Großes Kino: Licht, Luft, Geduld: Filme mit besonderer Atmosphäre

Großes Kino: Licht, Luft, Geduld: Filme mit besonderer Atmosphäre

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Dominik Graf, 55, erhielt schon für seinen Abschlussfilm an der Münchner Filmhochschule den Bayerischen Filmpreis. Er führte unter anderem Regie bei den Kinofilmen „Die Katze“, „Die Sieger“, „Der Felsen“ und „Der rote Kakadu“. Graf ist mehrfacher Grimme-Preisträger und unterrichtet als Professor für Spielfilmregie an der Kölner Filmschule. Am 11. Februar läuft im ZDF sein Krimi „Eine Stadt wird erpresst“

Was macht einen guten Film aus? „Drehbuch, Drehbuch, Drehbuch“ – das war jedenfalls die Meinung von Billy Wilder. Ein Satz wie eine Abrissbirne, ganz im Sinne einer Filmindustrie, die immer auf totale Kontrolle setzt – aber antifilmisch bis ins Mark. - Regisseur Dominik Graf über Filme mit ganz besonderer Atmosphäre.

Ein gutes Drehbuch mag ja eine nette Basis für einen guten Film sein, doch das Schönste entsteht erst aus dem Überflüssigen, spannend wird es außerhalb des Kalkulierten. Erst durchs Improvisieren am Set schafft man den Sprung von der Drehbuch-Verwaltung zum Kino. „Das Licht filmen“, hat Jean Eustache das einmal genannt, „denn das Licht ist die Luft der Zeit.“ Den Ton finden, auf dem der Moment schwebt – das ist eine der wichtigsten Aufgaben eines Regisseurs.

Eustache, dieser geniale Franzose, hat seinen eigenen Anspruch ans Kino voll eingelöst. Nicht nur in seinem Hauptwerk „Die Mama und die Hure“, der von der Liebe eines maßlos egoistischen Mannes zu zwei Frauen erzählt. Schon in seinem ersten Werk, dem Kurzfilm „Les Mauvaises Fréquentations“, traf er den Nagel auf den Kopf – mit einer einfachen Geschichte von zwei kleinen Ganoven, die an einem Frühlingssonntag eine Frau kennenlernen, diese erst zum Tanzen ausführen, dann beklauen und später vom schlechten Gewissen gepeinigt werden. Der Film dauert gerade mal 40 Minuten– und doch hat der Zuschauer das Gefühl, den wunderbaren Kosmos des Paris der Sechzigerjahre einmal hin und zurück durchquert zu haben.

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Auch Nicolas Roeg ist ein Meister darin, Stimmungen auf die Leinwand zu bannen. Er folgt beim Inszenieren überhaupt nicht dem, was vorher vielleicht am Reißbrett zurechtgelegt war. „It’s there to be seen“ lautete sein Credo – folge dem, was du siehst. Für ihn ist das Filmen erst interessant, wenn es unberechenbar wird, spontan, stündlich neu. So wie in „Wenn die Gondeln Trauer tragen“, für den er Szenen drehte, ohne sie vorher hinzuschreiben oder zu diskutieren– etwa die berühmte Liebesszene zwischen Donald Sutherland und Julie Christie. Es wurde Filmgeschichte daraus – gewissermaßen aus der Hüfte geschossen. Auch bei „Bad Timing“, einer in tiefsten Tiefen berührenden Patchwork-Geschichte zwischen Theresa Russell und Art Garfunkel, merkt man, dass beim Drehen Dialoge aus dem Skript völlig geändert oder gestrichen wurden. Manchmal hat man gar den Eindruck, Roeg habe die Crew nach Hause geschickt und ohne sie weitergedreht. Ein Film über eine Beziehung wie eine Bewusstseinserweiterung ohne Drogen. Wer sich drauf einlässt, begreift hinterher ein wenig mehr vom Leben.

Zu den großen Improvisatoren in Deutschland gehört seit jeher Klaus Lemke, der mit seinen tollen Laien unglaublich schlau, spontan und sensibel umgeht. Auch wenn selbst seine besten Filme wie „Rocker“ dramaturgisch nicht immer völlig im konventionellen Lot zu sein scheinen: Sie sind bissig, dreckig, echt, melancholisch und strotzen von Luft und Leben. Auch Roland Klick war so ein deutscher Regisseur der Siebzigerjahre, der endlich mal alles anders machte. Und obwohl Produzent Bernd Eichinger ihn als Regisseur von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ feuerte, weil er ihm zu dicht an der Wirklichkeit war: Klicks Filme wie „Deadlock“, ein skurriler Western, „Supermarkt“ oder die Simmel-Verfilmung „Lieb Vaterland magst ruhig sein“ haben ein wenig Subkultur in die trivialen Genres reingetragen – so wie einst die Comics gegen die hohe Literatur revoltierten.

Dass man auch über Themen wie die RAF-Zeit einen ganz anderen Film machen kann als die übliche deutsche Konsens-Oper zum Historienthema, zeigen so vergessene Perlen wie „Kleinhoff Hotel“ von Carlo Lizzani. Mit speziellem Blick auf Westberlin beleuchtete er bereits 1978 den heißen deutschen Herbst. Er erzählt eine zweitägige Liebesgeschichte zwischen einem untergetauchten Terroristen und einer Architektengattin, verlegt in ein wunderbar heruntergekommenes Hotel in Charlottenburg, das in seinem permanentem Halbdunkel vom ersten Blick an eine viel erotischere Atmosphäre transportiert als sie jede deutsche Großproduktionen auch nur für Sekunden haben darf.

Aber wer solche Filme genießen will, darf sich als Zuschauer eben nicht einfach zurücklehnen und warten, dass ihn die glattgebürstete Dramaturgie und die üblichen Effekte schon wegschwappen werden. Er muss selbst etwas mitbringen – Geduld und eine Sehnsucht, sich von Neuem, Ungesehenem, Wahrhaftigem verzaubern zu lassen. Dann wird er belohnt –- von Momenten, die er noch nie gesehen oder erlebt hat.

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