GPS-Satellitennavigation: Wie Navigationsgeräte-Firmen um einen Milliarden-Markt kämpfen

GPS-Satellitennavigation: Wie Navigationsgeräte-Firmen um einen Milliarden-Markt kämpfen

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Kamera-Wagen von Tele Atlas: In Indien werden aus den Videos digitale Karten gemacht

Sie sorgen für einen der kostbarsten Bausteine der mobilen Zukunft: Tele Atlas und Navteq erstellen digitale Karten unseres Planeten. Ohne sie wären Navigationsgeräte wertlos. Kein Wunder, dass sich Tom Tom und Nokia die Übernahme der Spezialisten viel Geld kosten lassen – es geht um Weichenstellungen in einem Milliardenmarkt.

Als das Brandenburger Tor, dann der Reichstag und schließlich die Siegessäule auftauchen, blickt der junge Inder nur kurz auf. Arvind Kumar Rana interessiert sich nicht für die Sehenswürdigkeiten der deutschen Hauptstadt. Er hat nur Augen für Verkehrsschilder. Lange betrachtet Rana die Vorfahrtsregeln am Großen Stern. 50.000 Autos umrunden hier täglich die Siegessäule, unzähligen Fahrschülern und Ortsfremden treibt der Kreisverkehr Schweißperlen auf die Stirn. Auch der blaue Golf vor ihm weiß nicht recht, wo er lang will, blinkt erst rechts, dann wieder links. Doch Rana bleibt cool. Mit einem Mausklick hält er den Berliner Verkehr an. Der blinkende Golf, der rasende Verkehr, die Siegessäule – alles gefriert auf Ranas Bildschirm.

Ranas Reise ist kein Sightseeing-Trip, sondern harte Arbeit: Im Auftrag des im TecDax gelisteten niederländischen Unternehmens Tele Atlas aktualisiert er digitale Karten für Navigationsgeräte. Das macht er nicht in Berlin, das machen er und Dutzende Kollegen in Noida, einem Vorort von Neu-Delhi.

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Was später in Hunderttausenden von Autos den Fahrern den Weg weisen soll, ist das Ergebnis eines hochkomplexen Prozesses. Denn bevor die Reisedaten in den Orientierungshilfen von Tom Tom und Co. landen, reisen sie selbst um die halbe Erde.

Die Produkte einer Milliardenbranche, die digitalen Karten, gelten unter Experten als eine Goldwährung der mobilen Zukunft. Denn ohne das niederländische Unternehmen Tele Atlas und seinen Konkurrenten Navteq aus dem US-Bundesstaat Illinois wären all die schicken Tom Toms, Garmins, Navigons Elektronikschrott ohne Funktion. Ohne sie gäbe es kein „wenn möglich bitte wenden“.

Tele Atlas und Navteq sind weltweit die einzigen Unternehmen, die Europa und Nordamerika zum Großteil kartografiert haben – die digitale Vermessung der Welt ist ein Wettlauf zwischen Holländern und Amerikanern. Dabei hat die Alte Welt derzeit knapp die Nase vorn: Das Unternehmen aus ’s-Hertogenbosch hat bislang 73 Länder kartografiert, Navteq hinkt um einen Staat hinterher. Doch das Abfahren der Straßen ist mühsam und zeitaufwendig.

„In zehn Jahren“, sagt Tele-Atlas-Vorstand Jack Reinelt, „werden wir die größten Straßen in jedem Land der Erde erfasst haben.“

Tele Atlas und Navteq sind zu Hütern eines digitalen Schatzes geworden – kein Wunder, dass bei Europas größtem Navigationsgerätehersteller Tom Tom am vergangenen Mittwoch die Korken knallten: An dem Tag winkte die EU-Kommission die 2,9 Milliarden Euro schwere Übernahme von Tele Atlas durch. So viel Geld ist Tom Tom der Kauf eines Unternehmens wert, das im vergangenen Jahr erstmals einen bescheidenen Gewinn von 24 Millionen Euro erzielte.

Es ist auch kein Zufall, dass mit Nokia ausgerechnet der weltgrößte Handyhersteller seit Monaten darum ringt, Navteq für 5,6 Milliarden Euro übernehmen zu dürfen. So viel Geld haben die Finnen noch nie für eine Übernahme ausgegeben – eindeutiges Indiz dafür, wie bedeutsam das Thema Navigation für die sonst so kühlen Rechner von Nokia ist.

Das globale Kartenspiel geht längst über die umgangssprachlich zu „Navis“ verniedlichten Navigationsgeräte auf dem Armaturenbrett von Opas Astra hinaus. Anwendungen, Geräte und Techniken aus unterschiedlichsten Bereichen der Informationstechnologie wachsen zusammen.

Während das Geschäft mit den künstlich sterngesteuerten Fahrhilfen erste Sättigungserscheinungen zeigt, drängen neue Marktteilnehmer mit ihren Anwendungen vor: Digitale Karten, verbunden mit dem weltweiten Orientierungssystem GPS, stecken bald überall: „GPS inside“ heißt es bei Mobiltelefonen, Fotoapparaten und Notebooks. Selbst Sonys tragbare Version der Daddelkiste Playstation lässt sich dank GPS-Empfänger auch als Navigationshilfe nutzen – wenn der geneigte Gamer gerade mal genug hat vom „Grand Theft Auto“ und nachschauen will, in welchem Kaff er doch gleich steckt.

Gleichzeitig werden die realen Daten in der virtuellen Welt immer wichtiger: Im Internet werden immer mehr Inhalte mit Ortsinformationen verknüpft. Immer mobiler wird zugleich das WWW – erst über Notebooks und nun verstärkt per Mobiltelefon ist das Netz der Netze global fast überall verfügbar. Nokia und andere Mobilfunk-anbieter erwarten Milliardengeschäfte mit „ortsbezogenen Dienstleistungen“. So sollen das Programm des nächstgelegen Kinos oder die Tageskarte vom Italiener um die Ecke direkt aufs Mobiltelefon kommen. Die Signale der GPS-Satelliten und digitale Karten sind der Schlüssel zu diesen neuen Märkten.

„GPS fügt dem Netz eine neue Dimension hinzu“, sagt Chris Anderson, Chefredakteur von „Wired“, dem Zentralorgan aller Technikjünger. Immer mehr Informationen werden mit Ortskoordinaten versehen. Schon jetzt lassen sich so Fotos nach Aufnahmeort auf digitalen Karten anzeigen, Zeitungen verknüpfen ihre Nachrichten mit Karten, und auch der Standort von Personen lässt sich so bestimmen: „Zu lokalisieren, wo wir uns in Raum und Zeit befinden ist die Brücke zwischen virtueller und physischer Welt“, sagt Anderson.

So geraten Navigationsgerätehersteller wie Tom Tom, aber auch die US-Konkurrenz Garmin oder deutsche Anbieter wie Navigon, Falk oder Becker von ungewohnter Seite unter Druck: Experten erwarten, dass die künftige Entwicklung getrieben und geprägt wird vom Mobilfunkmarkt – denn künftig werden auch die meisten tragbaren Telefone mit GPS ausgerüstet. Nach der Auto- beginnt die Ära der Fußgängernavigation.

Das Marktforschungsunternehmens Telematics Research Group (TRG) aus Minnesota prognostiziert, dass Handyriese Nokia spätestens in sieben Jahren auch den Markt der Navigationsgeräte-Hersteller anführen wird. Statt schätzungsweise fünf Millionen Telefonen mit Navigationsfunktion wie im Jahr 2007 könnten die Finnen demnach 2015 weltweit 180 Millionen Stück verkaufen. Das Nachsehen hätten die klassischen Navigationsgerätehersteller.

Tom Tom und Garmin werden, der TRG-Studie zufolge, ihre Verkaufszahlen zwar auf immerhin jeweils 25 Millionen Stück mehr als verdoppeln. Doch gegenüber dem Mobilgiganten aus dem kalten Norden geraten sie ins Hintertreffen. „Die Zahlen sind konservativ geschätzt“, sagt TRG-Mitgründer Egil Juliussen, „es ist aber keine Frage, dass Nokia die Nummer eins sein wird.“

Karten und das Wissen um die Kunst der Navigation sind seit Menschengedenken Instrumente der Macht. Schon 1494, zwei Jahre nach Kolumbus’ Entdeckung Amerikas, hatte Papst Alexander VI. die Welt durch eine Demarkationslinie von Nord nach Süd zwischen Spanien und Portugal aufgeteilt. Doch die genaue Verortung der neu entdeckten Gebiete war schwierig. Kolumbus war auf einer geraden Linie, immer entlang desselben Breitengrads, über den Atlantik gesegelt. Denn bis ins 18. Jahrhundert war es Seefahrern unmöglich, die genauen Längengrade zu bestimmen, da sich diese durch die Drehung der Erde permanent verschieben.

Sternwarten wurden gebaut, quasi nebenbei neue Gestirne und ihre Entfernung entdeckt – doch Wissenschaftler wie Galileo Galilei und Isaac Newton verzweifelten am „Welträtsel“ der Längengradbestimmung. 1714 schrieb das britische Parlament im „Longitude Act“ einen nach heutigen Maßstäben mehrere Millionen Euro schweren Preis für eine Problemlösung aus. Dem englischen Uhrmacher John Harrison aus Yorkshire gelang es schließlich im 18. Jahrhundert Chronometer zu bauen, die auch auf langen Seereisen genau gingen. Dadurch konnten Seeleute den Zeitunterschied zum Heimathafen feststellen – und so den Längengrad bestimmen.

Der Blick zum Himmel blieb jedoch unerlässlich zur Positionsfeststellung. Mit Sextanten maßen die Kapitäne Entfernungen zwischen Sonne, Sternen und dem Horizont. Das wurde erst in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts weitgehend überflüssig, nachdem die Menschen Satelliten in den Orbit schossen. Mindestens 24 der künstlichen Himmelskörper braucht das Global Positioning System (GPS), um die Position eines beliebigen Punktes auf der Erde festzustellen. „Die Erfindung der Satellitennavigation ist mindestens so bedeutend wie die Entdeckung des Längengrades“, sagt Hubert Bischoff, Leiter der Kommission für angewandte Kartographie bei der Deutschen Gesellschaft für Kartographie.

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