Gewinnwarnung: Siemens und das Aschenputtel-Prinzip

Gewinnwarnung: Siemens und das Aschenputtel-Prinzip

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Siemens- Chef Peter Löscher erwartet eine turbulente Hauptversammlung

Die Gewinnwarnung von Siemens beweist: Dieselbe Geisteshaltung, die zu Korruption und schwarzen Kassen geführt hat, sorgt auch für operative Schäden.

Lange Zeit hat Peter Löscher an seinem Bild von Siemens gezeichnet. Ein Konzern mit zwei Gesichtern ist da zu sehen: Dort im Zwielicht der schlechte Teil, ein System aus Korruption und schwarzen Kassen in Höhe von 1,3 Milliarden Euro, aufgebaut von verantwortungslosen Managern mit laxer Einstellung zu korrektem Geschäftsgebaren. Auf der anderen Seite der gute Teil, der vor Kraft strotzende Siemens-Konzern, der trotz aller Schmiergeldskandale operativ immer profitabler voranschreitet.

Seit Anfang der Woche ist klar, dass das Management des Siemens-Chefs nach dem Aschenputtel-Prinzip – die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen – nicht funktioniert: Um fast eine Milliarde Euro musste Löscher seine Gewinnerwartung wegen falsch kalkulierter Großprojekte im laufenden Quartal reduzieren. Die Kapitalmärkte quittierten das unerwartete Eingeständnis des 50-jährigen Österreichers mit einem Ausverkauf im großen Stil: Der Kurs der Siemens-Aktie brach am Montag in der Spitze um fast ein Fünftel ein, eine Wertvernichtung von 14 Milliarden Euro binnen weniger Stunden. „Was wir hier vor uns liegen haben, ist die Aufarbeitung von Vergangenheit“, wiederholte Löscher gebetsmühlenartig. Womit er sachlich gewiss richtig liegt.

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Als Beruhigungspille wirkte seine Beteuerung dennoch nicht. Das dürfte nicht nur an der völligen Überraschung der Märkte liegen. Der gesamte Vorgang beweist, dass Löschers Bild von Siemens zu holzschnitthaft gezeichnet war, dass Korruption und operatives Geschäft bei Siemens mitnichten voneinander getrennte Dinge sind. Denn es erweist sich, dass dieselbe laxe Geisterhaltung, die in Teilen des Managements zu schwarzen Kassen und Bestechung geführt hat, auch im operativen Geschäft ihre Spuren hinterlassen hat. Eine Geisteshaltung, die nicht nur Korruption begünstigt, sondern auch ein eigenwilliges Geschäftsgebaren hervorgebracht hat.

Beispiel Transrapid: Noch Anfang 2007 gab sich der damalige Konzernchef Klaus Kleinfeld gegenüber der WirtschaftsWoche völlig sicher, das Projekt zur Verlängerung der Magnetschwebebahn in Shanghai bald unter Dach und Fach zu bekommen. Wie er ebenfalls zugab: Trotz fehlender Unterschrift der Chinesen hatte das Transrapid-Konsortium aus Siemens und ThyssenKrupp bereits mit Bauarbeiten an der Strecke begonnen, die bis zur Weltausstellung 2010 fertig sein soll. Seinerzeitige Begründung: „Die Unterschrift kommt schon, kein Problem“, sagte Kleinfeld lapidar.

Die derartige Laxheit bekommt nun Kleinfelds Nachfolger Löscher zu spüren. So ist der Transrapid-Vertrag bis heute nicht unterschrieben. Beim kollektiven Siemens-Büßgang am vergangenen Montag räumte Heinrich Hiesinger, Chef des Siemens-Sektors Industrie, zu dem auch das Sorgenkind Bahntechnik gehört, die anhaltenden Probleme in China offiziell ein. Die Verlängerung der Transrapid-Strecke gestalte sich zu einer Hängepartie; Vorleistungen in Höhe von rund 50 Millionen Euro drohe Siemens zu verlieren, wenn die Trasse, die unter anderem von massiven Anwohnerprotesten bedroht wird, nicht gebaut werde.

Im Siemens-Aufsichtsrat will man die unerwartete Gewinnwarnung nicht allzu hoch hängen und verweist darauf, dass Konzernchef Löscher die volle Rückendeckung für den Kurs des reinen Tischs habe. „Er soll ja gerade alle Risiken offenlegen“, sagt ein Aufsichtsrat, der ungenannt bleiben will. Für die Höhe der unerwarteten Probleme, die vor allem Projekte im Kraftwerksgeschäft, in der Zugsparte und im IT-Bereich betreffen, hat er seine eigene Interpretation: Die drei zum Jahresanfang neu geschaffenen Bereiche Industrie, Energie und Gesundheit sowie die 15 darunter liegenden Divisionen würden fast durchgängig von neu berufenen Managern geführt. „Die haben jetzt natürlich die Altprojekte ihrer Vorgänger unter die Lupe genommen und so viele Risiken wie möglich gemeldet, um unbelastet starten zu können“, so der Aufsichtsrat. 

Vor weiteren Herausforderungen steht nun freilich vor allem Konzernchef Löscher: Er muss nicht mehr nur mit Hochdruck daran arbeiten, das Thema Korruption aufzuarbeiten und dem gesamten Konzern ein regelkonformes Geschäftsgebaren zu verordnen. Sondern er muss auch daran arbeiten, dass Siemens-Manager künftig nicht mehr Aufträge an Land ziehen, indem sie teure Vorleistungen ohne konkrete Verträge anbieten – gemäß dem Motto: „Fangen wir mal an, den Vertrag bekommen wir schon irgendwie hin.“

Ein grober Holzschnitt in Schwarz-Weiß genügt eben nicht, den Siemens-Konzern zu zeichnen. Es geht um eine komplett neue Geisteshaltung, die Löscher seinen Managern einpflanzen muss, und einen völlig neuen Stil, wie die Siemensianer ihre Großprojekte in Zukunft angehen.

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