschläge haben auch die Krankenkassen parat, deren Versicherte die deutsche Pharmafreiheit finanzieren müssen. Allein im ersten Halbjahr 2009 bezahlte die GKV für die Arzneimittelversorgung ihrer rund 70 Millionen Mitglieder 16 Milliarden Euro, fünf Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Gesetzlich Versicherte bezahlen derzeit einheitlich 14,9 Prozent ihres Gehaltes an die Kasse. Bald dürften fast alle Anbieter auch den Zusatzbeitrag von 8,00 bis 37,50 Euro pro Monat einfordern. Nicht besser ist die Lage der Privatpatienten. Jahr für Jahr steigt ihr durchschnittlicher Monatsbeitrag um sechs bis acht Prozent.

Den gesetzlichen und privaten Kassenmanagern gehen Röslers neue Rezepte nicht weit genug. Ihre Gegenmittel liegen auf dem Tisch. Würde zum Beispiel Deutschland den europaweiten Durchschnittspreis zahlen – nämlich 18 Prozent weniger – erspare das den Versicherten schon rund eine Milliarde Euro pro Jahr.

Auftrag: Gewinn machen

Ingo Kailuweit, Chef der KKH-Allianz, begrüßt, dass der Gesundheitsminister jetzt konkrete Pläne zur Ausgabenreduzierung im Arzneimittelbereich vorgelegt hat. Neben strukturellen Veränderungen seien jedoch auch kurzfristige Maßnahmen notwendig. Kailuweit rechnet vor, wie sich beim vorgeschriebenen Abschlag weiter sparen ließe, den die Pharmakonzerne den Kassen auf rezeptpflichtige Präparate gewähren müssen: „Die Erhöhung dieser Herstellerrabatte von sechs auf zehn Prozent ersparte den Kassen pro Prozentpunkt weitere 110 Millionen Euro pro anno. Würde die Mehrwertsteuer auf Arzneimittel auf sieben Prozent gesenkt – wie bei Hotelübernachtungen – wären das zusätzlich drei Milliarden Euro. Sparen wir nicht, dreht sich die Kostenspirale zulasten der Versicherten unaufhörlich weiter.“

Von freiwilligen Vereinbarungen hält Kailuweit nach vielen Jahren Verhandlungserfahrung mit Politikern und Pharmamanagern nichts: „Das sind kapitalmarktfinanzierte Unternehmen. Ihr legitimer Auftrag lautet: Gewinn machen.“

Überproportionale Nebenwirkungen

Medikamentenproduktion Quelle: LAIF/Keystone Schweiz

Medikamentenproduktion

Bild: LAIF/Keystone Schweiz

Auch Björn Hansen, Vorstand der BKK Wirtschaft und Finanzen, ist skeptisch: „Die Gesprächsangebote der Hersteller schon vor Röslers Initiative zeigen, wie viel Luft noch in den Preisen ist.“ Ohne Zweifel sei die Forschung ihr Geld wert. Aber die Kosten müssten gleichmäßig auf alle davon profitierenden Länder verteilt werden. Aber auch die Rolle der Kassen sieht Hansen selbstkritisch: „Wir haben viel zu viel als gegeben hingenommen, und zu lange hat jeder sein eigenes Süppchen gekocht.“

Überproportionale Nebenwirkungen haben die hohen Preise für die PKV. Ihre Arzneimittelausgaben stiegen binnen zwölf Jahren um 220 Prozent, bei nur 20 Prozent mehr Kunden. Denn anders als die regulierte GKV haben private Anbieter mangels gesetzlicher Vorgaben kaum Druckmittel auf Ärzte und Hersteller.

Daher bekommen Privatpatienten häufiger teure Originalpräparate verschrieben statt günstige Generika. So verschlang allein der Cholesterinsenker Sortis bei der PKV 2008 2,6 Prozent der Arzneiausgaben. Privatpatienten bekamen ihn fast 30-mal häufiger verschrieben als gesetzlich Versicherte. Dort zapfte Sortis nur 0,1 Prozent aus dem Geldtopf ab.

Politisches Rahmenwerk

Zudem müssen private Kassen an die Apotheken höhere Aufschläge für dort zusammengemischte Medikamente bezahlen. So bezahlen die gesetzlichen Kassen für die aufwendige Zubereitung zellteilungshemmender Krebsmedikamente den Apothekern einen Festzuschlag auf den Einkaufspreis von 3 Prozent, die privaten aber von 90 Prozent. Bis Ende 2011 soll es eine neue Regelung geben.

Volker Leienbach, Direktor des Verbands der privaten Krankenversicherungen: „Wir brauchen ein politisches Rahmenwerk für ein Verhandlungsmandat.“

Faire Verteilung medizinischer Leistungen

Das sind ganz neue Töne. Just der Verband, der seit Jahren alle juristischen Hebel zieht, um den staatlichen Einfluss auf seine Unternehmen zu minimieren, fordert nun eine gesetzliche Regulierung als Gegengift für steigende Pharmakosten.

Bernd Brüggenjürgen leitet das Institut für Gesundheitsökonomie der Süddeutschen Krankenversicherung, einer privaten Kasse. Er macht Rösler Druck: „In den kommenden zwei bis drei Jahren ist es realistisch möglich, an entscheidenden Stellen wie der Nutzenbewertung oder der Preisdeckelung bessere Rahmenbedingungen durchzusetzen.“ Nicht nur des Geldes wegen: „Durch eine gründliche, verbindliche Kosten-Nutzen-Analyse bei der Zulassung wird die Frage der fairen Verteilung medizinischer Leistungen nicht mehr an den Arzt delegiert, sondern für Patienten, Ärzte und Krankenhäuser verbindlich geklärt.“

Versandapotheken verkaufen vor allem rezeptfreie Mittel

Die Web-Seite einer Quelle: dpa

Die Web-Seite einer Versandapotheke

Bild: dpa

Auch bei Großhandel und Apotheken könnte laut Brüggenjürgen gespart werden: „Andere Länder haben viel weniger Apotheken. Oder Ärzte dürfen wie in der Schweiz die Medikamente direkt abgeben.“ Das spart Zwischenhandel und Apothekenaufpreis. In Deutschland gehen 85 Prozent aller Arzneien über den Apothekentresen an die Versicherten.

Die deutschen Kassen möchten den gesetzlich vorgeschriebenen Rabattbetrag pro Medikament, den die Apotheken an die Kassen zahlen müssen, auf 2,30 Euro, den aktuell gültigen Betrag, festzurren. Zurzeit wird eine Senkung diskutiert. Zudem würden die Kassen gern die Rabatte für sich vereinnahmen, die Großhändler den Apotheken gewähren, damit diese rationeller bestellen. So ließen sich laut Kassenvertretern Hunderte Millionen Euro einsparen.

Deutlich weniger bringen Internet-Apotheken à la DocMorris; die Euphorie der Kassen hat sich etwas gelegt. Denn Patienten nutzen die Versandapotheken vor allem, um rezeptfreie Mittel zu kaufen, die sie privat bezahlen müssen. Bei rezeptpflichtigen Medikamenten sind die Preise auch für Versandapotheken festgelegt – nur Händler, die aus dem europäischen Ausland operieren, können geringe Preisvorteile bieten, da sie die gesetzlich vorgeschriebenen Zuzahlungen, die Patienten für Medikamente zahlen, teilweise verrechnen dürfen.

Kosten-Nutzen-Bewertung

Der Marktanteil der Versandapotheken bei rezeptpflichtigen Mitteln liegt bei ein bis zwei Prozent. Und die Koalition scheint nicht geneigt zu sein, den Versandhandel zu fördern und etwa chronisch kranke Menschen zu dessen Nutzung zu ermuntern. Im Gegenteil: Laut Koalitionsvertrag will sie den Versandhandel eher beschränken; künftig könnten etwa Abholstellen in Drogeriemärkten abgeschafft werden.

Ähnlich durchwachsen sind die Erfahrungen mit Apothekenketten, die zwar in Deutschland verboten, in einigen europäischen Ländern aber erlaubt sind: Dort sanken die Preise für rezeptpflichtige Medikamente nicht spürbar.

Bluten soll also vor allem die Pharmaindustrie, und sie weiß es. Um schlimmere Folgen für die Branche abzuwenden, hat der Verband Forschender Arzneimittelhersteller Vorschläge präsentiert und setzt dabei auf Verträge zwischen Herstellern und Kassen. Die staatliche Kosten-Nutzen-Bewertung von Arzneien soll danach sofort einsetzen, wenn nicht innerhalb von zwei Jahren mindestens 50 Prozent des Marktvolumens eines Produkts durch Verträge mit den Kassen abgedeckt werden. „Beispielsweise“, so Hauptgeschäftsführerin Yzer, „kann ein Hersteller mit einer Krankenkasse vereinbaren, bei einem neuen Medikament einen Teil des Preises zurückzuzahlen, wenn die Therapie-Erfolge geringer ausfallen als erwartet.“

Vom Nutzen überzeugen

Die ersten Unternehmen handeln. Novartis hat für sein Präparat Aclasta gegen Osteoporose (Knochenschwund) mit DAK und Barmer Ersatzkasse vereinbart: Sollten sich deren Versicherte trotz Aclasta innerhalb eines Jahres doch die Knochen brechen, gibt es Geld zurück.

Bayer bezahlt den Versicherten von 130 Kassen die Erstbehandlung mit dem teuren Multiple-Sklerose-Medikament Betaferon, damit diese sich vom Nutzen des Mittels überzeugen können.

Milliarden für die Forschung

Pharmaumsatz

Pharmaumsatz

Aber kein Angebot ohne Gegenleistung: Die Branchenlobbyisten wünschen die Streichung von Importquoten – Apotheker müssen zur Kostensenkung fünf Prozent ihrer Medikamente aus dem billigeren Ausland beziehen und entsprechend abrechnen – und Festbetragsgruppen. Damit sind Höchstbeträge festgelegt, die die Krankenkassen zahlen; davon sind auch einige patentgeschützte Arzneimittel betroffen.

Das VFA-Mantra: Neue Medikamente müssen teuer sein, denn sie verursachen hohe Entwicklungskosten. Gewinne von heute ermöglichten die Entwicklung der Medikamente für morgen. 13 Prozent der Umsätze fließen im Schnitt in Forschung und Entwicklung, in Deutschland waren es 2008 rund 4,8 Milliarden Euro.

„Das Entwicklungsprogramm für unseren Gerinnungshemmer Xarelto kostet mehr als eine Milliarde Euro“, nennt Bayer-Chef Werner Wenning ein Beispiel. Das Mittel soll bald auch vorbeugend gegen Schlaganfall und Herzinfarkt helfen.

Wenige der getesteten Substanzen sind marktfähig

Während der etwa zehnjährigen Forschungs- und Entwicklungsphasen erweisen sich die wenigsten der getesteten Substanzen schließlich als marktfähig. 800 Millionen Dollar koste es die Unternehmen im Schnitt, eine Arznei auf den Markt zu bringen, Fehlversuche eingerechnet, so eine Studie des Tufts Center for the Study of Drug Development aus Boston.

Kritiker wie die Harvard-Professorin Marcia Angell halten die Zahl für zu hoch: Der Berechnung lägen nur wenige, dafür aber besonders teure Medikamente zugrunde. Zudem fließen laut Angell in die Berechnung der Forschungs- und Entwicklungsausgaben auch Marketing- oder Vertriebskosten ein. Tatsächlich dürften die durchschnittlichen Kosten pro neuer Arznei nur etwa 100 Millionen Dollar betragen, so die Expertin.

Werbung und Verkauf teurer als Forschung

Weit mehr als das Doppelte vom Forschungsetat lassen sich die Unternehmen Werbung und Verkauf kosten – bis zu 30 Prozent des Umsatzes. Allein in Deutschland preisen Zehntausende Pharmareferenten die Präparate in Praxen und Kliniken an. „Medikamente sind erklärungsbedürftige Produkte“, sagt VFA-Lobbyistin Yzer, „die können Sie nicht einfach verramschen wie eine Konsumware.“

Zumindest ein Teil der Pharmagelder ist gut angelegt. Immer wieder gibt es Durchbrüche. Das Krebsmittel Glivec von Novartis beschert Patienten, die an einer bestimmten Form von Leukämie leiden, ein längeres Leben. Ähnliches gilt für Bayers Nexavar gegen Leber- und Nierenkrebs.

Schein-Innovation

Tabletten Quelle: dpa

Tabletten

Bild: dpa

Doch längst nicht jedes Medikament, das die Entwicklungspipeline verlässt, ist wirklich innovativ. So läuft für Glivec derzeit der Patentschutz aus, Generikaanbieter drängen bald mit billigen Kopien auf den Markt. Novartis hat deshalb das teure Nachfolgeprodukt Tasigna entwickelt.

„Hier handelt es sich für die Mehrheit der Patienten um eine klare Schein-Innovation“, ärgert sich Klinikdirektor Ganser. Zwar geht mit Tasigna die Zahl der Krebszellen im Blut und Knochenmark schneller zurück. Doch weder leben die Patienten länger, noch fühlten sie sich besser, so der Mediziner. Statt das pro Monat 5131 Euro teure neue Tasigna zu nehmen, könnten sie getrost das um ein Drittel billigere Glivec oder in Zukunft günstigere Nachahmerprodukte nutzen, sagt Ganser: „Die Patienten hätten davon keinerlei Schaden.“ Von 29 Wirkstoffen, die 2008 in Deutschland neu eingeführt wurden, können – laut „Arzneiverordnungsreport“ – nur etwa zwölf als Innovationen gelten.

Traumrenditen

Kann Rösler sich durchsetzen? Die Voraussetzungen des Ministers für die Kraftprobe sind einerseits nicht schlecht. Als FDP-Mann ist er unverdächtig, der Pharmabranche über Gebühr schaden zu wollen. Und den Medikamentenherstellern gehen die Gegenargumente aus: Die Branche blieb von der Krise verschont und erzielt weiter Traumrenditen.

Bedenken

Aber sie bekommt Verstärkung, ausgerechnet aus der Politik, von den Ministerpräsidenten der Länder mit Pharmastandorten. Vergangene Woche meldete der saarländische Wirtschaftsminister Christoph Hartmann in einem Brief an seinen Parteifreund Rösler „tiefste Bedenken“ gegen dessen Pläne an. Er habe Sorge, dass „eine große Anzahl von Arbeitsplätzen in Gefahr“ geraten könnte“.

Alte Reflexe – auf beiden Seiten.

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