Kaija Landsbergs Begegnung mit der Bürokratie begann mit einem Wasserkocher im Bundesinnenministerium. Das übliche Hallo am ersten Praktikumstag hatte die 27-Jährige hinter sich, jetzt hätte sie sich gern einen Tee aufgebrüht. Keine leichte Sache. „Eigentlich“, erklärte ihr ein Kollege, ein waschechter Jurist „von Hause aus“, „bringt hier jeder seinen eigenen Wasserkocher mit.“ Und tatsächlich standen vor der Spüle etwa zehn Wasserkocher, sorgsam aufgereiht, für jeden Mitarbeiter einen. An diesem Morgen lernte Kaija Landsberg, wie die deutsche Verwaltung funktioniert: Jede Menge Juristen achten darauf, dass alles seine Ordnung hat. Während in anderen Ländern längst eine bunte Mischung aus Ökonomen, Finanz- und Rechtsexperten den Staat verwaltet, wälzen in deutschen Amtsstuben fast ausschließlich Juristen die Aktenberge. Das soll sich ändern. So genannte Governance Schools arbeiten zurzeit daran, dass frisches Personal an die Schalthebel der Macht gelangt. Bis vor wenigen Jahren noch waren Hochschulen dieses Typs in Deutschland völlig unbekannt. Jetzt erleben die sozialwissenschaftlichen Pendants der Business Schools einen Boom. Mit der Erfurt School of Public Policy und der Hertie School of Governance in Berlin haben bereits zwei dieser neuen Kaderschmieden ihren Betrieb aufgenommen. An der Universität Duisburg-Essen entsteht gerade die NRW School of Governance. Und im Herbst 2007 soll die Humboldt Viadrina School of Governance in Berlin und Frankfurt/Oder starten. Um die hohe Kunst des Regierens in einer globalisierten Welt geht es all diesen neuen Bildungsangeboten. Doch variieren Preis und Inhalt beträchtlich. Nach angelsächsischem Modell erleben Studenten in den neuen Schulen kaum theoretischen Frontalunterricht. Vielmehr analysieren sie in Fallstudien Probleme aus dem öffentlichen Sektor: Warum hinkte das Mautsystem Toll Collect? Wer ist verantwortlich, wenn der Lärm startender Jumbos über die Landesgrenze dröhnt? Governance Schools wollen eine neue administrative Elite schaffen, die derart vielschichtige Fragen löst: „Weg vom Verwalter, hin zum Verhandler“, sagt Michael Zürn, Akademischer Direktor der Hertie School of Governance. Der typische Verwaltungsbeamte hat drei Leitsätze: Das war schon immer so! Da kann ja jeder kommen! Wo kommen wir denn da hin! Der typische Verwaltungsbeamte klebt am rechtlichen Status quo. Schätzungen zufolge sind mehr als 90 Prozent aller höheren Beamten in der Innen-, Justiz- und Finanzverwaltung Juristen. Sie durchforsten das Grundgesetz, das Verwaltungsrecht, das Verfahrensrecht, denken analytisch, handeln strukturiert und können ihre Gedanken klar ordnen. Juristen sind in der öffentlichen Verwaltung unentbehrlich. Zuverlässig halten sie den Rechtsstaat am Laufen. Aber sind wirklich nur Juristen geschaffen für diese Arbeit? „Nein“, sagt Werner Jann, Professor für Politikwissenschaft, Verwaltung und Organisation an der Universität Potsdam. „Eine juristische Ausbildung allein reicht in der heutigen Verwaltung nicht mehr aus. Sie ist zu normativ und vermittelt zu wenig empirische und ökonomische Kenntnisse.“ Die aber sind vonnöten in einer Welt, die immer unübersichtlicher wird und in der die öffentlichen Budgets schrumpfen. In den deutschen Amtsstuben aber änderte sich bisher wenig. Schuld ist auch das Laufbahnrecht, nach dem der Staat sein Personal einstellt. Nicht jeder erhält Zutritt zur Königsklasse, dem höheren Beamtendienst. Wer hier arbeiten will, muss ein Uni-Diplom und ein Staatsexamen vorweisen. Juristen können das, Lehrer auch. Betriebswirte nicht. Wollen sie den Beamtenstatus, müssen sie einen Vorbereitungsdienst und eine Laufbahnprüfung bestehen. Doch Wirtschaftsreferendariate sind rar.
Der Stoff, aus dem Eliten sind: Loten Sie Ihr Potential aus!
Zudem sind Deutsche für den internationalen Bereich oft nicht adäquat ausgebildet, ist aus dem Auswärtigen Amt zu erfahren. Auch die Stabsstelle für Internationale Personalpolitik im Auswärtigen Amt bestätigt: Deutsche sind in Organisationen wie WTO, WHO, Weltbank, IWF oder Unicef immer noch unterrepräsentiert. Gründe liefert ein aktueller, noch unveröffentlichter Forschungsbericht der Uni Erfurt. Demnach können Deutsche, die sich um internationale Spitzenämter bewerben, zwar fachlich mit ausländischen Konkurrenten mithalten. Im Vergleich zu Franzosen oder Amerikanern sind sie jedoch zu unbeweglich. Sie sind häufig nicht in der Lage, die Grenzen ihrer Disziplin zu überschreiten und quer zu denken. Staatliche Studienangebote, die gezielt praxistaugliche Generalisten für Top-Karrieren in Politik und Verwaltung vorbereiten, sind in anderen Ländern gang und gäbe. In Frankreich bildet die École Nationale d’Administration, kurz ENA, nationale Elitebeamte aus. In den USA zählt zum administrativen Zirkel der Macht, wer beispielsweise die John F. Kennedy School of Government an der Harvard-Universität besucht hat. Vergleichbare Spitzenschulen fehlten bisher in Deutschland. Zwar existieren an den Universitäten Konstanz und Potsdam verwaltungswissenschaftliche Studiengänge mit Tradition. Diese verstehen sich jedoch in erster Linie als Teil der Politikwissenschaft. Auch die von Bund und Ländern finanzierte Deutsche Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer läuft außer Konkurrenz. Sie bietet zahlreiche interdisziplinäre Aufbauseminare. Die Mehrzahl ihrer Studenten sind jedoch Rechtsreferendare oder Führungskräfte aus der Praxis, die ihr Verwaltungswissen auffrischen oder vertiefen wollen. Ein wenig blass wirken die bestehenden Studienangebote neben den frisch gegründeten deutschen Governance Schools, die mit schillernden Masterprogrammen und wenig bescheiden am Bildungsmarkt auftreten. So hat Karl-Rudolf Korte, Leiter der NRW School of Governance, bereits eine Vision: Er will seine Policy School zu einem „Ruhrpott-Harvard“ machen. Dabei richtet sich die Uni Duisburg-Essen, zu der die NRW School gehört, in erster Linie an deutsche Studierende – ebenso wie die Zeppelin University mit ihrem neuen Fachbereich Public Management & Governance. Beide Unis nutzen die europaweite Zwangsreform der Abschlüsse, um ihre Fakultäten zu entrümpeln und sich mit hoch spezialisierten Bachelor- und Masterstudiengängen zu profilieren.













