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Gesundheitspolitik: Der Pillen-Dreh: Wie Medikamente billiger werden sollen

von Jürgen Salz, Susanne Kutter und Anke Henrich

Steigende Arzneimittelpreise machen Krankenkassen arm und Pharmakonzerne reich. Gesundheitsminister Philipp Rösler will das jetzt ändern. Doch seine Pläne gehen nicht weit genug. Erfolgreiche Strategien aus dem Ausland zeigen, wie Medikamente wirklich billiger werden.

unt_pharma_aufm Quelle: Getty Images/David Sutherland
unt_pharma_aufm Quelle: Getty Images/David Sutherland

Wie entsteht ein Preis? Durch Angebot und Nachfrage? Nicht in der deutschen Pharmaindustrie. „Will ein Unternehmen zum Beispiel mit einem neuen Krebsmittel etwa zwei Milliarden Euro pro Jahr verdienen“, erzählt ein Insider, „und gibt es dafür nur 30.000 Patienten, dann teilt man eben die zwei Milliarden Euro durch 30.000 und fertig ist ungefähr der Preis.“ So kostet eine Jahresration des Darmkrebsmittels Erbitux in Deutschland gut 62.000 Euro, pro Monat macht das 5200 Euro. In Großbritannien bezahlen die Patienten für dasselbe Präparat nur 2858 Euro. Das ist symptomatisch: Um 18 Prozent liegen die deutschen Medikamentenpreise über dem Durchschnitt der OECD-Industrieländer.

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Pharmahersteller können in Deutschland nicht nur für rezeptfreie Mittel von Aspirin bis Warzensalbe, sondern auch für rezeptpflichtige Medikamente die Preise frei festlegen. Neben Malta und Dänemark ist Deutschland das einzige Land in Europa, in dem Krankenversicherungen immer noch ohne Kontrolle zahlen, was Arzneimittelfirmen fordern.

Kein Wunder, dass das deutsche Gesundheitswesen an den Kosten zu ersticken droht. Angesichts immer weiter steigender Pillenpreise und Krankenkassenbeiträge nimmt Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler nun den Kampf mit Pharmagiganten wie Bayer, Boehringer oder Novartis auf. Sein Rezept, um die Arzneimittelkosten um bis zu zwei Milliarden Euro pro Jahr zu drücken: Rösler will den Konzernen Verhandlungen mit den Kassen aufzwingen. Die Pillenhersteller können künftig nicht mehr erwarten, dass ihnen jeder gewünschte Preis erstattet wird. Auch sollen sie stärker den Nutzen ihrer Produkte und den Mehrwert gegenüber der Konkurrenz nachweisen.

Deutsches Gesundheitswesen auf der Intensivstation

Immerhin. Doch Rösler könnte noch viel mehr tun, um Versicherte und ihre Arbeitgeber finanziell zu entlasten. So gibt es bei der Preisfestsetzung für Medikamente Stellschrauben, an denen andere Länder längst mit Erfolg drehen: härtere Nutzen-Nachweise, keine automatische Erstattungspflicht der Krankenversicherungen, Zulassungsbeschränkungen von Medikamenten je nach Krankheit oder Patientengruppe, die Deckelung von Unternehmensgewinnen und einiges mehr. Das Sparvolumen in Deutschland wird auf fast dreieinhalb Milliarden Euro jährlich geschätzt, ohne dass die Patienten zu leiden hätten.

Das deutsche Gesundheitswesen ist ein Intensivpatient: Allein für Arzneimittel gaben die gesetzlichen Kassen (GKV) im Jahr 2009 etwa 30 Milliarden Euro aus – Tendenz: um jährlich rund fünf Prozent steigend. Die Bundesregierung pumpte 2009 schon 15,4 Milliarden Euro Steuergeld in den Gesundheitsfonds zur stabileren Finanzierung der gesetzlichen Kassen. Selbst die privaten Krankenversicherungen (PKV), die staatlichen Einfluss auf ihr Geschäft sonst ablehnen, rufen nach mehr gesetzlichem Rückhalt bei Preisverhandlungen mit Pharmakonzernen.

Rabatte und Moratorien

Die Geldnot hat Folgen über steigende Beiträge hinaus. So beklagt Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe die versteckte Rationierung medizinischer Leistungen.

Der Druck auf Rösler ist deshalb enorm. Doch dem jungen Minister steht die erprobte Abwehrfront der Pharmalobby gegenüber. Sie schwingt bei jedem Reformversuch die „Wir sichern Arbeitsplätze in Deutschland“-Keule. Derzeit sind das rund 127.000 Jobs. Röslers Vorgängerin Ulla Schmidt (SPD) hat sich mehrfach die Zähne ausgebissen bei der Sisyphosarbeit, die Branche zu regulieren – unter anderem mit Festbeträgen und einem Preismoratorium.

9 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 18.03.2010, 12:30 UhrAnonymer Benutzer: Flug430

    Es gibt die europäische Lösung für dieses Problem. in 4 - 6 Eurostaaten wird der Durchschnittspreis für ein bestimmtes Medikament ermittelt und der ist dann für Deutschland verbindlich. Damit wird mit einem Schlag ein vernünftiger Preis festgestellt. ich habe dies an 4 Artikeln schon ermittelt und würde fast 28% für diese Artikel in Deutschland sparen!

  • 18.03.2010, 11:38 UhrAnonymer Benutzer: kunerich

    1.) ich hätte einen Vorschlag zur Schaffung von Arbeitsplätzen:
    Es müssen einfach mehrere tausend handbetriebene Erbsenzählmaschinen eingeführt werden, die pro Maschine mehrere Personen als bedienpersonal benötigen. Die Kosten dafür werden vom Staat übernommen. Natürlich braucht kein Mensch solche einen Maschine, aber jeder freut sich über die vielen dafür geschaffenen Arbeitsplätze....
    bei Apotheken klappt dieser Handel doch wunderbar. in vielen Orten gibt es inzwischen mehr Apotheken als bäckereien.
    2.) Jeder der einmal im Handel gearbeitet hat, weiss, dass ein Rabatt auf ein Produkt absolut keine Aussage über den tatsächlichen Wert des Produktes zulasst. Wenn jemand über den Preis Handel will, wird der Preis vorher eben entsprechend erhöht. Jeder Teppichverkäufer lebt von diesem Trick. Ein Produkt ohne Rabatt kostet (überteuerte) 1000Euro und der Kunde will Handeln: Kein Problem. Der Preis wird vorher auf 1500Euro erhöht undd er Kunde darf sich dann über die 10-20% freuen, die er durch sein Feilschen heruntergehandelt hat. Nach meiner Erfahrung funktioniert das einwandfrei. Die Pharmaindustrie kennt diesen Trick mit Sicherheit auch.
    3.) Die hohen Entwicklungskosten für neue Medikamente mögen richtig sein. Aber was ist mit den vielen Medikamenten, deren Entwicklungskosten schon lange wieder hereingeholt wurden?
    4.) Medikamente werden inzwischen weltweit vertrieben. Warum kann ein Pharmaunternehmen die entsprechenden Entwicklungskosten in jedem Land von neuem komplett auf den Produktpreis aufschlagen? Warum sind nur die Deutschen so blöd, hier keinen Riegel vorschschieben?

  • 18.03.2010, 11:27 UhrAnonymer Benutzer: cubery

    ganz einfache lösung. leute entlassen und mit einem teil davon ihr einkommen finanzieren und ein rest bleibt als ersparnis. wenn sogar alle 127.000 jobs entfallen würden und dadurch die ersparnis von 4 Mrd. realisirt wird. dann könnte jeder der arbeitnehmer rund 31500 Euro kassieren. und da nicht alles entlassen werden können und die löhne teilweise geringer ausfallen dürften. würde ein teil des geldes übrig bleiben. nur so grob geschätzt ;-)
    das errinert mich irgendwie an die subventionen in den Kohlebergwerken, wo die subventionen die einkünfte der arbeiter weit übersteigen.
    grüße

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