GM/Opel: Ende einer Dienstfahrt - Seite 2

GM/Opel: Ende einer Dienstfahrt

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In Deutschland hatte die große Koalition ganz anders agiert. Unter dem Druck des heraufziehenden Bundestagswahlkampfs hatten sich der damalige Vizekanzler und SPD-Herausforderer Frank-Walter Steinmeier und die Regierungschefin einen Wettlauf um die Gunst der Opel-Arbeiter und des Publikums geliefert. Steinmeier lud Auto-Betriebsräte ins Außenministerium, Merkel organisierte übers Wochenende für denselben Montag einen Opel-Gipfel im Kanzleramt.

Erst drei, dann sogar vier Investoren buhlten bei der Regierung um eine Opel-Übernahme: Der italienische Konkurrent Fiat, der Finanzinvestor RHJI, ein chinesischer Hersteller und schließlich Magna. Schon früh entwickelten Merkel und Steinmeier, aber vor allem auch die Bundesländer mit Opel-Werken eine klare Präferenz für den kanadisch-österreichischen Zulieferer. Denn der versprach, die meisten Arbeitsplätze in Deutschland zu erhalten. Der Jobabbau sollte danach vor allem die anderen europäischen Standorte treffen. Das belgische Werk in Antwerpen, das alle Investoren auf der Schließungsliste hatten, Saragossa in Spanien, Luton in England. So versessen war die deutsche Politik auf das Konzept, dass sie sogar die EU-Partner brüskierte und anbot, die Staatsstütze erstmal allein vorzufinanzieren.

Wie zuverlässig ist GM in Zukunft?

In den vergangenen Wochen und Monaten hatte die Bundesregierung durchaus registriert, dass GM Oberwasser bekam. Nach Insolvenz und Verstaatlichung habe der Gigant wieder Rücklagen von 20 Milliarden Dollar aufgebaut. „Die wurden immer selbstbewusster“, heißt es im Kanzleramt. Aber gleichzeitig glaubten alle bis hinauf zur Kanzlerin, dass GM auf Kurs bliebe. Schließlich hatte der US-Kongress festgelegt: No taxpayers money for overseas. Und ohne Steuergeld, so die deutsche Sicht, sei eine Opel-Sanierung nun einmal nicht zu machen.

Nun herrscht erstmal ein Gleichgewicht des Schreckens, ganz wie im kalten Krieg. Nachdem Henderson am Telefon den Finanzbedarf auf drei Milliarden Euro beziffert hatte, erhöhte eine GM-Sprecherin kurz darauf den Druck: Eine Insolvenz sei nicht auszuschließen. Für die Bundesregierung konterte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm offiziell ungerührt: GM habe mit der Absage an Magna erklärt, „dass es die Hilfe Deutschlands, der deutschen Bundesländer und der anderen europäischen Länder braucht, um eine Investorenlösung stemmen beziehungsweise gestalten zu können.“ Gleichwohl könne jeder einen Bürgschaftsantrag stellen, der dann nach Recht und Gesetz bearbeitet werde.

Staatliche Hilfe?

Hinter vorgehaltener Hand ist die Argumentation noch etwas ausgefeilter: Voraussetzung für jede staatliche Unterstützung sei neben dem tragfähigen Geschäftsmodell die Zuverlässigkeit der Geschäftsführung. Wenn GM nun den Investor Magna vor die Tür gesetzt hätte, ohne selbst finanziell zur die Opel-Sanierung in der Lage zu sein, sei allein dies schon der Beweis für mangelnde Zuverlässigkeit – und damit der K.o. für jegliche staatliche Hilfe.

Doch am Ende sind das alles leere Drohungen. Klar ist: Beide Seiten können kein Interesse an einer Insolvenz von Opel haben:

GM ruinierte damit schlagartig das ohnehin bislang nicht üppige Ansehen der deutschen Marke, die sich gerade erst mit den Neuentwicklungen Insignia und Astra herausputzen will. Zudem droht dann die Flucht der besten Mitarbeiter zur Konkurrenz. Außerdem hält das GM-Management Opel inzwischen für unverzichtbar.Bund und Standortländer wollen die Zahl der Arbeitsplatzverluste möglichst gering halten. Und bis auf Rüsselsheim liegen alle deutschen Werke in Regionen, in denen es auf jeden Job ankommt.

Als habe sie nichts aus der brüskierenden Pleite mit GM gelernt, drängt die deutsche Politik schon wieder ins Geschäft. GM müsse nun zügig ein Standort- und ein Finanzkonzept vorlegen, verlangen Bund und Länder vielstimmig, aber einheitlich. Eine Verpflichtung dazu entstünde erst, wenn GM oder Opel einen Antrag auf Staatsgeld stellen.

Taktisch sitzt General Motors am längeren Hebel. Die Amerikaner können die europäischen Länder nun leicht gegeneinander ausspielen. Aufgeschlossenheit könnten sie dort finden, wo die Arbeitsplatzverluste nach den neuen Plänen geringer ausfallen sollen als im Magna-Konzept. In Großbritannien beispielsweise jubilierten die Gewerkschaften schon ob der neuen Chance. Nur in Belgien ist kein Optimismus angebracht: Das Werk in Antwerpen galt in den Sanierungskonzepten aller Interessenten als Schließungskandidat fest.

13 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 10.11.2009, 07:13 UhrAnonymer Benutzer: Mariopsa

    Flipperkugel und Marktwirtschaftler kann ich nur zustimmen. Wenn die Gelder, die in Opel gesteckt werden für junge Gründer zur Verfügung ständen, könnte man wesentlich mehr erreichen. Jobs schaffen in Deutschland im Wesentlichen die kleinen und mittleren Unternhemen und nicht die Großunternehmen. Aber natürlich ist es für Politiker und auch Gewerkschafter viel interessanter die Großen zu stützen. Da winkt ja Popularität und Sitze in den Aufsichtsgremien. Ein junger ingenieur der eine zündende Geschäftsidee hat läuft sich dagegen die Hacken ab um auch nur einen Euro Fremdmittel zu erhalten

  • 09.11.2009, 17:13 UhrAnonymer Benutzer: @Flipperkugel

    absolut d'accord.

    Und warum sollen die ingenieure und Mitarbeiter ein immerwährendes Anrecht darauf haben, dass sie sich nicht ändern brauchen? Nichts dazulernen? Jeden Tag das tun, was man gestern auch gemacht hat.

    Wenn die Leute im Osten Deutschlands nach dem Mauerfall das gleiche gemacht hätten? Na ok, sie haben's versucht, aber mit der Zeit merkt auch der letzte, dass die Welt sich dreht und ändert.

    Wenn man neben Golf, C'eed und Focus eben nicht auch noch einen Astra braucht, muss man eben in das investieren was nachgefragt wird.

    Deswegen gibt es den Markt. Um die Änderung zu koordinieren und zu steuern.

  • 09.11.2009, 14:56 UhrAnonymer Benutzer: Flipperkugel

    @witzke
    Wie kommen Sie auf 150.000?? OPEL Deutschland hat ca. 25.000 beschäftigte, die im übrigen wie alle anderen bandschrauber in Deutschland jahrzentelang fürstlich für ihren Job entlohnt wurden, mit Sozialleistungen, von denen ich und andere Arbeitnehmer in diesem Land nur träumen können. Das das so nicht ewig weitergehen konnte, dürfte jedem normal denkenden Menschen klar sein (auch andere deutsche Hersteller werden früher oder später Probleme bekommen). Wenn die Produkte von OPEL so toll sind, warum hat das Unternehmen dann überhaupt Probleme? Oder anders gesagt, selbst wenn die Produkte eines Unternehmens großartig sind, muß es trotz allem auch noch Kunden geben, die diese dann kaufen. Und offenbar gibt es nicht genügend OPEL-Käufer von denen der Hersteller in dieser Größe weiter überleben kann. Und da OPEL ein privat geführtes Unternehmen ist, kann es nicht Aufgabe des Steuerzahlers sein eine nicht konkurrenzfähige Firma "zu stützen". Ähnliches Engagement hätte man ja sonst auch für ARCANDOR zeigen müssen (immerhin geht es da auch um über 56.000 Jobs). Und was ist mit den ganzen Kleinbetrieben, die vielleicht 5-10 MA haben? Die stehen nicht im öffentlichen interesse und werden mit ihren, oftmals unverschuldeten Problemen, alleine gelassen (schlechte Zahlungsmoral der Auftraggeber z.b.). Und deren MA profitieren leider nicht von Sozialleistungen und Abfindungen aus Wirtschaftswunderzeiten, wie die Kollegen der deutschen Autobauer!

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