_

Google, Amazon, Apple: Software-Firma überzieht US-Internetkonzerne mit Millionenklagen

von Sebastian Schulte

In den USA überzieht eine fast unbekannte Software-Firma Internetriesen wie Google, Amazon und Apple wegen Patentverletzung mit einer Klagewelle. Denn eine Anwendung aus einem Webbrowser heraus aufzurufen, hat sich die Firma schon vor mehr als zehn Jahren schützen lassen.

Im Webbrowser Anwendungen Quelle: obs
Im Webbrowser Anwendungen aufzurufen, ist patentrechtlich geschützt. Nun klagt der Inhaber der Patente gegen Großunternehmen auf Schadenersatz wegen Patentverletzung Quelle: obs
Anzeige

Fast könnte man sich die Augen reiben: Von diesem Unternehmen dürfte kaum jemand vorher gehört haben - doch die Nachricht hat es in sich. Eine Software-Firma namens Eolas verklagt in den USA 23 weltweit bekannte Unternehmen - darunter Größen wie Google, Amazon und Apple - wegen Patentverletzung. Das kalifornische Unternehmen wirft den Internetriesen vor, eine geschützte Internetfunktion auf ihren Seiten einzusetzen. Mit dieser können user interaktiver Inhalte in ihrem Webbrowsern aufrufen.

Schon am vergangenen Dienstag hat Eolas die Klage gegen fast zwei Dutzend US-amerikanische Konzerne bei einem Gericht in Texas eingereicht. Die Aussichten, den Rechtsstreit zu gewinnen, stehen sogar gut. Eolas habe diese Technik bereits vor 15 Jahren entwickelt, sagte Unternehmenschef Michael Doyle. Von den Innovationen anderer zu profitieren ohne dafür zu zahlen, sei von Grund auf ungerecht. „Alles was wir wollen, ist Gerechtigkeit.“

Und die hat Eolas bereits vor fünf Jahren per Gerichtsurteil erstritten: 2004 wurde Microsoft zu der rekordverdächtige Summe von 565 Millionen Dollar verurteilt. Später einigten sich beide Parteien auf einen Vergleich in unbekannter Höhe. Wenn sich David also wieder gerichtlich gegen die Goliaths durchsetzen kann, könnten rund zwölf Milliarden Dollar zusammenkommen - Eolas-Chef Doyle und seine Aktionäre dürften sich schon jetzt die Hände reiben.

Grundidees des WWW patentrechtlich geschützt

Im Kern geht es bei dem Streit um das - durchaus umstrittene - US-Patent 5.838.906. Eolas hatte es 1994 eingereicht, vier Jahre später erteilte die Behörde das Patent auch. Es schützt die Idee des Eolas-Chefs, aus einem Webbrowser heraus per Mausklick eine Anwendung aufzurufen. Die grundlegende Idee des World Wide Web ist demnach patentrechtlich geschützt. Ohne sämtliche Funktionen, die von diesem Patent betroffen sind, würde der Nutzer im Internet nur noch statische Seiten vorfinden.

Dreimal ist das Patent seither überprüft worden - zuletzt im Februar 2009 -, zweimal davon sogar bis ins letzte Detail. Jedesmal wurde Patenteinreicher Doyle bestätigt: Das Patent hat also Bestand. Der Eolas-Chef hat die Patentschrift seitdem stets um weitere Funktionsaufrufe erweitern lassen (US-Patent 7.599.985).

Eolas will Recht bekommen: Das Unternehmen sieht seine Patente verletzt und will vermutlich auch künftig satte Einnahmen durch Lizenzgebühren einstreichen. Prinzipiell ist jeder Webseiten-Betreiber oder Programmierer davon betroffen, der dieses Verfahren anwendet. Nur dass es sich bei diesem Verfahren eben um das Herz des Internet handelt.

Wie die Geschichte ausgehen wird, ist noch nicht abzusehen. Als Ironie des Schicksals für die beklagten Großunternehmen scheint es, dass das US-Patent 7.599.985 erst am vergangenen Dienstag zugeteilt worden ist. An diesem Tag reichte Eoals am US District Court for the Eastern District of Texas in Tyler (Texas) Klage ein. Die Klage gegen die 23 Unternehmen umfasst auch das neu erteilte Patent.

3 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 27.02.2010, 15:15 UhrAnonymer Benutzer: TW

    Softwarepatente sind gut, nützlich und erfüllen ihren Zweck. Die Gegner von Softwarepatenten übersehen den Nutzen von Patenten, argumentieren undifferenziert und greifen die bösen Firmen an, die sich Patentschutz für Computerprogramme sichern. Zu beachten ist jedoch, dass auch viele "kleine", freie Entwickler, die in mühevoller, stundenlanger Programmierarbeit etwas Neues und Nützliches schaffen, auch das Recht haben, sich ihr geistiges Eigentum schützen zu lassen. Niemand sieht gerne, dass seine Entwicklung von Microsoft & Co einfach geklaut wird; und der Erfinder der Softwareidee geht leer aus. Dies ist nicht fair.

    EOLAS ist ein Start-Up Unternehmen, das an der Universität von Kalifornien gegründet wurde. Unternehmensgründer wissen, wie schwierig es ist, sich auf dem Markt zu etablieren, und dass Patente hier sowohl als finanzieller Startmotor als auch um von beginn an einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil zu erhalten, hilfreich sind. Ferner dürfte es einleuchten, dass gerade (Software)Erfindungen, die an Hochschulen/ Universitäten gemacht werden, eben gar nicht trivial sind, wie es scheint, sondern auf intensiver Forschung und Entwicklung basieren.

    Es darf nicht übersehen werden, dass viele den Softwareideen schon sehr alt sind (EOLAS‘ Grundidee, Programme aus dem browser heraus aufzurufen, jetzt 16 Jahre!!). Damals waren die Erfindungen möglicherweise revolutionär, Patente also gerechtfertigt.

    Schlimm ist es, dass die großen Konzerne zwar selbst gerne Patente haben wollen, sich aber selbst nicht um Patente Anderer kümmern. Die rechtmäßigen Erfinder erleiden daher jährlich Millionenschäden. Daher kann in dem Streitfall "EOLAS gegen den Rest der Welt" durchaus eine gewisse Genugtuung empfunden werden.

    Es ist jedoch ungerechtfertigt, die Software-Patentinhaber grundsätzlich als böse buben darzustellen, die nur die Dollarzeichen in den Augen haben, und die Abschaffung des Schutzes von Softwareerfindungen zu fordern.

  • 08.10.2009, 16:21 UhrAnonymer Benutzer: mk

    Hier wird der ganze Unsinn der Softwarepatente bis ins letzte durchexerziert.

    Da ist Häme fehl am Platz, denn am Ende geht es um die Zukunft der interaktion im internet.

    Ob aber die Vernunft sich irgendwann durchsetzt und diese Art von Patent abgeschafft wird, hängt wohl auch davon ab, ob die nun Geprellten die gierig in den Geldsack gekrallten Fingernägel wieder freikriegen und mal an einer Hand abzählen, was geistiges Eigentum an Fortschrittsbalken oder Smileys wirklich bringt...

  • 08.10.2009, 15:03 UhrAnonymer Benutzer: Prophet

    Die jetzt verklagten Unternehmen gehören zu denen die diese blödsinnigen Softwarepatente immer befürwortet haben.

    Hoffentlich bekomen alle diese Firmen jetzt endlich mal ihr Fett weg und zwar gewaltig.

    Vielleicht trägt das dann dazu bei die wirtschaftsfeindlichen Softwarepatente abzuschaffen.

Alle Kommentare lesen
weitere Fotostrecken

Blogs

Thalys: In Zukunft ohne Deutsche Bahn
Thalys: In Zukunft ohne Deutsche Bahn

Die Deutsche Bahn steigt aus dem Gemeinschaftsprojekt Thalys aus. Das Unternehmen besitzt derzeit zehn Prozent an dem...